Saarland RHEINPFALZ Plus Artikel Missbrauch am Uniklinikum: Aufarbeitung und ein neuer Fall

Ex-BKA-Chef Jörg Ziercke und heutiger Bundesvorsitzender der Opfervereinigung Weißer Ring.
Ex-BKA-Chef Jörg Ziercke und heutiger Bundesvorsitzender der Opfervereinigung Weißer Ring.

Kaum hat der Saar-Landtag die politische Arbeit zur Aufklärung des Missbrauchsskandals am Uniklinikum in Homburg beendet, könnte die renommierte Klinik einen neuen Missbrauchsfall haben. Einen, der schon 25 Jahre zurückliegt. Damit wird sich eine Kommission befassen, an dessen Spitze der ehemalige Chef des Bundeskriminalamts (BKA), Jörg Ziercke, steht. Er sucht weitere Opfer und ist noch nicht zufrieden.

Kaum hat der Saar-Landtag die politische Arbeit zur Aufklärung des Missbrauchsskandals am Uniklinikum in Homburg beendet, könnte die renommierte Klinik einen neuen Missbrauchsfall haben. Einen, der schon 25 Jahre zurückliegt. Damit wird sich eine Kommission befassen, an dessen Spitze der ehemalige Chef des Bundeskriminalamts (BKA), Jörg Ziercke, steht. Er versucht herauszufinden, wie viele Opfer es noch gibt.Das Uniklinikum wehrte sich lange, den Missbrauchsskandal um einen später als pädophil eingestuften verdächtigen Assistenzarzt öffentlich zu machen und die Eltern der mutmaßlich betroffenen Kinder zu informieren.

Fünf Jahre nach dem Tod des Verdächtigen

Jener Arzt konnte jahrelang ungestört weiterarbeiten mit Kindern, die wegen psychischer Probleme in die Jugendpsychiatrie nach Homburg kamen, und an denen er mindestens zwischen 2010 und 2014 nachweislich medizinisch nicht indizierte Untersuchungen vornahm. Einige Jungs fotografierte er dabei nackt, Aufnahmen fand die Polizei später bei einer Durchsuchung in dessen Haus in der Westpfalz. Der Verdächtige ist mittlerweile schon über fünf Jahre tot. Doch die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals an dem Klinikum geht weiter.

Mit einer Expertengruppe, die unabhängig vom Klinikum und der Politik ist und zu der neben Ziercke unter anderem auch Michael Katsch gehört – das öffentliche Gesicht der Initiative „Eckiger Tisch“, die über den Missbrauch in der katholischen Kirche aufklärt. Nachdem die politische Aufarbeitung des Skandals am Uniklinikum aus Sicht der Betroffenen eher enttäuschend zu Ende gegangen ist, kümmert sich die unabhängige Aufarbeitungskommission um Opfer und deren Angehörige und bittet diese um Mithilfe. Im November nahm das Gremium seine Arbeit auf. Gut ein Jahr gibt es sich Zeit, wie deren Vorsitzender Ziercke zusammen mit zwei weiteren Kommissionsmitgliedern am Mittwoch in Saarbrücken vor Journalisten erklärte. Es gehe „vor allem um die Anerkennung des Leids der betroffenen Familien“.

28 von 300 potenziellen Opfern melden sich

Um deren Geschichten zu hören, um zu erfahren, was passiert ist, wurden rund 300 potenzielle Opfer des Arztes und deren Familien angeschrieben. Der Kommission zufolge haben darauf 41 Menschen reagiert, 28 unter ihnen machten den rechtlichen Weg für Recherchen der Kommission frei: Sie haben Ärzte von der Schweigepflicht entbunden und der Analyse ihrer alten Patientenakte zugestimmt.

Ex-BKA-Chef Ziercke glaubt, dass es noch mehr Betroffene geben könnte. Deshalb sollen erneut Briefe verschickt werden: an die bereits Angeschriebenen, aber auch an 130 Personen im Umfeld des Vereins Judo Kenshi in Homburg-Erbach. Dort war jener angehende Facharzt Trainer und suchte auch privat Kontakt zu Kindern. Vor allem zu Jungs, die auch bei ihm übernachteten. Nicht immer mit dem Wissen oder der Erlaubnis der Eltern. Kommissionsmitglied Katsch geht davon aus, dass vor allem im privaten Bereich des Arztes der „harte Missbrauch“ stattgefunden habe, wie er gegenüber der RHEINPFALZ sagte.

Zusätzlich zu den Missbrauchsfällen des Assistenzarztes wollen die Experten auch weiteren Verdachtshinweisen aus der Hals-Nasen-Ohren-Klinik in Homburg nachgehen. Konkrete Verdächtige gebe es nicht, „es gibt aber verletzte Kinder“, sagte Ziercke. Er gehe in der HNO von zwei bis drei konkreten Fällen aus. Die Staatsanwaltschaft Saarbrücken hatte ihre Ermittlungen eingestellt.

Traumatische Folgen nach 25 Jahren

Ziercke fordert schon jetzt, „das Klinikum muss Verantwortung übernehmen“ – Namen nannte er nicht. Bis auf einen Klinikdirektor, der in Rente ging, sind alle Verantwortlichen in Homburg nach wie vor im Amt. Die Klinik sieht sich nun einem neuen, alten Fall gegenüber. Laut Ziercke hat sich ein heute 40-Jähriger gemeldet. Er sei eigenen Angaben zufolge vor 25 Jahren im Klinikum missbraucht worden – lange vor den bisher bekannten Fällen. Der Mann leide unter erheblichen traumatischen Folgen. Die Aufklärung steht noch aus.

Dass sich Menschen erst so spät melden und Hilfe suchen, kennt die Beiratsvorsitzende der Expertengruppe, die Bundesfamilienministerin von Ende der 90er-Jahre, Christine Bergmann. Und manche Menschen gehen mit ihrer Geschichte dann auch an die Öffentlichkeit. „Weil sie möchten, dass sich etwas ändert, dass ihr Erlebtes dazu beiträgt, dass andere diese Erfahrung nicht machen müssen.“

 Beiratsvorsitzende der Aufklärungskommission: Christine Bergmann (SPD). Sie war von 1998 bis 2002 Bundesfamilienministerin.
Beiratsvorsitzende der Aufklärungskommission: Christine Bergmann (SPD). Sie war von 1998 bis 2002 Bundesfamilienministerin.
Matthias Katsch engagiert sich als Sprecher der Initiative „Eckiger Tisch“ für die Aufarbeitung und Sichtbarkeit von Betroffenen
Matthias Katsch engagiert sich als Sprecher der Initiative »Eckiger Tisch« für die Aufarbeitung und Sichtbarkeit von Betroffenen sexueller Gewalt in der katholischen Kirche.
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