1. FC Kaiserslautern
Das Derby zwischen dem FCK und dem KSC: Wildwest in Südwest
Es ist der 4. Oktober 2014. Der 1. FC Kaiserslautern schlägt den Karlsruher SC durch Tore von Srdjan Lakic und Marcel Gaus mit 2:0. Die Zweitligapartie ist feurig, wie ein Derby es erwarten lässt. Gästespieler Manuel Torres sieht die Rote Karte. Während die Protagonisten nach dem Abpfiff in den Katakomben des an diesem Nachmittag mit gut 39.000 Zuschauern gefüllten Fritz-Walter-Stadions ihre Analysen formulieren, dringt per Lautsprecher plötzlich eine Stimme in den Bauch der Arena. Scharf, eindringlich. Sie kündet von schweren Straftaten, die es sofort zu unterlassen gelte. Aufruhr, auch bei den Spielern. Manche laufen wieder hinaus auf den Rasen, um zu betrachten, was vor sich geht.
Nichts Gutes, das offenbart sich rasch. Auf der gegenüberliegenden Südtribüne fliegen die Fäuste. Ein 100 Mann starker Karlsruher Schlägertrupp hat sich aus dem Gästeblock im Osten hinübergearbeitet und trifft dort auf Gleichgesinnte des FCK. Unbeteiligten steht die Panik in den Augen. Ordner älteren Semesters versuchen sich verängstigt zu schützen. Schon vor der Partie kommt es zu Scharmützeln, nach dem Abpfiff vor allem am Löwenburgkreisel zu Randale. Der Hauptbahnhof muss komplett gesperrt werden, bis die Anhänger des KSC in zwei Sonderzügen abgefahren sind. 23 Menschen werden an diesem Tag verletzt.
Keine Abendspiele mehr
Wildwest in Südwest. Nirgendwo in der Republik sind verfeindete Fußballstämme dichter angesiedelt als hier. Mannheim gegen Kaiserslautern, Kaiserslautern gegen Karlsruhe, Karlsruhe gegen Stuttgart, Stuttgart gegen Frankfurt, Frankfurt gegen Offenbach und überhaupt alle – außer den Raufbolden des SV Waldhof Mannheim, mit denen man eine Freundschaft pflegt. Abendduelle zwischen diesen Klubs werden aus Sicherheitsgründen längst nicht mehr angesetzt. Am 29. Januar 2007, einem Montag, treffen FCK und KSC in Kaiserslautern letztmals in einem echten Abendspiel aufeinander. Anpfiff 20.15 Uhr. Als der aus dem Bahnhof kommende Karlsruher Mob am 11-Freunde-Kreisel vorbei Richtung Stadion marschiert, hat die Polizei alle Mühe, eine Massenschlägerei zu unterbinden. Die Fußballfeinde beschießen sich mit Leuchtspurmunition, es fliegen bengalische Feuer und mit Fäkalien gefüllte Plastikbeutel hin und her. Die Partie endet 1:1. Der Karlsruher SC wird später Meister, der FCK Sechster.
1991 erleben die Zuschauer ein denkwürdiges Derby auf dem Betzenberg. An jenes 3:2 erinnert sich heute noch Oliver Kahn, damals KSC-Torwart. In einem RHEINPFALZ-Interview erzählte der Titan einmal: „Unser Trainer beim Karlsruher SC, Winnie Schäfer, ging mit der ganzen Mannschaft an einem Freitagnachmittag ins leere Stadion. Wir spielten am Freitagabend. Wir standen also auf dem Platz in diesem leeren Stadion. Winnie sagte, dass wir uns nicht zu fürchten brauchen vor dem, was auf uns zukommen wird. Er wollte uns damit die Angst nehmen vor den Emotionen, vor der Lautstärke, vor dem Druck, den so ein Stadion auf die Spieler und auf den Schiedsrichter ausüben kann. Ja, und auch vor den Ergebnissen der Vergangenheit. Was hat der FCK nicht alles für Spiele gedreht.“
Kahn erlebte mit dem KSC unglaubliche Partien auf dem Betzenberg. Nicht nur er war Protagonist dieser Derbys. Auch Thomas Hengen, aktueller Geschäftsführer des FCK und früher in beiden Vereinen Profi, weiß einige Anekdoten zu berichten. Dem 50 Jahre alten Hengen ist besonders das Derby in der Saison 1993/94 in Karlsruhe im Gedächtnis geblieben. „Wir haben damals relativ souverän zur Halbzeit 3:0 geführt. Kurz nach der Halbzeit hat Wolfgang Funkel dann aber eine Rote Karte bekommen. Der KSC kam dadurch zurück ins Spiel und konnte das Spiel auf 3:3 stellen. Meine Aufgabe in diesem Spiel war es, Thomas Häßler Mann-zu-Mann zu decken, das war an einem heißen Nachmittag eine schwierige Aufgabe. Alles in allem waren wir daher damals froh, noch den Punkt mitzunehmen und das Spiel nicht noch zu verlieren.“
Pferde auf dem Rasen
Mannheim gegen Kaiserslautern, Kaiserslautern gegen Karlsruhe, Karlsruhe gegen Stuttgart, Stuttgart gegen Frankfurt, Frankfurt gegen Offenbach – und den KSC. Am letzten Spieltag der Saison 2011/12 gastieren die Hessen als feststehender Bundesliga-Aufsteiger im Wildpark, die Badener können direkt absteigen. Randale droht. Rund 1000 Polizisten sichern die Partie. Eine ihrer Befürchtungen: ein Platzsturm. Als Referee Marco Fritz abpfeift, galoppiert eine Reiterstaffel auf den Rasen und zieht eine Trennlinie zum Frankfurter Fanblock. Apassionata in Karlsruhe. Im Fußballsüdwesten ist eben alles möglich.
Doch es gibt noch eine Steigerung: das Revierderby. Auch das hat Hengen hautnah erlebt – als Profi von Borussia Dortmund. Drei dieser hoch brisanten Duelle spielte er, alle drei gewann der BVB gegen Schalke 04. „Vor diesem Spiel ist bereits die ganze Woche über ein extremer Trash-Talk in der Region zu spüren, eine andere Anspannung – das ist eine andere Dimension als FCK gegen KSC“, sagt Hengen. Wildwest in West. Am Sonntag aber heißt es: Wildwest in Südwest.
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