Hintergrund RHEINPFALZ Plus Artikel Doping ohne Schuld? Wenn Essen plötzlich zur Falle für Sportler wird

Der Alltag selbst kann zur potenziellen Dopingquelle werden: Essen, Hautkontakt, Nahrungsergänzungsmittel. „Kontamination oder b
Der Alltag selbst kann zur potenziellen Dopingquelle werden: Essen, Hautkontakt, Nahrungsergänzungsmittel. »Kontamination oder bewusstes Doping, wer soll das entscheiden und dann eine Zwei- oder Vierjahressperre verhängen?«, fragt Nada-Vorstandschef Lars Mortsiefer.

Ein Stück Fleich. Ein Spray. Ein Händedruck – und ein Athlet ist ein Betrüger. Doch nicht immer ist es Doping. Kontaminationen als reale Gefahr – und perfekte Ausrede.

Ein Jahrmarkt, vielleicht sogar ein Weinfest in der Pfalz, an den Ständen warten Bratwurstbrötchen, Zuckerwatte, glasierte Äpfel. Würde ein Leistungssportler mal alle Trainingspläne vergessen und zwei Wochen vor einem Wettbewerb beherzt zubeißen? Marek Leipold muss bei diesem Gedankenspiel lachen. „Glück im Unglück für mich. Ich bin teilweise sehr pingelig, was Essen angeht, und gar nicht so der Fan davon, abgefahrenes Zeug zu essen“, sagt der Flossenschwimmer aus Erfurt, „deshalb passiert es selten, dass ich etwas esse, wo irgendwas drin sein könnte.“ Was er mit „irgendwas“ meint: verbotene Substanzen, die einem Athleten zum Verhängnis werden könnten. Und wer soll schon immer genau wissen, auf welche Ideen die Lebensmittelindustrie kommt?

Doch nicht immer ist ein Blick auf die Zutatenliste des eigenen Essens möglich. Vergangenen Sommer startet Leipold bei den World Games, quasi den Olympischen Spielen jener Sportarten, die nicht zum olympischen Programm gehören. Mit seiner Flosse durchpflügt Leipold das 50-Meter-Becken in 16 Sekunden, im chinesischen Chengdu gewinnt er zweimal Gold mit der Staffel. Während der Wettkämpfe wohnt er in einem riesigen Hotelkomplex. „Ich habe nur dort gegessen, nur das, was sie uns gegeben haben. Ich bin nicht rausgegangen“, sagt Leipold, „viele Gedanken habe ich mir ehrlicherweise aber nicht gemacht.“

Bereits geringe Mengen führen zu positiven Tests

Hat sich der 20-Jährige damit in Gefahr begeben? Zwar ist Clenbuterol als Mastmittel in der Tierzucht in China mittlerweile offiziell verboten. Eingesetzt wird der Stoff aber noch immer. Als Medikament taugt Clenbuterol zur Behandlung von Asthma, in hoher Dosierung aber regt es den Stoffwechsel, die Fettverbrennung und den Muskelaufbau an. Deshalb gilt es als Dopingmittel. Es gibt keinen Grenzwert, bereits geringe Mengen führen zu positiven Tests. Die Nationale Anti Doping Agentur rät Sportlern daher noch immer vom Fleischverzehr in China ab. „Ich bin mit dem Vertrauen reingegangen, dass es halt die World Games sind und dass wir schon nichts im Fleisch haben werden“, sagt Leipold, „dann hätten die ja auch einfach mal 2000, 3000 Sportler ausgeknockt auf einen Schlag.“ Für einen Sportler ist es gewiss eine Horrorvorstellung: ungewollt gedopt.

Clenbuterol ist das wohl häufigste Beispiel von Kontaminationen in Lebensmitteln. Mittlerweile lässt sich durch eine Haarprobe verlässlich belegen, ob ein Sportler das Mittel sporadisch oder durchgängig eingenommen hat – sprich: versehentlich oder mit dem Ziel, seine Leistung durch gezieltes Doping zu steigern. Eine solche Haarprobe half 2010 auch dem Tischtennisspieler v, sich zu entlasten. Nach einer Reise nach China wiesen bei ihm A- und B-Probe Clenbuterol auf. Er war mehrere Monate gesperrt, bis der Deutsche Tischtennisbund die Suspendierung aufhob – weil die Funktionäre Ovtcharov glaubten, kontaminiertes Essen habe dazu geführt, dass der verbotene Wirkstoff in seinem Körper gefunden wurde.

Der Sport im Dilemma aus Doping, Schuld und Unschuld

Etwa zur gleichen Zeit wurde der dreifache Tour-de-France-Sieger Alberto Contador des Clenbuterol-Dopings überführt. Auch der Spanier behauptete, das Mittel unabsichtlich über ein verunreinigtes Rindersteak, das er am zweiten Ruhetag der Tour 2010 vor einer Pyrenäen-Etappe aß, zu sich genommen zu haben. Nur: In Europa gilt Clenbuterol in der Tiermast wegen verschärfter EU-Kontrollen praktisch als ausgeschlossen. Die spanischen Rindfleischzüchter belegten, dass bei 14.179 Testungen im Jahr 2010 kein einziger Clenbuterol-Fall auftrat.

Kontaminationen führen den Sport in ein Dilemma, wenn es um Doping, Schuld und Unschuld geht. „Diejenigen, die betrügen wollen, suchen sich die schwächste Situation des Gesamtsystems aus“, sagt Lars Mortsiefer, Vorstandsvorsitzender und Leiter des Ressorts Recht der Nationalen Anti Doping Agentur (Nada). Verunreinigungen sind für Sportler eine reale Gefahr – und zugleich die perfekte Ausrede. „Die Analytik kann sagen, was im Körper ist“, sagt Mortsiefer, „aber nicht, wie es hineingekommen ist.“

Analytik ist um das 2500-fache genauer geworden

Normalerweise verbringt Andreas Thomas die meiste Zeit des Berufslebens im Labor des Instituts für Biochemie der Deutschen Sporthochschule Köln. „Aber manchmal lassen sie mich auch raus“, sagt der Wissenschaftler und schmunzelt. Im Kölner Anti-Doping-Labor beschäftigt er sich damit, Proben von Sportlern zu analysieren. „Die Analytik ist um das 2500-fache empfindlicher geworden in dem, was nachgewiesen werden kann“, sagt er. Gemessen wird mittlerweile in Pikogramm, das ist das Billionstel eines Gramms. Thomas ist überzeugt: Ist etwas im Körper des Sportlers, was dort nichts zu suchen hat, finden es die Forscher. Die Frage, die er sich stellt, ist aber, ob der Athlet es bewusst eingenommen hat, um seine Leistung illegalerweise zu steigern.

Spektakulär: Flossenschwimmer Marek Leipold in Aktion. Von Nahrungsergänzungsmittel hebt er immer eine Probe auf.
Spektakulär: Flossenschwimmer Marek Leipold in Aktion. Von Nahrungsergänzungsmittel hebt er immer eine Probe auf.
Dimitrij Ovtcharov, hier 2011, wurde 2010 positiv auf Clenbuterol getestet. Er konnte seine Unschuld beweisen.
Dimitrij Ovtcharov, hier 2011, wurde 2010 positiv auf Clenbuterol getestet. Er konnte seine Unschuld beweisen.
Zwischen Doping-Jäger und Anwalt des Athleten: Lars Mortsiefer von der Nada.
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Olympia 1992 in Barcelona: Dieter Baumann läuft zu GOld über 5000 Meter.
Olympia 1992 in Barcelona: Dieter Baumann läuft zu GOld über 5000 Meter.
Dieter Baumann wird positiv auf Nandrolon getestet. Er sagt, das Mittel sei in seine Zahnpasta gespritzt worden.
Dieter Baumann wird positiv auf Nandrolon getestet. Er sagt, das Mittel sei in seine Zahnpasta gespritzt worden.
Das Interesse am Fall Baumann ist enorm.
Das Interesse am Fall Baumann ist enorm.
Bei den French Open 2024 schlägt bei Jannik Sinner der Doping-Schatten mit. Seine Sperre wurde durch einen Deal angepasst.
Bei den French Open 2024 schlägt bei Jannik Sinner der Doping-Schatten mit. Seine Sperre wurde durch einen Deal angepasst.
Ein paar Monate später siegt Jannik Sinner bei den US Open.
Ein paar Monate später siegt Jannik Sinner bei den US Open.

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„Wir haben in Sonnencremes Wirkstoffe gefunden, die der Körper zu Dopingsubstanzen umbauen kann“, sagt Thomas. Für Freiluftsportler kann das gefährlich werden, für Triathleten zum Beispiel oder Marathonläufer, die bei großer Hitze unterwegs sind. Selbst in Vitamin-C-Brausetabletten können anabole Steroide in geringsten Mengen vorkommen. „Daraus ergibt sich keinerlei Doping-Effekt“, sagt Thomas, „aber es reicht natürlich, um die nächsten zwei bis drei Tage positiv zu sein.“ Anabole Steroide sind gut nachweisbar – und es gibt auch hier keinen Grenzwert.

Die Folgen können drastisch sein. Denn laut Artikel 2.1 des Anti-Doping-Codes der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) bedeutet das reine Vorhandensein einer verbotenen Substanz einen Verstoß, der zu einer Sperre führt. Anders als im Strafrecht gilt im Sportrecht keine Unschuldsvermutung. Stattdessen dienen positive A- und B-Probe als Schuldbeleg. Gemeinhin gilt diese Umkehr der Beweislast als fundamentales Prinzip im Anti-Doping-Kampf. Die Logik dahinter: Wenn ein Sportler beweisen muss, unschuldig zu sein (was schwer bis unmöglich erscheint), macht er sich gar nicht erst schuldig. Aber was, wenn eine verbotene Substanz ungewollt in den Körper gelangt?

Wie sauber ist der Sport?

12.100 Kontrollen hat die Nada im Jahr 2024 durchgeführt und dabei 16.386 Proben genommen, davon waren 11.971 Urin- und 4415 Blutproben. 93 mögliche Verstöße registrierte die Nada, 20 Athleten wurden tatsächlich bestraft. Das spricht für einen sauberen Sport. Doch diesen Statistiken stehen anonyme Umfragen gegenüber, mitunter sogar durch die Wada selbst, die andere Zahlen zeigen. Demnach gaben beispielsweise 21 Prozent der Teilnehmer der Commonwealth-Spiele 2022 an, sie hätten in den zwölf Monaten vorher gedopt. In der Bundesrepublik gab es 2012 eine ähnliche Befragung. 1150 Athleten haben damals bei der Studie der Deutschen Sporthilfe ohne Namensnennung mitgemacht – 53,4 Prozent sagten, sie würden nicht regelmäßig dopen. Sechs Prozent antworteten auf die entsprechende Frage mit „ja“, 40,7 Prozent antworteten gar nicht.

Im Normalfall ist die Aufgabe der Labore, Betrüger im Sport zu überführen. Doch manchmal werden die Analysten eben auch zum Anwalt der Athleten. „Der Nachweis eines positiven Tests ist schnell gemacht. Aber zu zeigen, dass es eine Kontamination ist, das ist enorm aufwendig“, sagt Biochemiker Andreas Thomas. Und manchmal ergeben sich Zusammenhänge erst nach einiger Zeit. Das Mittel Clomifen etwa hilft Frauen beim Kinderwunsch, es löst den Eisprung aus. Als Antiöstrogen wird es im Sport aber auch als Dopingmittel missbraucht, um die körpereigene Testosteronproduktion nach einer Anabolika-Kur anzukurbeln. Allerdings gibt es einen Wirkmechanismus im Hintergrund: Bekommen Hennen Clomifen verabreicht, legen sie mehr Eier. Über die Nahrung kann die Substanz so unbeabsichtigt in den Körper eines Athleten gelangen. „Solche Studien brauchen unheimlich viel Zeit“, sagt Thomas, „im Zweifelsfall wird das aber gemacht, um dem Athleten wirklich zu helfen, seine Theorie der Kontamination zu untermauern.“ Der Nachweis von geringen Mengen einer Dopingsubstanz kann für den unbeabsichtigten Konsum sprechen. Er kann aber auch absichtliches Doping mit Mikrodosen bedeuten. Oder dass die Einnahme schon eine Weile zurückliegt und das Mittel im Körper bereits weitestgehend abgebaut ist.

Baumanns Zahnpasta-Affäre und Doping im Abfluss

Langstreckenläufer Dieter Baumann wird 1999 zweimal positiv auf die Substanz Nandrolon getestet. Der Olympiasieger von 1992 über 10.000 Meter beteuert seine Unschuld, sieht sich als Opfer einer Intrige und vermutet, dass das verbotene Mittel in seine Zahnpastatube injiziert wurde. Auch ihm hilft eine Haarprobe, um vom Vorwurf des Dopings freigesprochen zu werden. Der Internationale Leichtathletikverband aber hebt den Freispruch aus Deutschland wieder auf. Dieter Baumann wird für zwei Jahre gesperrt, seine Karriere ist am Ende.

Das Rätsel um die Zahnpastatube wird nie ganz aufgeklärt. Klar ist: Kontaminationen können vorkommen. Klar ist aber auch: Athleten nutzen das Argument immer wieder als Begründung für positive Befunde. Das war in der Vergangenheit so, und das ist heute so. 2021 werden 23 chinesische Weltklasse-Schwimmer positiv auf das verbotene Herzmittel Trimetazidin getestet. Der Fall gelangt erst zwei Jahre später an die Öffentlichkeit. Die Welt-Anti-Doping-Agentur muss sich Vertuschungsvorwürfe gefallen lassen, weil sie keine eigenen Untersuchungen angestellt habe und einen Bericht der chinesischen Doping-Jäger einfach hingenommen hat. Diesem Dokument zufolge seien die positiven Tests auf eine Kontamination zurückzuführen – und zwar in einer Hotelküche. Die Ermittler hätten Spuren von Trimetazidin in der Dunstabzugshaube, an Gewürzcontainern sowie im Abfluss gefunden. Die positiven Tests bleiben für die 23 chinesischen Athleten ohne Folgen. 13 von ihnen starten bei Olympia 2021 in Tokio und gewinnen drei Gold- und zwei Silbermedaillen.

Wie schwierig es ist, zwischen unschuldigem „Doper“ und schuldigem Betrüger zu unterscheiden, zeigt der Fall von Jannik Sinner. Der italienische Tennisprofi wurde 2024 positiv auf das Steroid Clostebol getestet. Die Wada und er einigten sich auf einen Deal und eine Sperre von drei Monaten – wegen Fahrlässigkeit. „Einvernehmliche Lösungen gehören dazu“, sagt Nada-Chef Lars Mortsiefer, „aber es muss eben transparent sein. Das war es in diesem Fall nicht unbedingt.“

„Kontamination oder bewusstes Doping, wer soll das entscheiden?“

Sinner gab an, das Steroid sei über seinen Physiotherapeuten in seinen Körper gelangt. Der Masseur habe ein Spray benutzt, das Clostebol enthält und in Italien rezeptfrei erhältlich ist, um eine Wunde an seinem Finger zu behandeln. Da der Physio keine Handschuhe trug, habe er das Clostebol sozusagen direkt in den Körper des damaligen Weltranglistenersten einmassiert.

„Kontamination oder bewusstes Doping, wer soll das entscheiden und dann eine Zwei- oder Vierjahressperre verhängen?“, fragt Mortsiefer, „die juristische Bewertung hinkt der analytischen Entwicklung hinterher.“ Tatsächlich können Substanzen wie Clostebol über Hautkontakt übertragen werden – beim Händeschütteln, beim Abklatschen, beim Jubeln mit Fans. Der Alltag selbst wird zur potenziellen Dopingquelle. „Konsequenz wäre ein vollkommen steriler Sport“, sagt Mortsiefer, „aber wollen wir das?“

Kontaminiertes Fleisch, Sonnencreme, Hautkontakt – am häufigsten beobachten die Experten unbeabsichtigtes Doping aber anderswo. „Nahrungsergänzungsmittel sind der Klassiker“, sagt Biochemiker Andreas Thomas, „was bei den Inhaltsstoffen steht, da kann man genauso gut würfeln.“ Es gebe keine Gütesiegel mit Ausnahme der sogenannten „Kölner Liste“. Das Anti-Doping-Labor untersucht die Supplements genau und gleicht die Zutaten mit der Liste der verbotenen Substanzen ab.

Nahrungsergänzungsmittel aus finanzieller Not

Viele Sportler orientieren sich an der „Kölner Liste“ – und heben zur Sicherheit inzwischen selbst Proben ihrer Nahrungsergänzungsmittel aus derselben Packung auf, um im Fall der Fälle nachweisen zu können, was sie zu sich genommen haben – und um diese Mittel dann analysieren zu lassen. „Generell hilft eine genaue Dokumentation, um mögliche Kontaminationsszenarien aufzuzeigen“, sagt Mortsiefer.

Um in seinem Sport Leistung erbringen zu können, muss Flossenschwimmer Marek Leipold gut 200 Gramm Eiweiß pro Tag zu sich nehmen. Um die Menge zu erreichen, setzt er auf Nahrungsergänzungsmittel. Aber nicht, weil er Angst vor verunreinigtem Fleisch und ungewolltem Doping hat. „Wenn man das nur mit Fleisch macht, sind es knapp 20 Euro pro Tag“, sagt der Sportsoldat der Bundeswehr, „das kann ich mir finanziell gar nicht leisten.“

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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