Heidelberg RHEINPFALZ Plus Artikel Chaos auf dem Campus

Tatort Hörsaal (im Hintergrund): Der Mann schoss in der Vorlesung auf Studierende.
Tatort Hörsaal (im Hintergrund): Der Mann schoss in der Vorlesung auf Studierende.

Das friedliche Campus-Leben der Universität Heidelberg kommt am Montagmittag abrupt zum Stillstand, als Schüsse fallen. Menschen bringen sich in Sicherheit, die Polizei rückt mit hunderten Einsatzkräften an. Für mehrere Stunden ist die Lage unübersichtlich.

Die Türen zur Mensa sind fest verschlossen. Hier kommt heute niemand mehr rein. Drinnen sind nur noch wenige Mitarbeiter, die aufräumen. Auch draußen vor der Mensa sind kaum Personen zu sehen. Hier und da stehen Polizisten in kleineren Gruppen zusammen und reden, warten. Es ist jetzt ruhig auf dem Campus „Im Neuenheimer Feld“ an diesem sonnigen, aber eiskalten Nachmittag. Nur die Präsenz der Polizei deutet daraufhin, dass etwas nicht stimmt. Wenige Stunden zuvor hat ein 18-jähriger Student in einem Hörsaal beim botanischen Garten, nicht weit weg von der Mensa, mit einer Schrotflinte und einem Repetiergewehr auf Studierende geschossen. Eine 23-jährige Studentin starb später an den Verletzungen, drei weitere Personen wurden leicht verletzt. Der mutmaßliche Täter verließ den Hörsaal und richtete sich laut Polizei im botanischen Garten selbst hin. Danach: Chaos auf dem Campus.

„Auf einmal war der Laden leer“, berichtet der Kellner eines Cafés, das in der Nähe der Mensa liegt und drei Stunden nach der Tat noch geöffnet hat. „Normalerweise haben wir zu dieser Uhrzeit das Dreifache an Gästen, aber auf einmal waren alle weg“, ergänzt er. Als es hieß, dass womöglich ein zweiter Täter auf dem Gelände ist, habe ihn das verunsichert. „Aber das waren Fake News“, sagt er. Bei der Pressekonferenz im Mannheimer Polizeipräsidium am Abend wird Polizeipräsident Siegfried Kollmar aber bestätigen, dass anfangs nicht klar war, wie viele Täter es gibt.

Auf dem Weg zwischen Café und Mensa steht eine Mitarbeiterin der Uniklinik Heidelberg. Sie war auf dem Weg hierher, weil sie einen Termin hatte, als ein Polizist sie gestoppt habe: „Wenn Ihr Leben Ihnen etwas lieb ist, dann gehen Sie nicht weiter“, soll er ihr gesagt haben. Die Mitarbeiterin, die namentlich nicht genannt werden möchte, ist dann von der Polizei zum Termin eskortiert worden und wartet nun darauf, dass die Beamten sie auch wieder abholen.

Der Familienvater neben ihr war schon vorher eingetroffen und erinnert sich an das Aufgebot der Einsatzkräfte. „Ungefähr 100 Polizisten sind hier lang gerannt und ein Hubschrauber kreiste über uns“, sagt er. Das sei gegen 12.30 Uhr gewesen. Sechs Minuten nachdem die ersten Notrufe bei der Polizei eingegangen waren. Sieben Notrufe innerhalb von 40 Sekunden hat die Dienststelle laut Kollmar erhalten. Zunächst seien drei Einsatzfahrzeuge am Gebäude INF 360 beim botanischen Garten gewesen. Im Hörsaal dieses Gebäudes hat sich die Tat abgespielt.

„Ich selbst war nicht da, aber ein Freund hat mir per Whatsapp geschrieben, dass er Schüsse gehört hat“, berichtet Bernhard Wikanadi, Student an der Uni, der am späten Nachmittag an der Bushaltestelle des Campusgeländes vergeblich auf einen Linienbus wartet. Wie so viele andere an diesem Tag ist Wikanadi schockiert darüber, dass ein Amoklauf in einer friedlichen Stadt wie Heidelberg passiert ist.

Um 12.33 Uhr sind die ersten Polizisten bereit, um „in Amokformation“, wie Siegfried Kollmar es später nennen wird, das Gebäude zu betreten. Zehn Minuten später sind sie im Hörsaal, in dem gerade noch rund 30 Studierende einem Tutorium für organische Chemie waren, ehe der 18-jährige mutmaßliche Täter, der ebenfalls Student der Uni Heidelberg war und in Mannheim gewohnt hat, um sich geschossen hat. Um 12.51 Uhr finden die Einsatzkräfte die Leiche des 18-Jährigen im Außenbereich. Bei ihm ein Rucksack mit 100 Schuss Munition. Warum er das getan hat und warum er nicht noch mehr Leute im Hörsaal angegriffen hat, ist noch unklar. Die Studenten wurden noch auf dem Campus seelsorgerisch betreut. Mehr als 400 Beamte waren den restlichen Tag damit beschäftigt, Spuren und Gelände zu sichern.

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