Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Das Reben-Beben: Wie wir unseren Weinbau retten

Seit römischer Zeit prägen Reben mit ihren Trauben die Pfalz – ist die so entstandene Kulturlandschaft in Gefahr?
Seit römischer Zeit prägen Reben mit ihren Trauben die Pfalz – ist die so entstandene Kulturlandschaft in Gefahr?

Die bisherigen Weinmengen lassen sich nicht mehr kostendeckend verkaufen. Um die Katastrophe abzuwenden, müssen die Winzer konsequent umsteuern.

Es ist ein altes, wenn auch nicht ganz falsches Klischee, dass Landwirte immer jammern, egal was passiert. Aktuell jedoch geht es dem Weinbau wirklich schlecht. Vor allem die Einkäufe der Verbraucher an deutschem Wein sind in den vergangenen beiden Jahren deutlich zurückgegangen. Der dadurch ausgelöste Überschuss an Wein in den Kellern führte bei den Trauben- und Fassweinwinzern zu Preisen, die keinesfalls die Kosten decken. Für bis zu einem Drittel der Betriebe ist dies existenzbedrohend.

Jetzt rächen sich auch jahrzehntelange Versäumnisse. Statt sich insgesamt oder mit einzelnen Anbaugebieten klares Profil zu verschaffen, setzten Weinbaupolitik und Weinwerbung auf mit Qualitätssiegel versehenen Massenwein. Angepriesen wurde und wird – diffus und nicht wirklich marketingtauglich – die „Vielfalt“ des deutschen Weines. Dabei würde ein Blick in die Welt des Weines genügen, um festzustellen, dass alle – ausnahmslos alle! – erfolgreichen Weinbaugebiete der Welt keinen unübersichtlichen Bauchladen, sondern ein klares Profil besitzen. Nur einige Beispiele sind die Champagne, Barolo, Chablis, Rioja, Bourgogne, Rueda, sogar Prosecco. Deutsche „Vielfalt“, die das Deutsche Weininstitut verbissen bis heute bewirbt, interessiert allenfalls Weinliebhaber, die man nicht mehr überzeugen muss. Jüngeres Publikum oder ausländische Kunden wollen klare Aussagen. Sie wollen wissen, was sie bekommen, wenn „Pfalz“ auf der Flasche steht.

Aber was sollen die Weinwerber auch machen: Interessenverbände haben jahrelang jede sinnvolle Eingrenzung des Angebots torpediert. In der Pfalz darf nach wie vor Wein aus mehreren Dutzend Rebsorten von jedem beliebigen Quadratmeter Weinbaufläche als Qualitätswein Pfalz vermarktet werden.

Klares Profil entwickeln

Eine vernünftige, unmittelbar am Regal erkennbare Abgrenzung von individuellen, hochwertigen Weinen und einfachen Alltagsweinen existiert nicht. Beides hat zweifellos seine Existenzberechtigung. Aber man muss ehrlich sein und nicht dem Verbraucher auch noch bei schlichtester Vier-Euro-Qualität hochwertigen Lagen- oder Prädikatswein vorgaukeln. Das hilft dem einfachen Wein nicht weiter und schadet dem hochwertigen. Konsequent wäre, auch die Flächen deutlich zu trennen, auf denen hochwertiger Qualitätswein und einfacher (Deutscher Tafel-)Wein erzeugt werden kann.

Den weltweiten Rückgang des Weinkonsums wegen der geänderten Grundhaltung zu Alkohol hätte ein solches Umsteuern nicht verhindert, aber man wäre besser vorbereitet auf die heutige Situation. Jetzt zu „fordern“, der deutsche Konsument müsse halt (zum Beispiel jährlich eine Flasche) mehr deutschen Wein trinken statt ausländischen, ist bestenfalls naiv. Wer soll das durchsetzen? Sollen die Franzosen und Spanier dann nach der gleichen Logik keine deutschen Autos und Maschinen mehr kaufen?

Ein schlechter Witz

Verbraucher kann man nicht zwingen, wenn sie sich nach ihren Vorlieben statt nach der Frage „deutsch oder nicht“ orientieren. Das eine Milliönchen Werbegelder, die nun die Bundesregierung als Krisenhilfe zur Verfügung gestellt hat, um sagen zu können, sie tue ja etwas, ist ein Witz und ein Tropfen auf den heißen Stein, erst recht wenn sie ins Label „deutsche Vielfalt“ investiert werden.

Der Staat ist nicht dazu da, immer die Kohlen aus dem Feuer zu holen, wenn eine Branche ihre Hausaufgaben nicht gemacht hat. Bei der Pressekonferenz des Deutschen Weinbauverbandes wurde dieser Tage ein dicker Stapel Forderungen an „die Politik“, sprich: auch an den Steuerzahler vorgelegt. Vieles davon ist sinnvoll, etwa bürokratische Vereinfachungen oder die raschere Umsetzung europäischer Normen. Aber formulierten die Verbandsoberen auch Appelle an ihre Mitglieder, wie diese auf die Krise zu reagieren hätten? Nicht eine einzige wurde genannt. Sind wirklich nur „die Anderen“ gefordert: Verbraucher und Politik? Es würde schon helfen, sich ehrlich zu machen und nicht nur hinter vorgehaltener Hand zuzugeben, dass da eine Katastrophe naht. Den Wein werblich positiv darzustellen, ist eine Sache. Aber deshalb nach außen nicht deutlich zu machen, dass tausende Pleiten und gravierende Veränderungen nicht zu vermeiden sind eine andere. Beides ist nötig.

Wie das Schrumpfen steuern?

Nachdem nun das Kind in den Brunnen gefallen ist, bleibt die Frage, wie es weitergehen kann. Die weltweiten Strukturveränderungen sind nicht aufzuhalten. Dass jetzt kurzfristig sehr viele Winzerfamilien wirtschaftlich am Ende sind, übrigens auch weil auch manche in den guten Jahren allzu leichtfertig investiert hat, statt für schlechte Zeiten zurückzulegen, ist ein Jammer. Aber es wird eine Marktbereinigung kommen, bei der Zahl der Winzerbetriebe und bei der Rebfläche. Die große Frage wird sein, auf welche Art das „Gesundschrumpfen“ durch die Winzer, ihre Verbände und staatliche Vorgaben gesteuert wird. Die vom Weinbauverband geforderte Rotationsbrache würde alle Weinberge, ob wertvoll oder nicht, gleichermaßen treffen. Wo gerodet wird, bliebe das Land einfach einige Jahre länger liegen als bisher üblich – nach Willen des Verbandes natürlich gegen eine Ausgleichszahlung von 3000 Euro pro Hektar.

Erheblich sinnvoller wäre, gezielt Weinberge auf ehemaligen Wiesen und Kartoffeläckern wieder früheren Verwendungen zuzuführen und die alte Weinbau-Kulturlandschaft an den Hängen dauerhaft zu schützen, durchaus auch mit finanziellen Mitteln für den Erhalt der Kulturlandschaft. Natürlich ist das nicht einfach zu organisieren und nur gegen Widerstände durchzusetzen. Aber sinnvoll wäre es. Es ist geboten, genauso wie die überfällige Reform, ein klares, zukunftsfähiges Profil für die deutschen Anbaugebiete zu entwickeln.

Wer die Branche kennt, dürfte freilich wenig Hoffnung haben. Man wird wieder den einfachsten Kompromiss suchen und zusätzlich den Steuerzahler zur Kasse bitten. Leider.

Jürgen Mathäß, 1951 in Landau geborener freier Journalist, Unternehmensberater und Buchautor, begleitet seit vier Jahrzehnten den Weinbau beruflich. Seine Begeisterung für guten Wein hat in dieser Zeit nicht nachgelassen. Dass jetzt eine Katastrophe droht, treibt ihn um. Auf unserer Pfalzseite erscheint regelmäßig sein Weintipp.

Info

Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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