Landstuhl
Wasserqualität: Was Kläranlagenbetreiber und Verbraucher tun können
„Kläranlagen gehören zu den unterschätzten Einrichtungen von Verbandsgemeinden.“ Das hatte die rheinland-pfälzische Umweltministerin Katrin Eder (Grüne) angemerkt, als sie unlängst die Kläranlage der Verbandsgemeindewerke Landstuhl im Kreis Kaiserslautern besuchte. Unterschätzt werden sie vielleicht deshalb, weil die Abwasserreinigung heutzutage vielen ebenso selbstverständlich erscheint wie gutes Trinkwasser. Also alles Klärchen? Das Gegenteil ist der Fall.
Investitionen in Millionenhöhe sind auf kommunaler Ebene notwendig, um eine neue EU-Vorgabe zu erfüllen, die nach Jahren der Forschungsprojekte und Diskussionen jetzt in Kraft getreten ist. Das Ziel lautet, Abwasser konsequent von mikroskopisch kleinen Schadstoffen zu befreien. Solche Spurenstoffe sind zumeist Rückstände aus Medikamenten, Putzmitteln, Kosmetikprodukten oder auch Weichmachern in Kunststoffen. Das Problem ist lange bekannt. Unter anderem wurden negative Auswirkungen auf Fische beobachtet. Doch können die Schadstoffe auch wieder zurück zum Menschen kommen, wenn sie über den Wasserkreislauf ins Trinkwasser gelangen.
Teure Angelegenheit
Laut Umweltministerium sind nur rund 22 Prozent der rheinland-pfälzischen Gewässer ökologisch in Ordnung. Etwa ein Drittel der Flüsse und Seen sei hingegen in einem unbefriedigenden oder schlechten Zustand, und das aufgrund von Schadstoffeinträgen aus der Landwirtschaft und dem Abwasser sowie zubetonierter Ufer. Weniger Tiere und Pflanzen, die das Gewässer reinigen, sind ein Grundproblem, das durch den Klimawandel verschärft wird: Steigende Wassertemperaturen verringern den Sauerstoffgehalt, häufiges Niedrigwasser schmälert den Verdünnungseffekt.
Eine Konsequenz daraus wird nun für viele Kläranlagen-Betreiber Pflicht. Bislang wird das Abwasser bereits mechanisch, biologisch und chemisch behandelt, Spurenstoffe fallen dabei durch. Nun soll eine vierte Reinigungsstufe kommen und dafür sorgen, dass auch sie zum Großteil aus dem Wasser geholt werden, bevor es zurück in den Kreislauf fließt.
65 Kläranlagen betroffen
65 der 660 Kläranlagen in Rheinland-Pfalz sind vorerst betroffen – generell alle, die auf 150.000 und mehr Einwohner ausgelegt sind sowie jene für 10.000 bis 150.000 Einwohner, die in ihrem Einzugsbereich aber zusätzlich besonderen Belastungen ausgesetzt sind, wie Krankenhaus oder Flugplatz. Umgesetzt werden muss die vierte Reinigungsstufe nicht ad hoc, die ersten Fristen gemäß der neuen Kommunalabwasserrichtlinie enden 2033, die letzten 2045.
Billig wird das nicht, auch wenn vieles offen ist. Noch laufen Pilotprojekte, um nicht nur Verfahren zu testen, sondern auch um sagen zu können, welches davon am besten zur jeweiligen Kläranlage passt. Doch überzieht das Ministerium sicher nicht, wenn es Investitionen von über 600 Millionen Euro prognostiziert. Dass die Kommunen die Abwassergebühren möglichst wenig erhöhen wollen, ist klar. Insofern wird auch noch viel über Förderung zu reden sein.
Mainz baut schon
Einige Kommunen im Land sind schon weiter als andere: So fördert das Land 15 Machbarkeitsstudien. Die südpfälzischen Verbandsgemeinden Edenkoben, Lingenfeld und Jockgrim sind schon in der Planungsphase, in Mainz wird bereits gebaut und natürlich umfasst der durch die Flutkatastrophe bedingte Neubau der Kläranlage Untere Ahr bis 2030 auch eine vierte Reinigungsstufe.
Im Boot sind zudem die Stadt Speyer und die Verbandsgemeinde Landstuhl. In ihren Kläranlagen wird getestet, welche Verfahren am besten für eine vierte Reinigung geeignet sind. Eine Möglichkeit sind Aktivkohlefilter, deren Granulat die gelösten Stoffe binden soll. Eine weitere besteht darin, das Abwasser durch einen Behälter mit Ozon zu leiten und eine Oxidation auszulösen, die die Stoffe zerkleinert oder zerstört. Daran schließt sich eine Nachbehandlung per Aktivkohlefilter oder Pflanzen an. Ausschließlich auf eine Pflanzenkläranlage aus Schilf, Sand als Substrat und Aktivkohle auf Pflanzenbasis setzt eine dritte Variante, die sehr nachhaltig ist, aber Fläche braucht.
Nähe zur Universität
Die Kläranlage Landstuhl steht dabei für eher kleine oder mittelgroße Kläranlagen. In ihrem Fall kommt hinzu, dass gleich zwei Krankenhäuser – ein deutsches sowie das US-Militärhospital – sowie die Air Base Ramstein zum Entsorgungsgebiet zählen. Von Vorteil dürfte auch gewesen sein, dass Landstuhl nahe bei Kaiserslautern und der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität (RPTU) Kaiserslautern-Landau liegt.
Deren Wissenschaftler sind federführend bei den Versuchsverfahren. Das in Kaiserslautern beheimatete Fachgebiet Ressourceneffiziente Abwasserbehandlung mit seiner Leiterin Heidrun Steinmetz und ihrem Kollegen Henning Knerr kooperiert seit Jahren mit dem Umweltministerium. Jüngste gemeinsame Initiative ist die Beratungsstelle Abwasser. Im Mittelpunkt steht die kostenfreie Beratung all jener Kläranlagen-Betreiber, die mittelfristig die vierte Reinigungsstufe umsetzen müssen.
Jeder kann etwas tun
Neben allem wissenschaftlichen Know-how gibt es aber noch einen anderen Ansatz im Kampf gegen Spurenstoffe: Sie erst gar nicht zum Problem werden zu lassen. Das klappt nur, wenn die Verbraucher mitmachen. Deutlich wird das am Beispiel Arzneimittel. Gut 3000 pharmazeutische Wirkstoffe sind in Europa zugelassen. Im Körper werden sie nicht ganz verwertet, sondern zu fast 70 Prozent wieder ausgeschieden oder bei der Körperpflege abgewaschen. Besonders problematisch sind zwei Hormonpräparate und Diclofenac, das in Schmerzmitteln vorkommt.
Studien zufolge sorgen die Privathaushalte für 80 Prozent der Wasserbelastung durch Arzneien. Deshalb liefen EU-weit etliche Tests, um das Konsumentenverhalten zu ändern. Weniger Medikamente einnehmen ist eine Möglichkeit. Und muss es die Schmerzsalbe sein, hilft es, die Hände danach nicht zu waschen, sondern mit einem trockenen Tuch gründlich abzuwischen und das Tuch in den Restmüll zu werfen. In den natürlich auch Altmedikamente gehören. Einfach gesagt, freut sich jeder Kläranlagen-Betreiber über alles, was erst gar nicht ins Abwasser gelangt.