Hintergrund RHEINPFALZ Plus Artikel Was die Faszination Fußball-Derby bedeutet: Geliebter Feind

Auch Miroslav Klose hat Derby-Erfahrung bei Lazio Rom gesammelt – und mal eben AS-Legende Francesco Totti rasiert.
Auch Miroslav Klose hat Derby-Erfahrung bei Lazio Rom gesammelt – und mal eben AS-Legende Francesco Totti rasiert.

Eine Stadt. Ein Titel. Zwei Mannschaften. So sieht das perfekte Derby aus. Diese Duelle sprühen vor Rivalität, Leidenschaft und Hass. Eine unvollständige Übersicht.

Zwischen Hass und Heldentum liegt nur ein Elfmeter. Es ist der 2. Mai 1999, als Jörg Albertz in der 44. Minute zum Strafstoß antritt – und die Glasgow Rangers am 33. Spieltag der schottischen Liga gegen Celtic Glasgow mit 2:0 in Führung schießt. Zuvor war die Partie lange unterbrochen, Schiedsrichter Hugh Dallas musste mit vier Stichen genäht werden. Er wurde von einem Gegenstand am Kopf getroffen. Kurz darauf stand der Unparteiische wieder im Mittelpunkt: Auch die Entscheidung für den Elfmeter war umstritten.

Drei Jahre vorher wechselt Albertz vom Hamburger SV zu den Rangers – ohne auch nur ansatzweise zu ahnen, welche Bedeutung dieses Stadtderby besitzt. Es sei ihm erst bewusst geworden, als er zur Vertragsunterschrift nach Schottland fliegt, sagt der heute 54-Jährige in der aktuellen NDR-Doku „Die Derbys – Die legendären Fußball-Duelle der Welt“. Da habe ihn der Klubboss gebeten, sich doch bitte nicht zu bekreuzigen, wenn er den Rasen betritt. Denn Fußball ist in der schottischen Hauptstadt auch eine Glaubensfrage: Hier Celtic, der katholisch geprägte Klub irischer Einwanderer. Dort die protestantischen Rangers. Hier die Unterprivilegierten aus den Armenvierteln, dort die britisch geprägte Oberschicht.

Fußball als Glaubenssache: Das Old Firm zwischen Celtic Glasgow und den Glasgow Rangers.
Fußball als Glaubenssache: Das Old Firm zwischen Celtic Glasgow und den Glasgow Rangers.

Zum ersten „Old Firm“ am 28. Mai 1888 pflegen beide Vereine noch ein freundschaftliches Miteinander, nach dem 5:2-Sieg von Celtic in einem Freundschaftsspiel gibt es Tee in der Gemeindehalle. Doch im protestantischen Glasgow des späten 19. Jahrhunderts dauert es nicht lange, bis religiöser Fanatismus um sich greift und sich die sportlichen Rivalen in tiefer Feindschaft gegenüberstehen. Mindestens dreimal treffen die beiden Klubs jede Saison allein in der Liga aufeinander, zum Pokalfinale im Sommer 1969 kommen 132.870 Zuschauer. Zwar ist die schlimmste Tragödie ein Unglück: 1971 sterben bei einer Massenpanik im Ibrox-Stadion der Rangers 66 Menschen. Doch die Spannungen im Duell zwischen Blau und Grün-Weiß entladen sich immer wieder in Gewalt und Unruhen. Mittlerweile gilt bei den Spielen ein Alkoholverbot, seit 1995 sind Fanartikel mit religiösen Motiven verboten.

In trauter Zwietracht

All das hilft, die Gewaltspirale zu durchbrechen, auch die Klubs bewegen sich aufeinander zu – und Glasgow als Stadt hat sich ebenfalls zum Besseren entwickelt. Dennoch bleibt das „Old Firm“ für viele die Mutter aller Derbys. Weil die Paarung all das bietet, was von einem solch besonderen Spiel zu erwarten ist: räumliche Nähe, Leidenschaft, Rivalität, Hass. Eine Stadt. Ein Titel. Aber zwei Mannschaften. Wenn Lokalrivalen gegeneinander antreten, zählt es zum Faszinierendsten, was der Fußball bietet.

Der Kampf um den Ball ist bis heute Tradition in der Grafschaft Derby.
Der Kampf um den Ball ist bis heute Tradition in der Grafschaft Derby.

Egal, ob im Großen oder Kleinen, in den Hauptstädten der Erde oder auf dem Land, wenn Pfälzer Nachbardörfer sonntags in trauter Zwietracht auf dem Acker stehen, der sich Fußballplatz schimpft. So in etwa muss es auch gewesen sein, als Anfang des 17. Jahrhunderts die Bewohner der Unterstadt gegen die Menschen aus der Oberstadt in Ashbourne in der englischen Grafschaft Derby gegeneinander zu Felde zogen. Zwei Tage lang, immer an Fasnachtsdienstag und Aschermittwoch, versuchen mehrere Hundert Akteure, einen Ball in einem der Tore unterzubringen, die rund fünf Kilometer entfernt voneinander liegen. Ein Fluss teilt die Stadt, Regeln gibt es nicht wirklich. Es wird gerungen und gestoßen und manchmal fließt auch Blut unter den Kontrahenten. Die Tradition der Shrovetide Matches hält sich bis heute.

Ob Miroslav Klose Begebenheiten aus dem Oktober des Jahres 2011 aus seinem Gedächtnis kramen kann? Die folgende vermutlich schon: In der dritten Minute der Nachspielzeit erzielt der Mittelstürmer von Lazio Rom das 2:1-Siegtor im Stadtduell mit AS. Tags darauf klingelt es an Kloses Tür im Vorort Olgiata. Der Briefträger ist’s. Er hat keine Post zu überbringen, dafür einen bizarren Wunsch. Ob er etwas Verrücktes tun dürfe, fragt er Klose. Ehe dieser antworten kann, sinkt der Postbote auf die Knie und küsst dem Stürmer die Füße. Fünf Jahre habe er auf einen Sieg gegen den verhassten Erzrivalen warten müssen, erklärt er dem verdutzten Helden.

176 Verletzte, die meisten davon sind Polizisten

Lazio gegen AS, das „Derby della Capitale“, ist eines dieser elektrisierenden Duelle, die nicht allein skurrile Episoden wie diese schreiben, sondern eine Stadt stets auch in Angst und Schrecken versetzen können. Bei dem mit 1:1 zu Ende gegangenen Vergleich in diesem April kommt es zu schweren Ausschreitungen, als 500 meist vermummte Roma-Anhänger versuchen, in die für Lazio-Supporter zugewiesene Zone zu gelangen. Lazio-Hooligans attackieren derweil Sicherheitskräfte. Mehrere Polizisten werden verletzt. Vor allem die „Laziali“ tragen ihre Sympathie für Rassismus und Faschismus offen zur Schau. 2004 setzen die Tifosi beider Klubs erst einen Spielabbruch durch, anschließend eskaliert die Gewalt: 176 Verletzte, davon 155 Polizisten. Auch ein Menschenleben hat das Derby auf dem Gewissen: 1979 wird ein Lazio-Fan von einer Signalrakete aus einem Roma-Block im linken Auge getroffen – und stirbt.

In Rom gibt es ein Colosseum – aber zwei große Fußballklubs. Wenn Lazio und AS aufeinandertreffen, geht’s immer heiß her. Auf de
In Rom gibt es ein Colosseum – aber zwei große Fußballklubs. Wenn Lazio und AS aufeinandertreffen, geht’s immer heiß her. Auf dem Platz, vor allem aber auch daneben. Die Teams in Blau und Rot – hier im Bild Matteo Guendouzi und Lorenzo Pellegrini – kämpfen um dem Sieg, die Fan-Gruppierungen um die rechtsradikale Vorherrschaft in der Stadt.

Derby, das klingt meist nach Emotionen und einem rauschhaften Fußballerlebnis, das wichtiger ist als die Meisterschaft und bei dem es um mehr geht als drei Punkte, selbst wenn sich die Mannschaften auf dem Rasen zu einem schnöden Unentschieden mühen. Doch allzu oft spielen eben auch Ausschreitungen eine Rolle, die dritte Halbzeit ist unter den verfeindeten Anhängern nicht selten die beliebteste. Das Duell zwischen Roter Stern Belgrad und Partizan trägt den Beinamen „Das ewige Derby“, weil sich beide Klubs nicht nur im Fußball immer wieder begegnen – sondern auch im Handball und Basketball.

Es geht um die Vormachtstellung

Ähnlich ist es, wenn es um die sportliche Vorherrschaft in Griechenlands Hauptstadt geht. Jede Partie zwischen Panathinaikos Athen und Olympiakos Piräus wird von Krawallen begleitet, ganz gleich ob beim Fußball oder beim Volleyball. Das zugrundeliegende Muster ist bekannt: Arm gegen Reich. Olympiakos gilt als Klub der Arbeiter, der Verein stammt aus dem früher eigenständigen Piräus, dem historischen Hafens Athens. Panathinaikos repräsentiert die Oberschicht.

Immer emotional, vor allem auf den Rängen: Olympiakos Piräus gegen Panathinaikos Athen.
Immer emotional, vor allem auf den Rängen: Olympiakos Piräus gegen Panathinaikos Athen.

Selbst wenn Klassengrenzen fallen und religiöse Konflikte wie in Glasgow weniger werden, weil Religion in der Gesellschaft zusehends an Bedeutung verliert, bleibt die Verachtung für den Kontrahenten. Statt sich über den eigenen Sieg zu freuen, sei es in Rom miese Sitte, sich vor allem in Spott über die Niederlage des anderen zu ergehen, schrieb der „Tagesspiegel“ einmal. Die vom Verstand befreiten Anhänger der Unterlegenen quittierten dies allzu oft mit Messerattacken. Oder wie der Italien-Experte Julius Müller-Meiningen formuliert: „Es geht um die Demütigung des Nachbarn, Onkels oder Bürokollegen mit allen Mitteln.“

Schon die Anfänge des Stadtderbys in Buenos Aires lassen erahnen, was sich im folgenden Jahrhundert zwischen beiden Klubs abspielen soll. 1907 fügt River Plate dem Konkurrenten Boca die erste Schmach der noch jungen Vereinsgeschichte zu: Beide Teams werden nicht nur im Hafenort La Boca gegründet, sie sehen auch gleich aus. Ein Entscheidungsmatch muss über die Klubfarben entscheiden. River Plate, das später ins Reichenviertel Núñez umsiedelt, siegt und spielt weiter in Rot-Weiß. Die Mitglieder Bocas laufen unmittelbar nach der Niederlage zum Hafen. Sie haben beschlossen, die Farben des nächsten einfahrenden Schiffes anzunehmen. Es ist ein schwedisches. Fortan tragen die Juniors Blau und Gelb.

Bayern gegen 1860 zuletzt 2008

Dass ein Derby über Jahrzehnte Bestand hat, ist heute die Ausnahme. Allzu oft spielen rivalisierende Teams in unterschiedlichen Ligen, entwickeln sich die Mannschaften in verschiedene Richtungen, darbt einer der einst großen Rivalen vor sich hin. In München trafen der FC Bayern und der TSV 1860 zuletzt 2008 im DFB-Pokal aufeinander, in der Bundesliga 2003/04. Den Hamburger SV und den FC St. Pauli trennt derzeit ebenso eine Spielklasse wie Hertha BSC und Union Berlin. Und selbst den Ruhrpott-Schlager zwischen Borussia Dortmund und Schalke 04 gibt es derzeit nicht zu bestaunen. Traditionen brechen weg, doch der sportliche Lieblingsfeind bleibt. Selbst das „Old Firm“ ist von einem Niedergang betroffen: 2012 melden die Glasgow Rangers Insolvenz an und steigen in die vierte Liga ab.

Geht immer heiß her: Roter Stern Belgrad gegen Partizan.
Geht immer heiß her: Roter Stern Belgrad gegen Partizan.

Über die Jahrzehnte fordert die Rivalität des „Superclásico“ in Argentinien zahlreiche Todesopfer, auch durch Mord. Auswärtsfans sind längst verboten. Das Rückspiel um die Copa Libertadores 2018 muss auf neutralem Grund in Madrid ausgetragen werden, da vor der ursprünglichen Ansetzung in Argentinien Bocas Teambus auf dem Weg zum Stadion von River-Ultras angegriffen wird. Steine fliegen, Fenster bersten. Die Polizei setzt Tränengas ein. Boca-Spieler werden durch Glassplitter verletzt. Das Tränengas aber setzt ihnen noch mehr zu.

Es heißt, so geht die Legende, man sei jederzeit willkommen, mit einem Ägypter das Kairo-Derby zwischen Al-Ahly und Zamalek SC zu schauen – so lange man zum Team des Gastgebers halte. Womit nicht zu spaßen ist, denn dieses Spiel galt lange als das gewalttätigste der Welt. Die Stimmung zwischen den Anhängern beider Vereine hat sich seit dem Arabischen Frühling 2011, als man auf dem Tahrir-Platz gemeinsam gegen die Truppen Husni Mubaraks opponierte, merklich verbessert. Dass beide Klubs vom afrikanischen Fußballverband als die zwei wichtigsten des Kontinents angesehen werden, darüber herrschte schon immer breiter Konsens.

In Istanbul balgen sich in Galatasaray, Fenerbahçe und Besiktas gleich drei Mannschaften um die Vormachtstellung, die Duelle sind mal größer, mal kleiner. Weil Derbys aber immer Strahlkraft besitzen, wird der Begriff auch gerne mal überstrapaziert. In Nordrhein-Westfalen könnte es jede Woche zu einem Duell von Lokalrivalen kommen, und ist die Partie zwischen Hoffenheim und Freiburg wirklich ein Baden-Derby? Manche Teams messen dem Duell mit dem Stadtrivalen auch nicht die Bedeutung zu, die andere ihm geben. Für Real Madrid ist der Clásico gegen Barcelona wichtiger als das Spiel gegen Atlético.

Südwest-Schlager als Kindergeburtstag?

In Kairo war (und ist) derweil umstritten, wer nun der Wichtigere unter den Wichtigsten ist. Die Anzahl der Meisterschaften könnte dies beantworten: Al-Ahly gewann 44 nationale Titel, Zamalek SC 14. Im März dieses Jahres kam es zu einem Eklat. Rekordmeister Al-Ahly erschien zum Spiel gegen Stadtrivale Zamalek aus Protest gegen die Schiedsrichteransetzung nicht. Die Fans waren da, die Unparteiischen, die Nationalhymne wurde gespielt, die Spieler von Zamalek SC legten am Mittelkreis die Arme umeinander. Doch niemand stand ihnen gegenüber.

Im Vergleich dazu erscheint es wie ein Kindergeburtstag, wenn der 1. FC Kaiserslautern an diesem Sonntag beim Karlsruher SC gastiert (13.30 Uhr, Liveblog rheinpfalz.de). Emotionen sind aber auch beim Südwest-Derby programmiert. Zur selben Zeit geht in Glasgow das 446. Old Firm über die Bühne. Bis 2001 hat Jörg Albertz bei den Rangers gespielt, er gehört der Ruhmeshalle des Klubs an. Und das als Katholik.

An dieser Stelle finden Sie ein Video via Glomex.

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