Pfalz
Warum wird die Notruf-App „Nora“ in der Pfalz kaum genutzt?
„Gasausströmung und hilflose Person im Keller“: Diese Notruf-Meldung haben Feuerwehrleute in Speyer im September 2023 erhalten. Vor Ort stellte sich schnell heraus, dass keine Gefahr bestand: Unbekannte hatten über die Notruf-App „Nora“ einen falschen Alarm abgesetzt und die Wehr zum Wohnhaus eines Politikers geschickt. Nicht nur der Pfälzer war damals Opfer eines falschen Notrufs, in ganz Deutschland rückten Feuerwehrleute und Polizistinnen nach Fehlalarmierungen über die Nora-App aus. Dabei ist die offizielle Notruf-App der Bundesländer eigentlich dazu gedacht, Menschen, die wegen einer Hör- oder Sprachbehinderung keinen telefonischen Notruf absetzen können, die Möglichkeit zu geben, Hilfe zu holen. Für alle anderen ist sie eine Alternative zum Notruf 110 oder 112.
Die App kann man auf das Smartphone herunterladen, und im Notfall mit wenigen Klicks melden, was passiert ist. Der Notruf wird an die Polizei oder die Leitstelle von Feuerwehr und Rettungsdienst weitergeleitet. Zudem besteht die Möglichkeit, die Kommunikation per Chat fortzusetzen. Voraussetzung ist eine Internetverbindung.
Es dauerte ein Jahr, die Panne zu beheben
Zwar gibt es die Nora-App schon seit September 2021, doch wegen der Datenlücke konnte sie zwischen September 2023 und September 2024 nicht mehr heruntergeladen werden, teilt das Innenministerium von Nordrhein-Westfalen mit, das für die Koordination von Nora in ganz Deutschland zuständig ist. Seitdem die Datenpanne ausgemerzt ist, werde die App nur noch selten – in drei Prozent der Fälle – missbräuchlich verwendet, sagt eine Sprecherin der Düsseldorfer Behörde. „Nora hat sich als ausfallsicher und zuverlässig erwiesen und ist systemseitig bundesweit an 365 Tagen 24 Stunden lang einsatzbereit.“
550.000 Registrierungen gibt es deutschlandweit – da bei der Anmeldung weder Wohnort noch Handy-Standort erfasst werden, könne man nicht sagen, wie viele Angemeldete es in den einzelnen Bundesländern gibt, heißt es aus dem Innenministerium von NRW. Mindestens 324.000 Deutsche gelten laut Statistischem Bundesamt wegen einer Sprachstörung oder Taubheit als schwerbehindert. Doch bei Weitem nicht alle betroffenen Personen sind erfasst, beispielsweise wenn sie altersbedingt schlecht hören oder sprechen können, aber eben keinen Grad der Behinderung haben.
Etwa 30.000 Notrufe wurden seit dem Start der Nora-Notruf-App im September 2021 abgesetzt – in der Pfalz wird sie allerdings sehr selten genutzt. Das ergibt sich aus Zahlen der für die Pfalz zuständigen Polizeipräsidien in Kaiserslautern und in Ludwigshafen und der Integrierten Leitstellen in Landau, Ludwigshafen und Kaiserslautern, die die Rettungsdienste und die Feuerwehren koordinieren.
Bei der Leitstelle in Ludwigshafen – die für die Vorderpfalz zuständig ist – gehen täglich 420 Notrufe ein, im Jahr kommt man auf rund 153.000. „Die Anzahl der Notrufe, die über die Nora-App eingehen, bewegt sich im einstelligen Bereich pro Jahr“, heißt es. In der Landauer Leitstelle geht im Schnitt ein Notruf pro Woche über die Nora-App ein, das sind 52 App-Notrufe im Jahr – bei 250.000 Hilfeersuchen insgesamt in Süd- und Südwestpfalz. Die Integrierte Leitstelle in Kaiserslautern, die für die Nord- und Westpfalz zuständig ist, verzeichnet bei rund 80.000 112-Notrufen im Jahr etwa fünf Alarmierungen über Nora. „Die Nora spielt daher für uns eher eine untergeordnete Rolle“, sagt Dienstgruppenleiter Stephan Moritz, fügt aber an, dass sie für Menschen, die mit der Sprache Probleme haben, einen echten Vorteil bietet.
Das Wissen über die App ist ausbaufähig
Doch die betroffenen Menschen müssen auch wissen, dass es die App gibt – und daran hapert es offenbar, wie ein Gespräch mit Volker Weber zeigt, der die 28 Mitglieder zählende Regionalgruppe der Aphasiker in Speyer leitet. Die Mitglieder hätten vor der Anfrage der RHEINPFALZ noch nie von Nora gehört, sagt er nach einem Treffen der Selbsthilfegruppe, bei dem er nachgefragt hat: „Kein einziger kennt die App. Aber als sie davon gehört haben, haben alle gesagt: ,Das ist sinnvoll.’“ Die App sei für Aphasiker eine wirkliche Erleichterung. Aphasie ist eine Sprachstörung oder der Sprachverlust, meist nach einem Schlaganfall. Webers Frau ist betroffen. Sie habe zwar das Sprechen wieder erlernt – aber in einer Notfall-Situationen und bei der Aufregung würde sie die Worte am Telefon nicht aussprechen können, sagt Weber – und verweist darauf, dass ein Teil der Mitglieder der Gruppe überhaupt nicht mehr sprechen könne. Er will nun den Landes- und Bundesverband der Aphasiker bitten, die Betroffenen über die App zu informieren. Vom Gehörlosen-Sportclub Frankenthal heißt es zur Frage, ob Nora bekannt ist: „Einige von uns benutzen die App.“
Für die Bewerbung der App sind die einzelnen Bundesländer verantwortlich. Denjenigen, die Nora kennen und die App heruntergeladen haben, vermittelt sie eine gewisse Sicherheit, wie ein Ludwigshafener der RHEINPFALZ geschrieben hat, nachdem er einem Bericht über zwei Jugendliche gelesen hatte, die mit ihrer Handy-Filmerei Zugreisende eingeschüchtert haben. Das Wissen, dass es bei der Nora-App die Möglichkeit gibt, einen „stillen Notruf“ abzusetzen, sei für ihn als Pendler angenehm. Der „stille Notruf“ ist für Situationen gedacht, in denen ein Notruf keine Aufmerksamkeit erregen soll, beispielsweise, wenn Gewalt im Spiel ist. Vor dem Absenden eines Hilferufs an die Polizei werden alle Vibrationen und Benachrichtigungen des Smartphones unterdrückt. „Die Polizeileitstellen werten einen stillen Notruf grundsätzlich als akute Not- oder Gefahrenlage und entsenden umgehend Einsatzkräfte zum gemeldeten Notfallort“, erklärt die Ministeriumssprecherin aus NRW.
Kosten von fünf Millionen Euro pro Jahr
5,5 Millionen Euro wurden 2024 bundesweit für die Infrastruktur und die Verfügbarkeit der Nora-App ausgegeben, teilt das Innenministerium von Nordrhein-Westfalen mit. Das Land Rheinland-Pfalz war eigenen Angaben zufolge mit rund 224.000 Euro dabei.
298 Leitstellen von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst in Deutschland sind an das System angeschlossen – so auch die für die Pfalz zuständigen Polizeipräsidien Rheinpfalz (Ludwigshafen) und Westpfalz (Kaiserslautern). Auf die Frage, wie viele der 85.000 bis 90.000 Polizeinotrufe pro Jahr per Nora gemeldet werden, heißt es aus der Westpfalz: „Es handelt sich um eine zu vernachlässigende Größe. Der letzte derzeit bekannte Nora-Notruf ging im März 2023 ein.“ In Vorder- und Südpfalz werden jährlich etwa 120.000 Polizeinotrufe abgesetzt, davon allein 40.000 in Ludwigshafen. Fünf Notrufe seien zwischen 20. Oktober 2024 und 20. Oktober 2025 über die Nora-App gemeldet worden, teilen die Beamten des Präsidiums in Ludwigshafen mit: „Hiervon waren zwei Meldungen zu Verkehrsunfällen ohne verletzte Personen, eine Sachbeschädigung und zwei Meldungen zu sonstigen Sachverhalten ohne strafrechtlichen Hintergrund.“ Immerhin waren keine Fake-Notrufe über Gasaustritte in Politiker-Häusern dabei.
Stichwort
Nora, die offizielle Notruf-App der Bundesländer, kann über Google Play Store oder Apple App Store heruntergeladen werden. Die Registrierung erfolgt über die Eingabe einer Mobil-Nummer und des Namens. Auf der Seite www.nora-notruf.de ist alles erklärt, auch in einfacher Sprache.