Tour de Pfalz 2020 (3)
Mitten im Pfälzerwald: Schatzsuche auf einem alten Schlachtfeld
Ein guter Start für die Spurensuche nach den Resten der Revolutionskriege von 1794 rund um Johanniskreuz ist der Wald ganz in der Nähe vom Café Nicklis in Johanniskreuz selbst. Dort ist auf gängigen Landkarten immer noch eine „Schanze“ eingezeichnet. Vom Café Nicklis aus geht es mit der Markierung Blaues Kreuz praktisch durch die einst meterhohen Wälle der Schanze, die mit einer Länge von 20 Metern und Tiefe von 17 Metern Platz für sieben Geschütze bot. Johanniskreuz war einer der Hauptstützpunkte der preußischen Verteidigungslinie gegen die Franzosen.
Die Schanze selbst ist heute nur noch zu erahnen. Da ist Fantasie gefragt: War die leichte Anhöhe einer der Wälle? Ist eine der Mulden, die man immer wieder sieht, einer der Gräben, in denen Soldaten Schutz gesucht haben? Die Natur und die Zeit haben ganze Arbeit geleistet – das einstige Bollwerk ist verschwunden.
Vor den Revolutionskriegen soll Johanniskreuz einfach nur eine Wegkreuzung ohne größere Bauwerke gewesen sein. Doch dann holzten preußische Truppen die Wälder auf großer Fläche ab, um freies Schussfeld und Holz für Befestigungen zu haben. Erst danach entstand der Ort, wie er heute bekannt ist.
Was heute dort donnert
Unsere Spurensuche geht über die Markierung Blaues Kreuz am Café und Haus der Nachhaltigkeit vorbei in den Wald, wo vor über 200 Jahren die französischen Soldaten und preußischen Grenadiere aufeinanderprallten und sich mit Bajonetten aufspießten. Kanonendonner hallte damals durch den Wald. Heute donnert und knattert es auch ununterbrochen rund um Johanniskreuz. Es sind aber Motorradfahrer, die vor allem am Wochenende pausenlos und recht lautstark durch den Wald fahren. Wer hier auf Spurensuche gehen will, sollte es lieber nicht an einem Wochenende tun, da die Geräuschkulisse vielleicht ähnlich lautstark sein dürfte wie im Juli anno 1794.
Am 2. Juli 1794 war der erste französische Angriff. Am 13. Juli folgte die zweite und erfolgreiche Attacke der Franzosen, die wegen des Verrats eines Waldkundigen die preußische Stellung bei Johanniskreuz aus dem Rücken einnehmen konnten – und somit dann auch die restlichen Stützpunkte, an der wir auf unserer Tour vorbeikommen, in der Hand hatten. Der Wanderer läuft heute entlang der Blaues-Kreuz-Markierung durch fantastische Wälder, vorbei an Buchen und Eichen, die obschon sehr alt, doch längst keine Zeugen dieser Schlachten sein dürften.
Wo Sammler graben
Es gibt sie aber noch die Zeugen, vergraben im Boden. Gleich nach der Schlacht und sogar bis heute gingen Sammler auf die Suche nach Münzen, Kanonenkugeln und Geschossen, die der Boden im Krieg verschlang. Einer dieser Sammler, der mit einem Metalldetektor den Wald durchkämmte, vermachte seine Funde dem Heltersberger Heimatmuseum. Dort liegen sie in einer Vitrine: Knöpfe von Soldatenjacken, Münzen, die im Eifer des Gefechts verloren wurden oder einem sterbenden Soldaten aus der Tasche fielen, und viele ockerfarbene Teile, die an Kaugummireste erinnern. In Wirklichkeit sind es platt geschossene Bleikugeln, die im Körper der Feinde fürchterliche Löcher hinterlassen sollten.
Allerdings sind es nur wenige Relikte aus vergangenen Tagen – bestimmt nur ein Bruchteil dessen, was nach den Schlachten im Wald zu finden war. Immerhin trafen 1794 fast 17.000 Franzosen auf 12.000 Preußen. Tausende sollen in den Gefechten umgekommen sein. Früher sei sicher noch viel mehr zu finden gewesen, erzählt Friedel Haas vom Heimatmuseum Heltersberg. Ein Heltersberger soll sogar einen Säbel aus dem Waldboden gezogen haben, berichtet er.
Wohin die Regimentskasse gekommen sein könnte
Es sollen nicht wenige gewesen sein, die in den Wäldern auf Schatzsuche gingen. Immerhin existiert nach wie vor die Legende, dass die Regimentskasse der Preußen dort noch vergraben liegt. Der Einzige, der den Standort wusste, soll wenige Stunden später im Gefecht gefallen sein. So wird es jedenfalls erzählt.
Liegt der Schatz also noch heute dort und irgendwo entlang unserer Tour? Der Blick richtet sich beim Spaziergang jedenfalls automatisch auf die Löcher, die im Sturm umgestürzte Bäume mit ihrem Wurzelwerk in den Boden gerissen haben. Die vermeintliche Kiste entpuppt sich aber immer wieder als ein Stück Holz oder ein Stein.
Was es mit den Rittersteinen auf sich hat
Die Route Blaues Kreuz führt in die Nähe einer weiteren Schanze, die als solche sogar im Wald noch immer gekennzeichnet ist. In einer langen Linkskurve der nahen Bundesstraße liegt ein so genannter Ritterstein. Der verweist auf eine einst hier zu findende Schanze. Den Namen Ritterstein haben die Felsbrocken übrigens nicht wegen der Schlacht, sie sind benannt nach dem Gründungsvorsitzenden des PWV, Karl Albrecht von Ritter, der die Installation vieler dieser Hinweissteine 1908 mitveranlasst hatte.
Weiter geht es auf idyllischen Waldwegen. Die fest in der Hand der lautstarken Motorradfahrer befindliche Bundesstraße muss gekreuzt werden und wir steuern den Endpunkt der einst preußischen Befestigungslinie auf dem Höhenzug von Johanniskreuz an: den Mosisberg. Mit rund 600 Metern Höhe war der Berg nicht nur 1794 von strategischer Bedeutung. Bis vor wenigen Jahren hatte auch die US-Armee den Mosisberg in Beschlag.
Wie der Hauptmann wohnte und lebte
Unterhalb des Berges findet sich ein weiterer Ritterstein mit der Inschrift „Kapitänshütte“. An dieser Stelle soll sich ein preußischer Hauptmann, Kapitän genannt, ein Haus gebaut haben, das sogar noch ziemlich lange dort stand, wie der 87-jährige Friedel Haas aus eigener Erinnerung zu berichten weiß. Die Wehrmacht hatte später dort einen Bunker in den Waldboden betoniert, der allerdings nach dem Krieg mit den allerletzten Resten der preußischen Hauptmannshütte gesprengt wurde.
Der dritte Ritterstein, der einen echten Zeitzeugen offenbart, ist auch nicht weit. Über eine asphaltierte Straße, die hoch zum Berg führt, geht es auch zum Ritterstein auf der linken Seite, der wiederum auf den Preußenstein verweist. 1794 sollen preußische Soldaten den Schriftzug „Preussen“ in den Fels am Mosisberg graviert haben – aus Langeweile. Immerhin lagen ihre Truppen dort monatelang im Wald. Findige Schatzsucher vermuteten sogar unter dem massiven Fels die Regimentskasse und sollen ihn dereinst angehoben haben. Vergebens.
Wer das seltene Büchllein hat
Wer genauer über die Truppenbewegungen von 1794 informiert werden will, der findet anschauliche Beschreibungen in dem Büchlein „Johanniskreuz, eine Pfälzerwaldgeschichte“ von Ernst Bilfinger aus dem Jahr 1904, das allerdings selbst antiquarisch nur noch schwer zu finden ist. Friedel Haas lässt aber Besucher des Heimatmuseums gerne einen Blick hineinwerfen.
Die bisherigen Folgen der Tour de Pfalz 2020:
(1) Der Wasgau-Haardt-Trail: Höhenritt über Pfälzer Bergrücken
(2) Im Reich der Mini-Frösche: Rund um den Eiswoog bei Ramsen