Kaiserslautern / Kusel / Kirchheimbolanden RHEINPFALZ Plus Artikel Wie das Westpfalz-Klinikum in die Krise geriet

 Patient Krankenhaus: Angst und Hoffnung in der Krise.
Patient Krankenhaus: Angst und Hoffnung in der Krise.

Dass dem Westpfalz-Klinikum Kaiserslautern (WKK) die Pleite droht, zeichnete sich schon Ende 2022 ab, sagt der Aufsichtsratsvorsitzende. Corona-Sonderzahlungen endeten, Personal und Patienten fehlen. Helfen sollen eine Sanierung und weitere Millionen von Kommunen und Banken. Was ist der Unterschied zu anderen Krankenhäusern in der Pfalz?

Die Dramatik bei einem angeschlagenen Unternehmen lässt sich auch an einem Parameter festmachen: wie oft die Geschäftsführung dem Kontrollorgan, dem Aufsichtsrat, Zahlen vorlegen muss. Ist dies wöchentlich oder gar täglich der Fall, dann stehen die Alarmzeichen auf Dunkelrot. So weit sei man beim Westpfalz-Klinikum nicht, sagt ein Insider. Wie konnte die GmbH in Schieflage geraten? Worin unterscheidet sich die Situation im Krankenhaus-Verbund mit den Standorten Kaiserslautern, Kusel, Kirchheimbolanden und Rockenhausen von dem ebenfalls kommunalen und vergleichbar großen Klinikum Ludwigshafen? Warum droht dort keine Pleite trotz Millionenverlusten? Ein Erklärungsversuch.

Nur wenige reden öffentlich

Im April drohte dem Westpfalz-Klinikum, einem der größten Krankenhäuser in Rheinland-Pfalz mit seinen rund 1300 Betten und knapp 4300 Beschäftigten, zum ersten Mal die Zahlungsunfähigkeit. Es fehlte schlicht Geld in der Kasse. Vor allem die drei Träger-Kommunen sowie Banken sprangen mit 22,5 Millionen Euro ein. Im Juli kam die nächste Offenbarung: Bis Ende 2026 werden 28 Millionen Euro Verluste erwartet und insgesamt rund 60 Millionen Euro benötigt. Davon 35 Millionen für Investitionen. Nach der ersten Tranche im Frühjahr sind nun noch 38 Millionen Euro zu finanzieren. Der Aufsichtsratsvorsitzende Otto Rubly (CDU), zugleich Landrat in Kusel, geht davon aus, dass die drei Krankenhausträger (Stadt Kaiserslautern, die Kreise Kusel und Donnersberg) Verluste in Höhe von sechs Millionen Euro übernehmen und die Banken den Investitionsanteil. Rubly ist einer der wenigen, die öffentlich reden.

Wie sehr das Klinikum in der Krise steckt, ist auch daran zu erkennen, dass der Jahresabschluss noch nicht beschlossen ist. Es fehlen die Testate, die Unterschriften der externen Wirtschaftsprüfer. Sonst war der WKK-Jahresabschluss inklusive Zukunftsaussichten immer spätestens im Juli des Folgejahres abgehakt. Auch andere Kliniken in der Pfalz sind mit dem Jahresabschluss noch nicht so weit.

Bislang die schwerste Krise

Dass man in Kaiserslautern vor der schwersten Krise steht – seit Gründung des Klinik-Verbunds Ende der 1990er-Jahre und Erweiterung 2005 –, ist allen Beteiligten klar. Die Krise zeichnete sich nach Angaben des Aufsichtsratsvorsitzenden bereits Ende 2022 deutlich ab. „Die Pandemie war offiziell fast vorbei, die Corona-Hilfen wurden eingestellt, obwohl wir im Krankenhaus gerade im Herbst die höchste Anzahl an Covid-Patienten hatten“, sagt Rubly. Ihm zufolge wird man das Wirtschaftsjahr 2022 noch mit einem leichten Plus abschließen.

Die fatale Kombination

Dann kam das, worüber alle Krankenhäuser klagen: Kostenkrise (Inflation, Energiepreise, Tariferhöhung) und sich weiter verschärfender Fachkräftemangel. Hinzu kommt, dass weniger Patienten ins Krankenhaus gehen, mehr ambulant behandelt werden soll. Und eine bundesweit als gescheitert geltende Krankenhausfinanzierung sowie eine aus Sicht der Krankenhausträger weiter zu geringe Unterstützung des Landes Rheinland-Pfalz bei den Investitionskosten: eine fatale Kombination.

So gut wie alle kommunalen Krankenhäuser in der Pfalz schreiben 2023 rote Zahlen. Es trifft große und kleine Häuser. Zu den generellen Problemen kommen in Kaiserslautern noch weitere Faktoren. Das WKK war in den Jahren vor der Pandemie selbst ein kränkelnder Patient, der sich nach den bis dahin größten Verlustjahren 2017 (3,6 Millionen Euro) und 2018 (6,7 Millionen) aufrappeln und mit Investitionen in Geräte vor allem mehr Privatpatienten anlocken wollte.

Im Jahresabschluss 2018 werden für den Negativtrend die „im Vergleich zu den Umsatzerlösen überproportional steigenden Personalkosten“ genannt. Der Umsatz lag damals bei rund 260 Millionen Euro, der größte Ausgabenposten, die Lohnkosten, bei 208 Millionen.

Die geringe Umsatzrendite

Der Klinikums-Konzern – die GmbH besitzt noch Tochtergesellschaften – hat damals eine negative Umsatzrendite von 1,9 Prozent. Zum Vergleich: Der Klinikums-Konzern in Ludwigshafen wies im selben Jahr ein Plus von 3,7 Prozent aus. In der Branche gilt ein Minimum von vier Prozent als ausreichend, um sich aus eigener Kraft tragen zu können. Auch das städtische Klinikum am Rhein (rund 1000 Betten) macht Verluste – 2022 nach Angaben des Geschäftsführers Hans-Friedrich Günther in Höhe von 2,2 Millionen Euro, in diesem Jahr „deutlich höhere“. Zu Details schweigt er. Dennoch sieht man sich besser aufgestellt: „Gutes Wirtschaften“ und ein Eigenkapital von rund 100 Millionen Euro, nennt Günther. Das ist ein guter Puffer, über den Verluste aufgefangen werden können.

Wenig Eigenkapital – ein Fehler?

In der Westpfalz hat man laut Aufsichtsratsvorsitzendem Rubly lediglich elf Millionen Eigenkapital. Auch das deutlich kleinere kommunale Klinikum in Landau (400 Betten) hat eigenen Angaben zufolge ein Eigenkapital von zwölf Millionen Euro. „Das niedrige Eigenkapital fällt uns jetzt auf die Füße“, sagt ein Insider in Kaiserslautern. Ein Fehler? Rubly versucht eine Erklärung. „In der Westpfalz hat man noch nie viel Geld gehabt, um das einfach aufzustocken“, sagt er. Sinkende Eigenkapitalquote, steigende Verschuldung. Beschlossen wurde 2018 der Masterplan „WKK 2025“. Das Problem: Der war, als Corona zuschlug, noch nicht voll umgesetzt – und er „war nur auf Verluste von wenigen Millionen Euro ausgelegt, nicht für das, was wir jetzt haben“, sagt Rubly.

Erfolgsfaktor: Wie gut ein Haus gemanagt wird

Kenner der Branche sagen auch, „wer strategisch schlau gearbeitet hat, hat jetzt nicht so stark zu kämpfen“. Entscheidend ist demnach auch, wie gut ein Haus gemanagt wird. Seit 2006 erwirtschafteten die vier Krankenhäuser der WKK GmbH Gewinne. Mit dem Eintritt von Geschäftsführer Peter Förster 2010 waren es 2,8 Millionen Euro. Danach sank der Betrag, bis 2017 die Verluste kamen. Das sind zunächst einmal Zahlen. Ob und inwieweit dies auch auf schlechtes Management zurückzuführen ist – das konnte oder wollte so gut wie kein Gesprächspartner der RHEINPFALZ einordnen.

Zudem waren am WKK nicht alle medizinischen Koryphäen offenbar großzügige Freigeister, die anspornten und weitere exzellente Ärztinnen und Ärzte anlockten. Es herrschte phasenweise „großes Konkurrenzdenken im eigenen Haus“, sagt ein Kenner des WKK. Auch die Mitarbeiterzufriedenheit litt. Mit dem Masterplan von damals wurde umstrukturiert und gespart – wie viel das brachte, konnte Rubly nicht beziffern.

Wenn die „Cash Cows“ fehlen

Besonders folgenschwer ist: Wenn Betten in den Intensivstationen stillgelegt sind, wie auch zurzeit, dann fehlen die „Cash Cows“ , die Gewinnbringer. Seit Jahresbeginn erarbeitet die Frankfurter Beraterfirma FTI Andersch ein neues Sanierungskonzept, im September soll es stehen. Auf ihm und auf dem neuen Geschäftsführer Thorsten Hemmer ruhen die Hoffnungen. „Natürlich haben die Mitarbeiter Ängste. Aber wir sind immer noch im sicheren Hafen der Kommunen“, sagt der Betriebsratsvorsitzende des Klinikums in Kirchheimbolanden und Rockenhausen, Michael Ruther. „Untergangsängste haben wir nicht.“

Warum unsere Krankenhäuser pleite gehen, lesen Sie hier.

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