Pfalz
Alt, allein und im Kalten: Wer hilft den Bewohnern von Schrottimmobilien?
Die Szene kann wohl beispielhaft für die Anonymität in der Großstadt stehen. Gerhard Krämer* hat also vor nicht allzu langer Zeit eine Frau unten an den Briefkästen getroffen. Die Frau stand da mit Kartons, und da hat Krämer, kommunikativ, gefragt, ob sie denn einziehe. „Nein“, hat die Frau gesagt, „ich ziehe aus“. Gerhard Krämer wohnt seit 47 Jahren im Haus. „Ich hab die vorher noch nie gesehen“, sagt er und muss ein wenig grinsen. Der Heizlüfter brummt in der Einraumwohnung vor sich hin, und er brummt deswegen, weil die Heizung im Haus nicht geht, den ganzen Winter schon. Nachts ist er aus, der Lüfter, wegen Brandgefahr. Wenn Krämer, 86 Jahre alt, sich dann morgens aus den Laken schält, dann hat es im Raum keine zehn Grad.
Es ist die kalte Wohnung von Gerhard Krämer ein kleiner Ausschnitt aus einem größeren Skandal, die RHEINPFALZ am SONNTAG hat mehrfach darüber berichtet: In mehreren Immobilien in Ludwigshafen hat der Vermieter monatelang keine Nebenkosten an den Versorger abgeführt – und der, die Technischen Werke Ludwigshafen (TWL), hatte zwischenzeitlich mit Liefersperren für Strom, Gas und Wasser gedroht. Die Einzelfirmen, denen die Mietshäuser in Ludwigshafen gehören, werden von einer Ltd.-Kapitalgesellschaft mit Sitz in London gehalten. Gegen deren Geschäftsführer, den Deutschen Michael M., läuft inzwischen ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Frankenthal, Verdacht auf Betrug und Untreue („Beinahe-Blackout in Mehrparteienhaus mit acht Arztpraxen“, 3./4. Januar, „Bewohner in Not: Wenn der Vermieter abtaucht“, 11./12. Januar, „Heizung aus, Fahrstuhl kaputt, Decke undicht: Wie lebt man in einer Problemimmobilie?“, 8./9. Februar).
Es ist die kalte Wohnung von Gerhard Krämer also beispielhaft, und dann ist sie es auch wieder nicht.
Hier, im Krämers Mietshaus an der Ludwigshafener Heinigstraße, haben die Bewohner wie in den anderen Immobilien Geld gesammelt und eine direkte Abschlagszahlung an die TWL geleistet. Strom fließt also und damit Warmwasser, in den Bädern gibt es Durchlauferhitzer. Die Heizung wird hier allerdings wohl von einem externen Kontraktor betrieben – und der, mutmaßlich unbezahlt, hat sie dann eben abgedreht, schon vor Beginn der Heizperiode. Seit 23. Dezember 2024 steht das Haus mit der markanten grünen Fassade nach Beschluss des Amtsgerichts Ludwigshafen zudem unter Zwangsverwaltung.
Pech im Unglück also für Gerhard Krämer und die knapp 20 anderen Mietparteien im Wohnungstrakt des Komplexes, die Büroräume im vorderen Teil stehen zum Großteil schon länger leer. Und dann auch wieder ein Glücksfall, so zynisch das jetzt klingt: An der Heinigstraße kann man hinter die Fassade schauen und einen direkten Blick auf ein Problemfeld werfen, das sich mit zwei Fragen verknüpft: Wie kann es sein, dass eine Notlage wie die im Haus an der Heinigstraße mit seinen vielen älteren Bewohnern, seiner maroden Bausubstanz und seinen kalten Wohnungen monatelang unbemerkt bleibt? Und: Ist die Gesellschaft für solche Fälle, die letztlich auch die Probleme einer älter werdenden Bevölkerung widerspiegeln, zureichend gerüstet?
Alte Menschen ohne Netzwerke
Die lange fehlende Öffentlichkeit, die hängt wohl schon mit der Bewohnerstruktur zusammen: „Viele Leute über 80, ohne Internet und ohne alles“, sagt Steffen Weise, der Gerhard Krämer betreut. Das 1978 erstellte Haus ist zudem eines, in dem sich Anonymität schon baulich verdichtet: Vor allem Einraumwohnungen, das heißt: Viele alleinstehende ältere Menschen und hohe Fluktuation bei den jüngeren Bewohnern. Vor dem Haus, am Rand der überwucherten Rabatten, steht eine Sitzgruppe. Die war wohl einmal der Versuch, einen Gemeinschaftsraum für die Bewohner herzustellen. „Hat nie jemand drauf gesessen“, sagt Gerhard Krämer, der seit 1978 hier wohnt.
Fehlender Informationsfluss und mangelnde Vernetzung schlagen sich beim Thema Armut im Alter inzwischen auch statistisch nieder: Nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) nehmen rund 60 Prozent der eigentlich dazu Berechtigten keine Grundsicherung im Alter in Anspruch – und einer der Hauptgründe dafür ist ganz schlicht das Nichtwissen, überhaupt Anrecht auf Grundsicherung zu haben.
Und das Große spiegelt sich eben auch im Kleinen, beispielsweise an der Ludwigshafener Heinigstraße: „Ich glaube, das ist hier eher ein Zugangsproblem“, sagt Andreas Rein, Professor am Fachbereich Soziales der Hochschule Ludwigshafen mit Blick auf den konkreten Fall. „Die Leute wissen oft nicht“, welche Hilfsangebote es gibt, meint er.
Anwalt, Mieterbund, Verbraucherzentrale und Schuldnerberatung (in Ludwigshafen städtisch) böten sich laut Rein als Anlaufstationen an. Die Stadt Ludwigshafen verweist auf Anfrage zudem unter anderem auf den Seniorenrat und die städtische Fachstelle „Älter werden“, die auch in Seniorenwohnhäusern der städtischen Wohnungsbaugesellschaft GAG Seniorentreffs unterhalte. Der Versorger TWL bietet nach Eigenaussage Beratungsangebote in der zentralen Geschäftsstelle, mit denen bei Energieschulden beispielsweise Ratenzahlungen vereinbart werden könnten, auch die städtische Fachstelle Wohnraumsicherung hilft dabei.
Muss man alles recherchieren – und ohne Internet und mit wenig sozialen Kontakten ist das schwierig. Und einfacher wird es mit einer steigenden Zahl alleinstehender Senioren wohl auch nicht werden: „Wir werden in Zukunft ein großes Problem mit der Versorgung älterer Menschen bekommen“, sagt Rein. Insofern erlaubt die Heinigstraße wohl auch einen Blick in die Zukunft. Und den Gedanken, dass der Staat künftig häufiger direkt bei den Bürgern vorbeischauen könnte als bisher, den kann man sich wohl abschminken, mangelnder Ressourcen wegen: „Eine aufsuchende Quartiersarbeit“, also „für alle Lebenslagen und das gesamte Stadtgebiet bzw. die rund 180.000 Einwohner*innen abdeckend, ist für die Stadtverwaltung nicht leistbar“, so die städtische Pressestelle.
Der Bürger muss zum Staate kommen
Ganz theoretisch könnte man Hilfeleistungen auch aus dem Sozialgesetzbuch 12 ableiten. Dessen Paragraf 71 definiert, dass älteren Menschen in Notlagen „Altenhilfe“ gewährt werden soll, beispielsweise „bei der Beschaffung und zur Erhaltung einer Wohnung, die den Bedürfnissen des alten Menschen entspricht“. Es ist dies aber wie gesagt eine „Soll“-Vorschrift, bei der sich wohl keine Stadt vordrängt. „Die Kommunen können das nicht mehr leisten“, sagt Rein, „und das ist nicht nur in Ludwigshafen so“.
Wenn der Staat in einer älter und einsamer werdenden Gesellschaft also nicht zu den Bürgern kommen kann, dann müssen die Bürger eben zum Staate kommen – vorzugsweise wohnsitznah. „Da müssen sich die Quartiere Gedanken machen“, sagt Rein, der allerdings auch weiß: „Das ist für eine Kommune wie Ludwigshafen schwierig.“ In der Stadt gibt es zurzeit folgerichtig auch nur vier Quartiersbüros, größtenteils von Kirche und freien Trägern unterhalten. Flächendeckend geht anders, aber flächendeckend kostet Geld.
Ändert alles im Übrigen nichts daran, dass im Haus an der Heinigstraße wie anderswo auch zivilrechtliche Probleme zur Klärung anstehen. Und da hätte man vom Zwangsverwalter, der Mannheimer Anwaltskanzlei „Peritus“, gerne erfahren, wie lange die Bewohner mutmaßlich noch auf geheizte Wohnungen verzichten müssen. Der Geschäftsführer der Kanzlei reagiert allerdings seit Wochen nicht auf die Anfrage nach telefonischer Kontaktaufnahme.
Hilfreiche Kontakte
Fachstelle „Älter werden“: Bismarckstraße 70, Telefon: 0621/504-2739
Seniorenrat: Bismarckstraße 74, 0621/504-2543
Schuldnerberatung: Bismarckstraße 74, 0621/504-2659, -2645, -4366
Fachstelle Wohnraumsicherung: Europaplatz 1, 0621/504-3480
Verbraucherzentrale: Wredestraße 33, 0621/512 145
Mieterverein: Wredestraße 33, 0621/592 9670.
Info
Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.