Pfalz
Warum unsere Krankenhäuser pleite gehen
Das Westpfalzklinikum mit seinen Krankenhäusern in Kaiserslautern, Kirchheimbolanden, Kusel und Rockenhausen ist von zentraler Bedeutung für Patienten im Westen der Pfalz. Das Klinikum Merzig stellt die psychiatrische Versorgung im Saarland sicher. Im Juli erklärte sich Merzig für zahlungsunfähig. Dichtmachen? Das geht nicht.
Sind das Westpfalzklinikum und Merzig Einzelfälle?
Nein. Laut einer Prognose werden nächstes Jahr bundesweit vier von fünf Krankenhäusern rote Zahlen schreiben. Jedes fünfte Krankenhaus steht schon jetzt am Rande des Bankrotts. Es trifft große und kleine Krankenhäuser. Es trifft Fachkliniken und Häuser, die das gesamte Spektrum der Medizin abdecken.
Warum schließen die Krankenhäuser, die zahlungsunfähig werden, nicht einfach?
Firmen, die sich nicht rentieren, verschwinden vom Markt. Krankenhäuser funktionieren zwar wie Wirtschaftsunternehmen, viele haben aber eine zentrale Bedeutung für die Patientenversorgung in ihrer Stadt und Region. Das Klinikum Stuttgart, die Kliniken Köln, der Klinikverbund Bremen – alles Häuser, die massive Finanzprobleme haben – können nicht einfach alles zusperren, denn dann könnten in Stuttgart, Köln und Bremen Patienten mit bestimmten Krankheiten nicht mehr behandelt werden. Menschenleben stünden auf dem Spiel. Aus demselben Grund kann man weder das Westpfalzklinikum noch die Psychiatrische Klinik Merzig schließen. Und Unikliniken erst recht nicht.
Warum geraten ausgerechnet jetzt so viele Kliniken in finanzielle Schieflage?
Schon vor der Corona-Pandemie ging es vielen Krankenhäusern nicht besonders gut, jedes dritte schrieb rote Zahlen. Dann kam Corona und die Patientenzahlen brachen ein. Der Staat hielt die Krankenhäuser mit Ausgleichszahlungen über Wasser. Jetzt ist die Pandemie vorbei, die staatlichen Hilfen sind ausgelaufen. Die Krankenhäuser müssen wieder wirtschaften wie vor der Pandemie. Das Problem ist nur: Es lassen sich nicht mehr so viele Menschen im Krankenhaus behandeln wie vor der Pandemie. Die Anzahl der Patienten ist fast durch die Bank geringer als vor Corona. Weniger Patienten heißt: geringere Einnahmen. Auf der anderen Seite sind auch für die Krankenhäuser die Kosten enorm gestiegen: fürs Personal, für Energie, für Material.
Warum fehlen Patienten?
Nicht wenige Menschen schieben Behandlungen, die wichtig wären, auf. Während Corona waren sie dazu gezwungen. Jetzt könnten sie sich versorgen lassen, aber sie zögern.
Wie reagieren die Krankenhäuser auf diese Situation?
Höhere Ausgaben, geringere Einnahmen: Man muss an die Rücklagen gehen. Wenn keine vorhanden sind, muss der Träger frisches Geld reinpumpen. Das machen die Stadt Kaiserslautern und die Landkreise Donnersberg und Kusel gerade beim Westpfalzklinikum, insgesamt 60 Millionen Euro. Im Fall Merzig hat’s der Staat nicht getan, deshalb blieb kein anderer Weg als der zum Insolvenzrichter.
Gibt es zu viele Krankenhäuser in der Pfalz und im Saarland?
Das denken viele Politiker. Finanzpolitiker sagen das auch, allerdings nur hinter vorgehaltener Hand. Tatsächlich sind in Rheinland-Pfalz einige Krankenhäuser geschlossen worden, die meisten im Norden des Landes, aber auch in der Pfalz das Evangelische in Zweibrücken. Im Saarland Ottweiler, das Evangelische in Saarbrücken, Dillingen, Wadern, Losheim und die Klinik Karlsbrunn im Warndt.
Warum machen die Landesregierungen nicht einfach einen Plan und sagen: Da und dort machen wir zu. Im Gegenzug konzentrieren wir uns auf die Häuser, die unverzichtbar sind und investieren dort?
Die Schließung eines Krankenhauses kostet viel Geld: Sozialplan, Transfergesellschaft, Abwicklung. Würde eine Landesregierung das Aus für bestimmte Krankenhäuser verordnen, müsste das Land die Schließungskosten tragen. Wenn ein Träger, ob nun ein kirchlicher, ein staatlicher oder privater, die weiße Fahne hisst, muss dieser das Gros der Schließungskosten übernehmen.
Was macht die Politik stattdessen?
Sie legt die Hände in den Schoß und überlässt die Sache zurzeit dem Markt.
Welche Vorteile hat das?
Für den Patienten keine. Für die politischen Entscheider: Wer keine unpopulären Entscheidungen trifft, kann sich auch nicht unbeliebt machen.
Welche Nachteile hat diese Strategie?
Der Zufall kann entscheiden. Es geraten nicht unbedingt die Kliniken an den Rand des Ruins, auf die man verzichten könnte. Die kleine, feine Klinik in einer betuchten Gegend mit vielen Privatpatienten kann sich vielleicht prima halten, obwohl das Kreiskrankenhaus in der Nachbarstadt die Versorgung locker übernehmen könnte. Andernorts hingegen geht vielleicht eine Uniklinik, ein Westpfalzklinikum, eine Kinderklinik finanziell vor die Hunde.
Gibt es besondere Gründe für die Schieflage am Westpfalzklinikum?
Ja. Ein Haus wie das Westpfalzklinikum ist in seiner Region Maximalversorger. Sprich: Es muss für alle gängigen Krankheiten Personal und Gerät vorhalten. Und das in einer weder wohlhabenden noch bevölkerungsreichen Gegend. Mit Patienten, die an schweren Krebserkrankungen leiden, oder mit einer Kinderklinik verdient ein Krankenhaus kein Geld. Hinzu kommt: Wie an fast allen Krankenhäusern in Deutschland mangelt es auch am Westpfalzklinikum an Personal: in der Ärzteschaft, in der Pflege, im Labor. Beim Westpfalzklinikum herrschte der Mangel relativ lange in Bereichen, die gewöhnlich gute Erlöse bringen: Intensivstationen und Notaufnahme. Wenn ausgerechnet Intensivstationen zeitweise schließen müssen, weil nicht genügend Ärzte oder Pflegekräfte im Dienst sind, wirkt sich das finanziell verheerend aus. Ähnliches gilt, wenn sich die Notaufnahme abmeldet: Dann fahren die Rettungswagen Patienten woanders hin – und im Westpfalzklinikum bleiben Betten leer.
Welche Probleme kommen hinzu?
Das Westpfalzklinikum hat drei Träger und vier Standorte. Das erschwert schnelles Handeln. Wenn wichtige Entscheidungen einen Stadtrat, zwei Kreistage und weitere Gremien passieren müssen, kostet das Zeit. Zudem achtet natürlich jeder der drei Träger genau darauf, dass seine Stadt, sein Kreis vom Krankenhaus auch angemessen profitiert, nicht finanziell, aber was die Versorgung angeht. Aber selbst wenn das Westpfalzklinikum nur einen Träger hätte, stünde es jetzt finanziell nicht viel rosiger da. Einer, der Jahrzehnte Krankenhäuser gemanagt hat, fasst die Lage so zusammen: „Es ist ein Drama: Die Krankenhäuser geraten aktuell dermaßen unter die Räder, wie es noch nie war.“