Iran
Der Systemsprenger: Wie Trump Krieg führt
„Generäle führen stets den vorangegangenen Krieg“, soll Georges Clemenceau, Frankreichs Regierungschef am Ende des Ersten Weltkriegs, einmal gesagt haben. Hat US-Präsident Donald Trump also den Iran angegriffen, weil er und sein Militär glaubten, es werde wieder alles glattgehen, so wie zuvor bei der Entführung des venezolanischen Machthabers Nicolás Maduro? Zügig, ohne Verluste?
Wie im vergangenen Herbst in der Karibik wurde im Nahen Osten über Wochen eine riesige Streitmacht zusammengezogen – und dann kam urplötzlich der Angriff, völlig überraschend für den Gegner, das eigene Volk und den Rest der Welt.
Selbstüberschätzung darf man Donald Trump, dem selbst ernannten Friedenspräsidenten, der behauptet, in acht Monaten acht Kriege beendet zu haben, getrost unterstellen. Dass seine Militärs ihn aber nicht über die möglichen Herausforderungen eines Angriffs auf das Mullah-Regime informiert hätten – das ist doch eher unwahrscheinlich, auch wenn der US-Präsident mit seinem Verteidigungsminister schon so manchen besonnenen Offizier zum Rücktritt getrieben hat und die Jasagerei im Weißen Haus virulent ist.
Wie die USA Krieg führen, war bisher vor allem das Ergebnis zweier Waffengänge des 20. Jahrhunderts: des Vietnamkriegs in den 1960er- und 1970er-Jahren und des Golfkriegs 1990/91 gegen Saddam Husseins Irak. Das Fiasko in Vietnam mit 58.000 gefallenen US-Soldaten zerriss die amerikanische Nation und führte dazu, dass der US-Kongress 1973 die War Powers Resolution verabschiedete. Dieses Gesetz sollte helfen, künftige Präsidenten bei Militäreinsätzen im Ausland einzuhegen.
Im Golfkrieg dann schmiedete die Regierung unter Präsident George Bush Senior vor der Intervention eine breite internationale Allianz. Zudem wurde ausdrücklich das Ziel der Befreiung Kuwaits gesetzt. Es wurde mit überwältigender Feuermacht schnell erreicht. Als Schiiten im Süden Iraks einen Aufstand gegen den Diktator in Bagdad wagten, hielten sich die USA heraus. Die irakische Opposition wurde abgeschlachtet.
Amerikas Kriege im Irak und in Afghanistan in den ersten beiden Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts folgten der 1991 geprägten Powell-Doktrin, benannt nach Generalstabschef Colin Powell, der später auch US-Außenminister wurde. Er propagierte Krieg als letztes Mittel, er forderte eine Exit-Strategie und er setzte wie eben damals im Wüstensand von Kuwait auf überwältigende Übermacht, um den Gegner schnell zu schlagen.
Dass sich die Kriegsbegründung im Nachhinein als Luftschloss der Geheimdienste erwies, sei ausdrücklich erwähnt. Und trotz bester Vorbereitung wurden aus schnellen Siegen auf dem Schlachtfeld 2001 und 2003 kostspielige Dauerkonflikte mit Millionen Opfern am Hindukusch und am Persischen Golf. Trump hat diese Kriege schon vor seiner ersten Präsidentschaft immer wieder als „Forever Wars“ zum Schaden der amerikanischen Steuerzahler gegeißelt. Sowohl in seiner ersten als auch in der zweiten Amtszeit war er aber nie ein Isolationist, obwohl viele seiner Anhänger daran glauben wollen. Seit Amtsantritt 2025 hat er in sieben Ländern angegriffen: Iran, Irak, Somalia, Jemen, Nigeria, Syrien und Venezuela. Trump autorisierte vergangenes Jahr mehr Luftschläge als sein Amtsvorgänger Joe Biden binnen vier Jahren.
Von der Powell-Doktrin ist heute nicht mehr viel übrig. Den Gegner mit erdrückender Übermacht zu attackieren, bleibt ein Kriterium. Aber Koordination mit den Alliierten, zumal im Voraus? Fehlanzeige. Autorisierung durch den Kongress? Humbug. Klares Ziel? Nun ja ... Nicht einmal die einstige Ansage Trumps, höchstens Spezialeinheiten, aber keine Bodentruppen im großen Stil einzusetzen, gilt noch. Widersprüchliche Aussagen zu den Zielen des Irankriegs schwirren umher. Regimewechsel? Eigentlich ja, aber am Ende eben doch die Aufgabe der Iraner. Kurz und klar? Vier oder sechs Wochen können lang werden. Und wenn Trump es wünscht, kann er auch länger, sagt er. Je länger der Krieg aber dauert, umso schwieriger wird es, die eigenen Truppen und Stützpunkte und auch die von Irans Gegenwehr betroffenen Alliierten zu schützen, allen voran Israel, aber auch die Golfstaaten. Die Munition für Luftabwehr dürfte bald knapp werden. Schon im Zwölf-Tage-Krieg gegen Irans Atomprogramm im Juni 2025 verschoss das US-Militär ein Viertel seiner Abfangraketen vom Typ THAAD, um Irans Gegenangriffe zu neutralisieren.
Je länger der Krieg dauert, umso höher werden die Kosten für die Weltwirtschaft. Und umso größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass Trump einen innenpolitischen Preis bezahlen muss. Eine Woche vor der Attacke gegen die Mullahs waren nur 27 Prozent der Amerikaner der Meinung, ein Krieg gegen den Iran sei sinnvoll. Seine Republikaner-Partei könnte bei der Kongresswahl im November für dieses Abenteuer abgestraft werden.
Bis auf Weiteres aber glaubt Trump, gemeinsam mit Israel auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. So oder so wird der Waffengang jedenfalls künftige Konflikte beeinflussen.
Historiker und Militäranalysten versuchen sich bisher vergeblich an der Definition einer Trump-Doktrin. Angesichts der Sprunghaftigkeit dieses Präsidenten wird die Suche nach Logik andauern. Das Chaos kann man als strategische Ambiguität loben – im Krieg kann es nützen, wenn einen der Gegner falsch liest. Es kann aber auch zur Eskalation führen.
Was uns Alliierte in Europa betrifft, muss man leider sagen, dass dieser Krieg das Zeug hat, den letzten Funken Hoffnung auszulöschen, dass mit diesen Vereinigten Staaten noch verlässlich zusammenzuarbeiten ist. Trump hat einen Krieg begonnen, den es ja nach seiner eigenen Aussage nicht mehr brauchte: Das Atomprogramm der Iraner sei vernichtet worden, behauptete er stolz im Juni 2025. Die USA führten fortan die Regierungsgeschäfte in Venezuela, hat Trump erklärt. Tatsächlich regiert dort weiter das Maduro-Regime.
Die USA unter Trump sind auch kein „Weltpolizist“ mehr. Der Begriff setzt voraus, dass sich die US-Regierung an Recht und an Werte gebunden sieht, die es zu schützen gilt. Trump glaubt nur an die Maxime „Macht gibt Recht“. Das ist Arroganz pur. Zumal nicht alles, was militärisch geht, klug und zielführend sein muss. Von Clemenceau stammt auch dieses Bonmot: „Der Krieg ist eine zu ernste Sache, um ihn Militärs anzuvertrauen.“
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.