Alltagsmanager RHEINPFALZ Plus Artikel Abnehmen mit Eiweißbombe: Warum Hüttenkäse keine Wunder wirkt

Hüttenkäse
Körniger Frischkäse kann mit Radieschen zu einem frischen Brotaufstrich verarbeitet werden.

Immer häufiger sieht man körnigen Frischkäse in Youtube-Videos und auf Tiktok. Aber hilft er wirklich so gut beim Abnehmen? Das sagt ein Experte.

Sie mixen, pürieren, streichen und backen. Mal sieht die Masse wie ein Kuchenteig aus, ein andermal erinnert sie an einen übermäßig gesunden Gemüsedrink. Am Ende liegt meist ein Snack auf dem Teller, ein Sandwich, ein Omelett oder eine Art Joghurt.

So geht es tausendfach auf Youtube und Tiktok zu, wo ein regelrechter Hüttenkäse-Hype ausgebrochen zu sein scheint. Zahlreiche Influencer, Hobbyköchinnen und Gesundheitsapostel preisen das proteinreiche Lebensmittel als „Diät“ an.

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Doch nicht nur sie: Auch die AOK, eine der größten Krankenversicherungen Deutschlands, lobt den bröseligen Brotaufstrich und veröffentlicht sogar Rezepte auf der Website.

Der Glaube, dass Hüttenkäse beim Abnehmen helfen könnte, hat seinen Ursprung in einer Studie aus dem Jahr 2018. In der Fachzeitschrift „British Journal of Nutrition“ berichteten Forscher damals von einem Experiment, bei dem sie das Hungergefühl der Teilnehmerinnen – es waren ausschließlich Frauen – untersuchten.

Eine Studie ohne Aussagekraft

Die sollten 30 Minuten vor dem Schlafengehen entweder Hüttenkäse essen, ein eiweißreiches Getränk hinunterschlucken oder ein Placebo zu sich nehmen. Am Ende fühlten sich diejenigen Teilnehmerinnen länger satt, die den Protein-Shake tranken oder den Hüttenkäse aßen.

Durch Essen abnehmen, das ist ein alter Traum, den schon die verschiednesten Diäten versprochen haben. Doch in diesem Fall hat das Ganze tatsächlich einen wahren Kern. „Indirekt ist es möglich, dass Hüttenkäse beim Abnehmen hilft“, bestätigt der Ernährungswissenschaftler Michael Ormsbee von der Florida State University, der 2018 an der Studie beteiligt war.

Auch heute noch ist er überzeugt: „Proteine erhöhen das Sättigungsgefühl und können die Kalorienaufnahme reduzieren.“ Die Eiweiße sorgten zudem dafür, dass Muskelmasse beim Gewichtsverlust erhalten bleibe. „Wenn Sie also Ihr Gewicht halten oder verringern wollen, sind Lebensmittel mit hohem Proteingehalt eine gute Idee“, rät Ormsbee.

Dieser Tipp lässt sich vom Grundsatz her auf alle eiweißreichen Milchprodukte übertragen, also auch auf Quark oder Skyr, den traditionellen isländischen Frischkäse. Dass ausgerechnet Hüttenkäse als ultimativer Schlankmacher gefeiert wird, hat aus Sicht des amerikanischen Ernährungswissenschaftlers aber einen handfesten Grund: „Er enthält nur wenige Kalorien, viele Proteine, und wird nur minimal verarbeitet.“ Deshalb eigne er sich gut für eine kalorienbewusste Diät.

Es muss schmecken

Ob er deswegen auch schmeckt, ist eine andere Frage. „Wegen seiner Struktur mag ihn nicht jeder“, hat Ormsbee beobachtet. Er meint damit die krümelige Körnigkeit des Hüttenkäses. Sie entsteht, wenn die geronnene Milchmasse, Gallerte genannt, zerschnitten und anschließend vorsichtig erwärmt wird. Dabei ziehen sich die Gallertekrümel zusammen, wodurch sich die typischen Körner ausbilden.

Silke Restemeyer, Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, betrachtet das Gedöns um das neue Wunderfutter nüchtern. Gut an Hüttenkäse sei, dass er wie alle Milchprodukte viel Kalzium enthalte, dem Baustein für Zähne und Knochen. Außerdem zeigten Studien, dass der regelmäßige Konsum von Milchprodukten das Risiko für Bluthochdruck, Schlaganfälle, Adipositas, Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen verringere. Beim Darmkrebs gibt es keine eindeutigen Erkenntnisse: So soll Milch das Risiko senken, manche Studien haben aber auch das Gegenteil ergeben.

Wunder von Hüttenkäse dürfe man aber nicht erwarten, warnt Restemeyer. „Ein Lebensmittel allein ist nie ein Allheilmittel. Um Gewicht zu verlieren, muss die Energiebilanz runter. Man muss also kalorienreduziert essen und sich mehr bewegen. Die Vorstellung, dass ich nur Hüttenkäse essen muss, am Lebensstil aber nichts ändere, und plötzlich fünf Kilo abnehme – das ist Quatsch.“

Obendrein ist die wissenschaftliche Beweislage extrem dünn. An der Untersuchung von 2018 haben sich lediglich zehn Probandinnen beteiligt – das sagt überhaupt nichts aus, auch weil Männer komplett fehlten. In den Folgejahren sind keine Studien erschienen, die sich genau dieser Frage widmeten, ob man durch den Verzehr von Hüttenkäse abnimmt.

Magerquark ist billiger

In Sachen Nährstoffe liegen ohnehin alle Milchprodukte nah beieinander: Hüttenkäse enthält rund zwölf Gramm Eiweiß pro 100 Gramm, Skyr elf Gramm. „Allerdings ist Skyr auch die teurere Alternative“, bemerkt das Bundeszentrum für Ernährung in einer aktuellen Pressemitteilung.

Und rät: „Wer zu preisgünstigem Magerquark greift und ihn pur zu fade findet, kann ihn mit etwas Milch oder Sprudelwasser cremig aufrühren.“ Pro 100 Gramm bringt Magerquark zwölf bis 13 Gramm Eiweiß auf den Teller. Beim klassischen Joghurt sind es lediglich drei Gramm.

Damit die Pfunde wirklich purzeln, raten die Fachleute, den Hüttenkäse ohne Fertigmischungen oder Schokolade zuzubereiten – andernfalls hole man sich unbeabsichtigte Kalorienbomben ins Haus.

„Wer Kalorien sparen möchte, greift am besten zu naturbelassenen Produkten und gibt selbst frisches Obst wie Erdbeeren und Äpfel oder Haferflocken hinzu“, empfiehlt das Bundeszentrum für Ernährung. Zudem schadet Bewegung nie.

Klimawandel spricht gegen Milch

Nur noch Hüttenkäse zu essen, ist trotzdem keine Lösung, allein schon aus ökologischen Gründen. „Man sollte nicht vergessen, dass die Herstellung von tierischen Lebensmitteln im Vergleich zu pflanzlichen Produkten die Umwelt mehr belastet“, gibt Ernährungswissenschaftlerin Restemeyer zu bedenken. Ihr Tipp: Möglichst ausgewogen essen. Und vegane Alternativen.

„Warum nicht mal ein Gericht mit Linsen oder Soja probieren?“, so Restemeyer. Schließlich lieferten auch Hülsenfrüchte – dazu zählen etwa Erbsen, Bohnen und Kichererbsen – reichlich Eiweiß.

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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