Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Geiselnahme, Entführung, Bedrohung: So verhandelt ein Spezialist des LKA

Es geht nur im Team: Die Verhandler des LKA unterstützen auch die Spezialkräfte der rheinland-pfälzischen Polizei bei Einsätzen.
Es geht nur im Team: Die Verhandler des LKA unterstützen auch die Spezialkräfte der rheinland-pfälzischen Polizei bei Einsätzen.

Wenn die Polizei auf kritische Lagen trifft, ist sie oft mit dabei: die Verhandlungsgruppe des Landeskriminalamts. Die Spezialisten dort brauchen gute Nerven und Teamgeist.

Fast rund um die Uhr dauert der Einsatz. Eine junge Frau kauert verzweifelt am Rand eines Steinbruchs im Pfälzerwald, will ihrem Leben mit einem Sprung in die Tiefe ein Ende setzen. Dass sie es nicht tut, von ihrem Vorhaben ablässt und sich vom Abgrund zurückzieht, ist das Ergebnis stundenlanger Gespräche mit speziell geschulten Polizeibeamten. Ihnen gelingt es, mit geduldigem Zuhören einerseits und geschickter Ansprache andererseits, dem Mädchen positive Perspektiven und mögliche Lösungen für übergroß erscheinende Probleme aufzuzeigen. Parallel gesammelte Informationen aus dem persönlichen Umfeld helfen den Kräften vor Ort, individuell auf ihr Gegenüber einzugehen. Die Strategie der Verhandlungsgruppe geht auf – die Mitglieder des Teams können durchatmen.

Marco Emrich, ein 50 Jahre alter Südpfälzer, leitet die der Abteilung Einsatz- und Ermittlungsunterstützung beim Landeskriminalamt (LKA) zugeordnete Verhandlungsgruppe. Der Polizeihauptkommissar vermittelt als Gesprächspartner eine ungeheure Ruhe und gleichzeitig ungeteilte Aufmerksamkeit. Seine Methode, um nach strapaziösen Vorfällen wie dem eingangs beschriebenen den Kopf freizukriegen: lange Spaziergänge – bevorzugt allein. Mit seiner Frau, Polizeibeamtin wie er, rede er über solche Einsätze nicht. Das Erlebte zu verarbeiten, dabei helfe darüber hinaus der Austausch mit dem Team: „Das schweißt unheimlich zusammen. Es entwickelt sich dadurch eine enge Verbundenheit.“

Gründung in den Achtzigern

Aber warum hat die rheinland-pfälzische Polizei seit inzwischen vier Jahrzehnten eine eigene Verhandlungsgruppe? Rückblende in die 1980er-Jahre: Der Deutsche Herbst – blutiger Höhepunkt des Linksterrors der Rote Armee Fraktion – mit seinen Anschlägen und Entführungen liegt wenige Jahre zurück. Immer wieder kommt es bundesweit außerdem zu Banküberfällen, bei denen Räuber Angestellte oder Kunden als Geiseln nehmen, um ihren Fluchtweg freizupressen. Für solche Lagen braucht es, so die damalige Erkenntnis, nicht nur gut trainierte Spezialeinsatzkräfte, sondern andere „Einsatzmittel“, wie es im Polizeijargon heißt: Leute, die mit Tätern Kontakt aufnehmen, verhandeln und sie im Idealfall zur Aufgabe bewegen können – ohne riskanten und unter Umständen für alle Beteiligten lebensgefährlichen Zugriff.

Den Anstoß, innerhalb der rheinland-pfälzischen Polizei ein solches Team zu gründen, liefert der 5. Oktober 1982: Zwei Männer überfallen eine Sparkassenfiliale am Schenkendorfplatz in Koblenz, bringen neun Menschen in ihre Gewalt. Einem 19-jährigen Mitarbeiter schießen sie in die Kniekehle, zehn Tage später stirbt der Jugendliche an einer Lungenembolie. Die Täter, einer von ihnen ein Ex-SEK-Beamter aus Köln, entkommen zunächst mit rund 1,2 Millionen Mark Beute, werden später gefasst und verurteilt. Das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ berichtet über den Prozess – und über folgenschwere taktische Fehler der Einsatzkräfte, die dort zur Sprache kommen. 1984 erhält das Landeskriminalamt den Auftrag, den spektakulären Fall zu analysieren. Eine Konsequenz nach Koblenz: die Gründung der Verhandlungsgruppe ein Jahr später.

Im Einsatz etabliert

Seitdem sind deren Mitglieder als „etabliertes Einsatzinstrument“ immer dann gefragt, wenn es im Land zu Lagen kommt, in denen Polizei auf Menschen im absoluten psychischen Ausnahmezustand trifft: Menschen, die sich das Leben nehmen möchten, oder Menschen, die eine Straftat begehen und sich damit in eine Situation bringen, die sie so nicht erwartet oder durchdacht haben. LKA-Präsident Mario Germano nennt Geiselnahmen, Entführungen und Bedrohungen als Beispiele. Dass Täter bevorzugt mit Verhandeln und Kommunizieren zum Einlenken gebracht werden sollen, zeige ein „verändertes Verständnis von Polizeiarbeit – weg vom reinen Durchsetzen des Gewaltmonopols“, sagt der Behördenchef.

Es gehe nicht darum, einen Täter oder eine Täterin „nur bei Laune zu halten oder ihm gar zu drohen, sondern ihm psychologisch geschickt Handlungsalternativen aufzuzeigen“, erklärt Germano. Es brauche für diesen Job Redegewandtheit und Geistesgegenwart, aber auch „Affinität zum Umgang mit Menschen“. Hinter jeder Person, auch mutmaßlichen Straftätern, stecke eine Geschichte, gebe es Gründe für ihr Verhalten. Diese zu erkennen und Ansatzpunkte für einen Austausch zu identifizieren, seien neben einer hohen inneren Motivation wichtige Eigenschaften, um Teil des Verhandlungsteams zu werden. Es besteht derzeit aus fünf hauptamtlichen Mitgliedern beim LKA und einer zweistelligen Anzahl Nebenamtlicher, verteilt auf Dienststellen im ganzen Bundesland.

„Einzelgänger nicht gefragt“

Anders als zuweilen in Fernsehkrimis zu besichtigen, die das Lösen kritischer Situationen allzu häufig als Ergebnis heldenhafter Alleingänge und einsamer Entscheidungen inszenieren, sind die rheinland-pfälzischen LKA-Verhandler immer ins Team der Einsatzkräfte vor Ort integriert: „Einzelgänger sind nicht gefragt“, sagt Marco Emrich. Er beschreibt seine Rolle und die seiner Kollegen so: „Das mildeste Mittel, über das die Polizei verfügt, ist die Sprache.“ Der erfahrene Beamte vergleicht sie mit einem Werkzeugkoffer, aus dem man das passende Instrument wählt. Am wichtigsten sei herauszufinden, wer einem gegenübersitze: jemand, der eine direkte Ansprache vertrage, oder jemand, der Empathie und positive Verstärkung brauche. Ein weiteres Ziel: Zeit gewinnen, um Optionen zu durchdenken. Emrich: „Solange Kommunikation stattfindet, passiert nichts anderes.“

70 bis 80 Mal pro Jahr werde die Verhandlungsgruppe alarmiert, in 50 bis 60 Fällen sei dann tatsächlich jemand aus dem Team aus Haupt- und Nebenamtlichen aktiv gefragt, sagt Kriminalrat Johannes Schwab, der das LKA-Dezernat Einsatz- und Ermittlungsunterstützung leitet. Mit dem Job sei, mit Ausnahme etwa von Urlaub, eine Art freiwillige Dauerverfügbarkeit verbunden. Die Mitglieder des Teams stellen ihren Status auf Rot oder Grün, signalisieren damit Kollegen ihre Einsatzbereitschaft. Bei Grün kann jederzeit das Telefon klingeln, verbunden mit dem Wissen, dass ein Einsatz potenziell traumatisierende Erlebnisse mit sich bringen könne – ein Zustand, der ihm aber nicht mehr den Schlaf raube, sagt Marco Emrich.

Hohe Bewerberzahlen

Diese Stressresilienz müsse schon mitbringen, wer sich für einen Platz in der Verhandlungsgruppe interessiere, sagen Schwab und Emrich. Die Bewerberzahlen sind nach LKA-Angaben mit 120 bis 170 auch im Vergleich zu anderen Stellen recht hoch. Bewerbungen kommen aus vielen Bereichen: Kripo, Wechselschichtdienst oder Fachkommissariate. Wer die einmonatige Ausbildung absolvieren darf, entschiede sich bei einem zweitägigen, von Experten begleiteten Auswahlverfahren, erläutert Schwab. Bei der fortlaufenden Qualifizierung arbeite Rheinland-Pfalz mit dem Saarland und Luxemburg zusammen. Das und auch das kontinuierliche gemeinsame Training mit Kollegen etwa der Spezialeinsatzkräfte garantiere, dass einerseits Betriebsblindheit vermieden wird und sich andererseits Vertrautheit für den Ernstfall entwickeln kann.

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