Tour de Pfalz 2020 (2)
Rund um den Eiswoog: Im Reich der Minifrösche
Groß, hoch und imposant: So ragt das Eistalviadukt über uns auf, als wir uns dem Eiswoog bei Ramsen nähern. Schon beim Weg auf den Besucherparkplatz nimmt das Bauwerk, das sich auf einer Höhe von 35 Metern über das Tal spannt, den Blick gefangen. Ausgangspunkt unserer Tour ist der Bahnhof der Stumpfwaldbahn. Normalerweise können Besucher von hier aus eine Runde mit dem Zug fahren. Derzeit allerdings nicht.
Stattdessen schnüren wir die Wanderschuhe. Wir, das sind außer mir noch meine elfjährige Tochter Maya, meine Mutter, Monika Lutz, und mein Onkel, Dieter Spiess. Da wir nicht aus der Gegend sind, haben wir über die Verbandsgemeinde Eisenberg eine Tour bei Natur- und Landschaftsführer Wolfgang Müller gebucht.
Entlang alter Keltenpfade
Bevor wir uns gemeinsam in den Wald aufmachen, ist erst mal Schätzen angesagt. Müller packt zwei Stöcke aus, mit deren Hilfe meine Tochter und mein Onkel die Höhe eines Baumes ermitteln sollen. Sie sollen den Stock so vor das Auge halten, bis der Stock die Baumspitze zu erreichen scheint – und anschließend von diesem Punkt aus die Schritte bis zum Baum zählen. Im Idealfall ergibt die Schrittlänge die Baumhöhe. In unserem Fall wären das 22 Meter. Ob das stimmt? Egal. Da wir den Baum schön stehen lassen, werden wir es wohl nie überprüfen können. Dafür bewundern wir ausgiebig seine Rinde und die feinen Nadeln – es ist ein Mammutbaum, den der Forst vor etlichen Jahren gepflanzt hat.
Hinter dem Mammutbaum geht es links hoch in den Wald und steil den Berg hinauf. Auf diesem schmalen Pfad seien schon die Kelten und Römer marschiert, schildert Müller. Der Name des Gebiets, Stumpfwald, stamme aus einer spätern Zeit und komme daher, dass die Menschen auf den steilen Wegen mit stampfenden Schritten unterwegs waren. Das leuchtet uns sofort ein, müssen wir doch selbst ordentlich Stampfen und Stapfen, um unsere erste Etappe auf dem schmalen Weg zu erreichen: die ehemalige Haltestelle der Eistalbahn.
Nach einem kurzen Anstieg gibt der Wald einen ersten Blick auf den Eiswoog frei – schön sieht er von hier oben aus, die Wolken spiegeln sich im klaren Wasser des Sees. Neben uns steht ein Sandsteinfels, typisch für die Gegend hier. „Das ist Eisenerz“, sagt Müller und deutet auf eine graue Schicht, die im Felsen sichtbar ist. Schon die Kelten haben vor über 2000 Jahren in der Region rund um den Donnersberg Eisen gewonnen und dabei ihre Spuren hinterlassen, wie Müller erzählt.
Haltestelle voller Graffiti
Mittlerweile sind wir an der ehemaligen Haltestelle der Eistalbahn angekommen. Das Wartehäuschen ist über und über mit Graffiti bedeckt. Der Wald hat sich das Gelände zurückerobert, überall sprießt es. Müller hat einen Ordner voller Daten und Fakten dabei und berichtet von der Entstehung der Eistalbahn. Den ersten Schritt habe Carl von Gienanth bereits in den 1860er Jahren unternommen. Doch es habe bis ins Jahr 1932 gedauert, bis die Bahn fertig gestellt worden sei und als Verbindung zwischen Grünstadt und Enkenbach gedient habe. Ihre letzte Fahrt fand 1988 statt – und Müller war mit seinem Sohn dabei.
Das Eistalviadukt, das auf 271 Metern Länge das Tal überspannt, ist bis heute zu sehen. Der Bahnhof, an dem wir vorher geparkt haben, gehört zur Stumpfwaldbahn, einer Museumsbahn, die seit 1996 auf einer eigenen Strecke von 3,5 Kilometern zwischen Ramsen und dem Eiswoog unterwegs ist.
Wir gehen stattdessen auf die Entdeckung von sieben Quellen, die den Eiswoog speisen. Die erste ist ein kleines Rinnsaal, die zweite sprudelt dafür schon fröhlich vor sich hin. Glasklares Wasser ergießt sich über Sandsteinbrocken. Der Eiswoog sei im Mittelalter als Fischweiher angelegt worden, berichtet Müller. Dazu wurde der Eisbach gestaut. Bis heute tummeln sich im See verschiedene Flossenträger, wie wir später beim Blick in das klare Wasser sehen werden.
Der Wasserstand allerdings ist niedriger, als ich mir vorgestellt hatte. Deutlich sind Sedimente und Pflanzen im See zu erkennen. Eisvögel soll es hier auch geben, wir sehen allerdings keine. Müller hat hier schon welche beobachtet, wie er berichtet. Wir entdecken stattdessen Schmetterlinge in allen möglichen Farben. Der Eiswoog sei 1812 an den Eisenhüttenbesitzer Ludwig von Gienanth verkauft worden und sei bis heute im Besitz der Familie.
Alles voller Minifrösche
„Da war was“, ruft Maya plötzlich. „Und da wieder“, neugierig bleibt sie stehen. Tatsächlich. Kaum sehen wir uns den Waldboden an, entdecken wir winzige Frösche. Hunderte, ach was, Tausende. Sie sind überall. Sie hüpfen über den Weg, wuseln am Hang entlang und versuchen, nach oben in den Wald zu kommen. Die Tierchen sind winzig, vielleicht einen Zentimeter lang. Je genauer wir schauen, desto mehr werden es. Maya nimmt einen davon auf die Hand, fasziniert beobachten wir, wie er ihren Arm entlang hüpft. So viele Frösche hat noch keiner von uns gesehen. Die nächste Zeit setzen wir unsere Schritte sehr vorsichtig, um den kleinen Minihüpfern auszuweichen.
An dieser Stelle sei ein Naturschutzgebiet, berichtet Müller, doch nicht alle Besucher hielten sich daran. Ein Schild sehen wir nicht, das uns darauf hinweist. Wurde es entfernt? Wir wissen es nicht. Der Wald am Ufer sieht an dieser Stelle stark bearbeitet aus, Wurzeln ragen in die Luft.
Wir laufen weiter. In den Bäumen entdecken wir Nistkästen, die der NABU aufgehängt hat. Die dritte Quelle hören wir, bevor wir sie sehen. Sanft sprudelt das Wasser vor sich hin. Ein Blick in den Wald zeigt uns einen Baumpilz, der sich an einer liegenden Buche festgesetzt hat.
Der Wald tut der Seele gut
Wolfgang Müller mag den Wald, wie er uns erzählt, regelmäßig gehe er mit seiner Frau wandern. Der 68-Jährige gibt sein Wissen gern weiter, für jede seiner Touren hat er sich spezielle Anekdoten zurechtgelegt und Infomaterial vorbereitet. Mit 50 Jahren habe er die erste Ausbildung zum Gästeführer gemacht. Mittlerweile sei er zudem Biosphärenguide sowie Natur- und Landschaftsführer und auf unterschiedlichen Routen unterwegs. „Irgendwas muss man in der Rente ja machen“, sagt er mit einem Lachen. Bei einer kurzen Rast trägt Müller ein Gedicht mit Titel „Doktor Wald“ vor, das Förster Helmut Dagenbach verfasst hat. Der Wald, so wird darin deutlich, tut der Seele gut. Und der Nase. Denn riechen tut es hier richtig toll, nach frischem Grün, Wasser und sonnigem Sandboden. Zeit, einen kurzen Abstecher an eine der Quellen des Sees zu machen. In der Nähe badet ein Hund, er scheut das kalte Wasser nicht. Wie kalt es ist, merken wir, als wir unsere Hände in eine der Quellen tauchen.
Ein Stück weiter, am Ende unserer Tour, steht das Seehaus Forelle, dort gibt es einen Spielplatz und einen Badestrand, davor eine Forellenzucht. Während Maya die Spielgeräte testet, zeigt uns Wolfgang Müller einen Gedenkstein, der an die Wiederaufforstung des Waldes nach dem Zweiten Weltkrieg erinnert. Der Wald hier sei immer in Staatsbesitz gewesen.
Eine Runde im See – zu Fuß
Bevor wir zurückfahren, zieht Maya noch Schuhe und Strümpfe aus und marschiert im See entlang. Ein Kneipp-Becken gibt es auch. Neugierig kommen Enten an den Steg und putzen ihr Gefieder. An Wochenenden können hier Boote gemietet werden, auch einen barrierefreien Zugang zu ihnen gibt es.
Wir waren gemütlich unterwegs, für die geschätzten 4,5 Kilometer haben wir zwei Stunden gebraucht. Wir sind uns einig: Es war ein schöner Ausflug.
Bisherige „Tour de Pfalz“-Folgen zum Nachlesen gibt es hier.