Tour de Pfalz 2020 (1)
Wasgau-Haardt-Trail: Höhenwalzer über die Pfälzer Bergrücken
Die Queichtalfrösche blasen uns den Marsch. Eher bräsig als zackig. Doch das ist genau die richtige Begleitmusik, um die Waden zu lockern und den richtigen Sitz auf dem Leihfahrrad zu finden. Die ersten drei Kilometer geht es auf dem Queichtalradweg noch gemütlich durch die grünen Talauen. Der Prolog.
Dabei hatte sich kurz zuvor in Wilgartswiesen der Start bereits beinahe wie das Finale angefühlt: Vom Bahnhof aus rollt man auf die mächtige Kirche mit ihren zwei markanten Türmen zu: Eine Kulisse, die mit der langen Treppenrampe wie der Zieleinlauf wirkt. „Dom im Queichtal“ hatte der frühere Wilgartswiesener Ortspfarrer und spätere Pfälzer Kirchenpräsident Theo Schaller (1900-1993) die Kirche gerne genannt.
Vor hundert Jahren, im Januar 1920, war das stolze Gotteshaus durch einen Brand völlig zerstört worden, ein überhitzter Ofen der Luftheizungsanlage war geborsten. Zwei Millionen Reichsmark hatte der Wiederaufbau gekostet. Die Wunden sind lange verheilt. Doch dieser Start ist ein erster Fingerzeig, dass bei dieser Tour Geschichte und Geschichten die Begleiter sind.
Einmal hoch – und immer oben bleiben
Kurz vor Rinnthal biegen wir links ab ins Langental. „Jetzt geht es ins Gebirge“, sagt Heinz Illner lachend. Zumindest geht es nun bergan. Hoch in den Pfälzerwald. Illner, Jahrgang 1945, ist in Altrip und Dahn zu Hause. Er beschreibt sich selbst als „Hobbybergsteiger und Genusskletterer aus tiefer Zuneigung zum Wasgau-Felsenland“. 16 Jahre war er Präsident der Vereinigung der Pfälzer Kletterer. Das Amt gab er 2012 ab. Doch der Pfälzerwald lässt ihn nicht los, er ist neugierig auf Entdeckungen. Irgendwann kam ihm die Idee zu dieser Höhentour. Keine Berg-und-Tal-Strapazen, kein ständiges Auf und Ab. Sondern einmal hoch – und dann oben bleiben.
Das klingt verrückt. Doch diese Route verknüpft die Höhenzüge des Pfälzerwaldes zwischen Wasgau und Haardt geschickt. Es geht über breite Forstfahrwege. Ein E-Bike - es muss auf dieser Strecke kein E-Mountainbike sein – ist dennoch hilfreich. Dass man etwas durchgerüttelt wird, darf einem nichts ausmachen – asphaltierte Abschnitte gibt es kaum.
Ein tragisches Schicksal
Nach rund fünf Kilometern sind wir oben. Dort passieren wir den „Forstwart-Kühner-Platz“. Wieder ein Stück Geschichte. Und ein trauriges Schicksal. Am 13. September 1955 ist in diesem Gebiet ein Fuhrmann mit seinem Pferd beim Holzrücken. Als der Förster und Revierleiter Gustav Kühner an dem Hang vorbeikommt, sieht er, dass der Fuhrmann zwischen zwei Stämmen eingeklemmt ist. Kühner versucht sofort, ihn aus dieser Zwangslage zu befreien; doch in diesem Moment reißt die Kette des Gespanns. Die Eichenstämme wälzen sich ins Tal – der Förster wird dabei schwer verletzt. Der Fuhrmann rennt hinunter nach Gräfenhausen, um Hilfe zu holen. Als die am Berg eintrifft, ist es bereits zu spät. Gustav Kühner, erst 53 Jahre alt, ist bereits tot. Enkel und Urenkel haben dort oben vor einigen Jahren eine Schutzhütte samt Gedenkstein errichtet.
Nachdenklich und bewegt radeln wir weiter.
Der Pfälzer Weitblick
Ein Abstecher zum nahen Almersberg muss sein. Der 564 hohe Gipfel eröffnet eine der schönsten Aus- und Weitsichten im Pfälzerwald. Heinz Illner gibt dem Panorama mit seinen Wellen, Rundungen und Felsen Namen: dort der Rehberg, da der Asselstein, und weiter: Hundsfelsen, der Große Winterberg, der Große Eyberg. Was für eine schöne Welt! Was für eine Leichtigkeit. Was für ein Höhenwalzer.
Und ganz unten blitzen auch die Türme des Queichtal-Doms hervor. Von hier oben betrachtet scheinen sie nur streichholzgroß ...
Wichtige Fernverbindung
Das Herzstück dieser Tour ist die „Hochstraße“, die von der Taubensuhlstraße rund neun Kilometer lang hinüber zum Forsthaus Heldenstein führt. Wieder eine Route mit Geschichte und Geschichten. Dass dort bereits die Römer entlang zogen, wie es mitunter heißt, das hält der Heimatforscher und Autor Rudolf Wild (Queichhambach) allerdings eher für ein Gerücht. Die Verbindung sei jedoch über Jahrhunderte eine wichtige Fernverbindung gewesen, die bei den Kämpfen gegen Ende des 18. Jahrhunderts von großer strategischer Bedeutung war. Dort marschierten wohl im Juli 1794 die französischen Revolutionstruppen, die dann drüben am Schänzel in einer blutigen Schlacht die preußischen Truppen besiegten.
Heute ist die „Hochstraße“ ein friedlicher Ort. Bei uns ist alles im grünen Bereich: Wir radeln immer wieder durch das üppige Farnmeer, das links und rechts dieser für den motorisierten Verkehr gesperrten unasphaltierten Forststraße wogt.
Schnapsidee aus den 1950er-Jahren
An der Kirschbaumhütte des Pfälzerwald-Vereins Hainfeld machen wir eine kleine Pause. Der Vitamine wegen. Unglaublich: Drei mächtige Bäume spendieren reichlich Wildkirschen. Ein Idyll. In den 1950er-Jahren hatten Südpfälzer Kommunalpolitiker davon geträumt, diese Holzabfuhrtrasse zu einer richtigen Hochstraße auszubauen – nach dem Vorbild der Schwarzwald-Höhenstraße, die sie bei Wochenend-Ausflügen kennengelernt hatten.
„Was für eine Schnapsidee“, denken wir. Aus der Kirschbaumhütte, 1927 vom Forst errichtet und später vom PWV liebevoll renoviert, wäre dann wohl eine Autobahnraststätte mit Pommesgeruch geworden. Glücklicherweise überhörte die Landesregierung damals die Forderung des Pfälzischen Fremdenverkehrsverbandes, diesem Projekt mit Zuschüssen den Weg zu ebnen. Die Hochstraße blieb ein Forstweg, die Wegweiser sind weiter aus Holz.
Am Forsthaus Heldenstein wieder ein Gedenkstein. In der Nähe stürzten am 19. Oktober 1944 zwei amerikanische Bomber ab, die in London gestartet waren und deutsche Industrieanlagen bombardieren sollten. Wohl wegen des schlechten Wetters kollidierten die zwei Maschinen vom Typ B-24 Liberator. 14 Soldaten starben. Ein 14-jähriger Junge war damals als erster an der Absturzstelle gewesen, aufgeschreckt von schwarzem Qualm und Motorenlärm. Der Bub holte seinen Vater, der zusammen mit Freiwilligen die Leichen aus den Trümmern barg und nach Edenkoben brachte, wo sie beerdigt wurden. Der Vater des Jungen war der Förster Gustav Kühner, für den elf Jahre später bei jenem Unglück mit dem Holzfuhrwerk jede Hilfe zu spät kam.
„Ich schütz auch Dich!“
Weil das Forsthaus Heldenstein an diesem Tag geschlossen hat, radeln wir weiter zur Einkehr bei der Hellerhütte. Ja, auch die könnte Geschichten erzählen. „Schütze mich. – Ich schütz auch Dich“ lautet die Inschrift auf der Sandsteinwand. Das ist nicht nur in Zeiten der Corona-Pandemie mehr als zutreffend. Wir prosten uns zu. „Auf die Pfalz, das Leben, das Glück und die Gesundheit“, sagt Heinz Ilner. Wir sehen uns an. Eine Umarmung in Gedanken. Dann geht es hinunter Richtung Neustadt. Das letzte Stück dieses „Wasgau-Haardt-Trails“. Dieses Höhenwalzers per Rad. An den Fischweihern im Kaltenbrunner Tal quakt es kurz. Wie zum Abschied.
Die Routenbeschreibung: Von Wilgartswiesen nach Neustadt
Die Strecke, wie sie Heinz Illner beschreibt: Vom Bahnhof Wilgartswiesen rollen wir ins Tal. Der Startpunkt ist auf der Fußgänger- beziehungsweise Fahrradbrücke über die Queich. (0) Wir erreichen den Queichtalradweg und folgen diesem, bis wir die B10 unterqueren (3,0 km). Nach 3,5 km verlassen wir den Radweg nach links. Auf der B48 geht es Richtung Johanniskreuz und nach 500 Meter rechts ab von der Straße, dann nach 180 Meter links ins Langental. Dem Forstweg folgend und nach 5,7 km links. (Markierung 596-597 folgen). Ab 6,5 km ständig steigend bis zum Talschluss, bei 7,2 km Serpentine nach links bis zur Kreuzung (7,75). Links auf dem „Römerweg 401“ weiter, bis (9,1) der Höhenweg (PWV-Markierung blauer Balken) erreicht wird.
In Richtung Forsthaus Taubensuhl relativ steil zur Hütte am „Forstwart-Kühner-Platz“ (9,8). Nun abwärts zur Kreuzung am Fuße des Almersberges (10,4). Diesen entweder rechts umfahren (Markierung: blauer Balken) oder – was viel schöner ist – den Abstecher zum Gipfel des Almersberges (564m) nehmen. Dazu nach wenigen Metern den Schildern „Almersberg“ und „Süd- und Nordfelsen“ folgen. Über eine Kreuzung führt der Forstweg rechts um den Berg herum bis zum Almersberg Westgipfel (auch als Südgipfel bezeichnet) (11,65).
Mit einer der schönsten Aussichten des Pfälzerwaldes wird man für die Mühe der Auffahrt belohnt. Zurück auf den Auffahrtsweg, wo (13,1) wieder der Höhenweg erreicht wird. Diesem folgen wir nach links. Bei 13,6 verlassen wir die Markierung kurz nach links bis zum breiten Forstweg, der uns rechts wieder zur Markierung bringt. Dort eben weiter und nach kurzer Steigung abwärts zur Kreuzung (15,5)/Rettungspunkt 6713-172. Dort wird die blaue Markierung nach rechts verlassen. Der „Hirschpfad“ bringt uns zur „Taubensuhlstraße“ L505 (16,7). Dieser folgen wir aufwärts bis zum Beginn der ehemaligen „Hochstraße“ am „Essig“ (17,9). Dort befinden wir uns auf einer Höhe von 534m.
Nun auf der geschotterten „Hochstrasse“ weiter, am „Kirschbaum“ (21,45) die Markierung für einige Zeit rechts verlassen (dem Straßenverlauf folgen) und über „Am Lärchengarten“ (24,7) zum Forsthaus Heldenstein (26,9). Ein kurzes Stück geht es auf der Straße am Parkplatz vorbei, dann links in den Forstweg Richtung Totenkopf. Bei der Kreuzung (27,4) geradeaus dem Schild 144 folgen und über „Johannes – Stachelbrunnen“ (31,65) zur Totenkopfhütte (33,0).
Ab dort entweder die direkte Route ins Kaltenbrunner Tal zur Kaltenbrunner Hütte (37,4): entweder Straße oder Forstweg am „Hermannsfelsen“ vorbei bis Freytag Mausoleum und Herz-Jesu-Kloster bis zum Hauptbahnhof Neustadt/Wstr. (43,0). Oder aber die Variante über die Hellerhütte beziehungsweise das großes Finale über Hohe Loog (Einkehr) und anschließend Abfahrt über Speierheld und Hambacher Schloss.
Hinweis: Der Wasgau-Haardt-Trail ist keine Plaisir-E-Bike-Tour! Meist naturbelassene, oft schotterige und auch sandige Forstwege. Gutes Orientierungsvermögen ist von Vorteil und Kartenmaterial (1:25.000) wird empfohlen. Die Km-Angaben können nach Fahrweise abweichen.