Fragen und Antworten RHEINPFALZ Plus Artikel Was Amokläufer antreibt – Das sagen Psychologen

Baden-Württemberg, Heidelberg: Menschen legen vor einem Gebäude der Universität Blumen und Kerzen an den Wegesrand.
Baden-Württemberg, Heidelberg: Menschen legen vor einem Gebäude der Universität Blumen und Kerzen an den Wegesrand.

Viele Psychologen befassen sich mit Amokläufen wie jenem in Heidelberg. Sie wollen herausfinden, wie es zu so verheerenden Gewaltausbrüchen kommt. Welche Kränkungen die Auslöser sein können. Ein Überblick.

War die Bluttat von Heidelberg überhaupt ein Amoklauf?
Nicht im ursprünglichen Wortsinn. Im Malaiischen bezeichnet Amok einen Blutrausch, ein blindwütiges, wahlloses Töten, ungeachtet des eigenen Lebens. Gewalttaten wie jene von Heidelberg, aber auch die von München (2016) oder Erfurt (2002) werden hingegen oft von langer Hand geplant und dann gezielt und „in kalter Wut“ ausgeführt, wie es der Darmstädter Kriminalpsychologe Jens Hoffmann formuliert. Sicherheitsbehörden gehen daher inzwischen von einem um diesen Aspekt erweiterten Amokbegriff aus.

Wer solche Taten begeht, wählt seine Opfer also ganz bewusst aus?
Es ist zumindest oft so, dass die Opfer nicht zufällig ausgewählt sind. Dabei muss es nicht um konkrete Personen gehen. Sie können auch symbolisch für eine Gruppe stehen, für Mitschüler, für Lehrer, für Jugendliche, für Kommilitonen, für Kollegen. Der damals 23-Jährige, der 2010 an einer Berufsschule in Ludwigshafen einen Lehrer erstach, wollte sich offenbar gezielt an dem Pädagogen rächen, weil er ihn für seinen schulischen Misserfolg verantwortlich machte. Auch Mobbing kann eine Rolle spielen.

Was treibt die Täter an?
Eine innige Sehnsucht nach Anerkennung, meint der Bielefelder Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer. Aber es gibt nicht den einen Anlass und auch nicht den einen Täter-Typ, das betonen Amokforscher immer wieder. Die Tat markiert in der Regel das Ende eines langen Prozesses, wie es Kriminalpsychologe Hoffmann beschreibt: Was mit Kränkungen und wiederholten persönlichen Niederlagen, mit einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit und des Ausgeliefertseins beginnt, steigert sich demnach in Gewaltfantasien bis hin zu den konkreten Vorbereitungen. Ab diesem Zeitpunkt, so Hoffmann, genüge ein Funke, damit aus dem Plan Realität wird. Bis dahin können Monate oder Jahre vergehen.

Der Täter von Heidelberg soll kurz vor der Tat geschrieben haben, „dass Leute jetzt bestraft werden müssen“. Geht es bei Amokläufen also um Rache?
Gemeinsam ist den meisten Amokläufern, dass sie Vergeltung suchen für Kränkungen, die sie irgendwann einmal erlitten haben. Sie fühlen sich ungerecht behandelt und geringgeachtet. Schlechte schulische oder berufliche Bewertungen können da eine Rolle spielen, genauso wie die Zurückweisung in einer Beziehung. Spätere Amokläufer fühlten sich zuvor oft einsam, machtlos und ausgegrenzt. Sie empfanden einen Kontrollverlust über ihr eigenes Leben. Indem sie die Tat planen und eiskalt durchführen, erlangen sie die Kontrolle zurück. Mehr noch: Sie bekommen endlich die Aufmerksamkeit, von der sie glauben, dass sei ihnen auch zusteht. Man will es noch einmal allen zeigen. Die Suche nach einer „grandiosen Art des Untergangs“ nennt es der baden-württembergische Polizeipsychologe Adolf Gallwitz. Letztlich versuchen sie, in einem Akt der Selbstinszenierung den eigenen Abgang in einem heroischen Licht und nachträglich als „gerechte Sache“ erscheinen zu lassen.

Der Schütze in Heidelberg war erst 18 Jahre alt: Werden vor allem junge Menschen zum Amokläufer?
Der Eindruck täuscht. Laut Studien beträgt das Durchschnittsalter von Amoktätern um die 35 Jahre. Allerdings erregen Amokläufe in Firmen weniger mediale Aufmerksamkeit als sogenannte School Shootings in Bildungseinrichtungen wie in Winnenden (2009) oder Emsdetten (2006). Wobei Schulen oder Universitäten laut Gallwitz Orte sind, in denen es zu großen Enttäuschungen und persönlichen Kränkungen kommen kann. Dort kann auch das Gefühl sozialer Isolation besonders groß sein.

Laufen vor allem Männer Amok?
Gewaltforscher registrieren zwar eine zunehmende Enthemmung auch unter Frauen. Dennoch sind es überwiegend Männer, die Amoktaten begehen. Erklärt wird das durch die Mechanismen, wie Männer Konflikte lösen. Amoktäter sehen dabei Gewalt als legitimes Mittel. Persönliche Krisen können sie nicht meistern. Und sie haben ein Männlichkeitsbild, das suggeriert, dass ein Scheitern die eigene Identität bedroht.

Welche Rolle spielen Familie und Erziehung?
Dazu gibt es keine belastbaren Aussagen, eben weil das Spektrum der Täter so vielfältig ist. Studien haben gezeigt, dass viele aus funktionierenden Mittelstandsfamilien stammten, sie waren weder zwangsläufig Eigenbrötler noch Schulversager noch selbst Opfer von Gewalt. Gemeinsam war hingegen vielen, sehr verletzlich zu sein und nicht in der Lage, damit angemessen umzugehen. Der US-Psychiater Peter Langman hat zudem bei etlichen Amoktätern starke Persönlichkeitsstörungen festgestellt.

Lassen sich solche Taten vorhersehen und somit verhindern?
Die Forschung weiß, dass potenzielle Amoktäter ihre Vorhaben bewusst und unbewusst ankündigen, ja geradezu den Drang haben, ihren Plan mitzuteilen. Diese Hilferufe würden jedoch oft nicht oder zu spät als solche erkannt, sagt der Kriminalpsychologe Hoffmann. Der Täter von Ludwigshafen hatte beispielsweise selbst gedrehte Waffen-Videos ins Netz gestellt und Waffen in seinem Zimmer gehortet. Computerprogramme mit Fragenkatalogen sollen Anhaltspunkte liefern, ob ein Mensch Gefahr läuft, zum Amoktäter zu werden und verdächtiges Verhalten richtig einordnen. Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es jedoch nicht.

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