Kolumne „Außerhalb des Protokolls“ RHEINPFALZ Plus Artikel Politik fürs Lehrbuch – ein Wiedersehen mit Eveline Lemke

dauscher

Fünf Jahre lang rauschte sie durchs Mainzer Regierungsviertel und war das Gesicht der rheinland-pfälzischen Energiewende. Als Wirtschafts- und Energieministerin ebnete sie vielen Windkraftanlagen den Weg, legte sich mit deren Gegnern an und warnte vor den Folgen des Klimawandels: Eveline Lemke (Grüne), von 2011 bis 2016 Energie- und Wirtschaftsministerin sowie stellvertretende Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz. Danach wurde es still um sie. Wer Aktivisten der „Fridays-for-Future“-Bewegung den Namen Eveline Lemke nennt, erntet fragende Blicke oder ein Kopfschütteln. Die jungen Klimaschützer waren zu Lemkes Amtszeit fast noch Kinder und hatten sicher andere Interessen und Idole. Politischer Ruhm kann sehr schnell vergehen.

Als einzige rheinland-pfälzische Politikerin im Lehrbuch abgebildet

Dabei ist die Politikerin Lemke in der analogen Schülerwelt durchaus präsent – auf Seite 192 des Sozialkundebuchs „Mensch & Politik“ für die Sekundarstufe II des Verlags Schroedel Westermann aus dem Jahr 2017. Erwachsene, wenn sie nicht gerade Lehrer sind, stoßen allenfalls als interessierte Eltern zufällig auf Lemkes Foto. Sie ist die einzige rheinland-pfälzische Politikerin, die in dem mehr als 600 Seiten starken Lehrbuch abgebildet ist. Zitiert ist ein Text von ihr über „Tourismus als Standortfaktor“ im Kapitel über Wirtschaftspolitik. Die Energiewende, Lemkes Leib- und Magenthema, wird 44 Seiten später aus bundespolitischer Sicht behandelt. Dort steht, dass die Energiepolitik stets ein umkämpftes Thema sei. Auch auf dieser Seite ist eine Politikerin abgebildet: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die ein buntes Windrädchen in der Hand hält.

Während Merkel noch immer regiert, hat sich Lemke aus der Politik zurückgezogen. Nachdem die Grünen bei der Landtagswahl 2016 mit 5,3 Prozent nur knapp im Parlament und in der Regierung verblieben sind, erlebte Lemke innerparteilichen Gegenwind. Als Spitzenkandidatin musste sie das schlechte Abschneiden auf ihre Kappe nehmen. 2017 legte sie ihr Landtagsmandat nieder und wurde Präsidentin der privaten Karlshochschule in Karlsruhe. Ihr fehlender Hochschulabschluss brachte sie in die Kritik, wegen unterschiedlicher Ansichten über das Führungskonzept verließ sie die Hochschule schon nach kurzer Zeit. Sie ist Mitglied im Aufsichtsrat des Windenergieunternehmens Abo Wind. Außerdem hat sie in Niederzissen das Unternehmen „Sustainability an Circular Economy Expert“ für den Bereich Kreislaufwirtschaft gegründet.

Durch die RHEINPFALZ von ihrem Aufnahme im Lehrbuch erfahren

„Meine Rolle ist nicht mehr ganz vorn, aber ich fühle mich sehr wohl dabei“, sagt die 56-Jährige über ihr neues berufliches Wirken. Dass sie im Lehrbuch gelandet ist, hat sie erst von der RHEINPFALZ erfahren. „Das finde ich ja prima, aber enttäuschend ist es doch, dass der Beitrag zum Tourismus und nicht zum Thema Nachhaltigkeit oder zur Energiewende ist.“ Andererseits sei es verständlich. Der Tourismus sei das einzige Politikfeld gewesen, in dem es damals keinen Streit gab. So könne niemand von politischer Einseitigkeit im Schulbuch sprechen.

Die frühere Wirtschatftsministerin Eveline Lemke (Grüne).
Die frühere Wirtschatftsministerin Eveline Lemke (Grüne).
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