Mainz
Somalische Hass-Influencerin nach Mainz zurückgekehrt
Es sind verwackelte Handyvideos, wie man sie auch aus anderen Krisengebieten dieser Welt kennt: Aufgebrachte Menschenmassen marschieren Anfang Dezember durch die staubigen Straßen der Großstadt Borama im Westen Somalilands. Sie protestieren gegen die Regierung der de facto von Somalia unabhängigen Republik mit rund sechs Millionen Einwohnern am Horn von Afrika. Doch es bleibt nicht nur bei Protesten. Die Stimmung kippt offenbar innerhalb weniger Tage. Demonstranten errichten Barrikaden, bewerfen Verwaltungsgebäude mit Brandsätzen und schleudern Steine auf Sicherheitskräfte. Regierungstruppen, die in der Stadt stationiert sind, antworten mit voller Härte und eröffnen das Feuer auf die Demonstranten. 19 Menschen sollen bei den Protesten getötet und über 200 verletzt sein, berichtet das somalische Nachrichtenportal „Shabelle Media“, das sich auf die Behörden vor Ort beruft. Unabhängig prüfen lassen sich diese Zahlen nicht.
Hasspostings in der somalischen Gemeinde
Im Zentrum der Proteste stehen Streitigkeiten zweier Bevölkerungsgruppen. In Somalia und Somaliland organisiert sich politische und gesellschaftliche Macht anhand komplexer Clan- und Familienstrukturen, die um Einfluss ringen. Tief verwickelt in diese Machtkämpfe ist die somalischstämmige Influencerin „Xidigta Jarmalka“ (Deutsch: „Stern von Deutschland“), die bis vor einigen Monaten in Mainz lebte und der auf Tiktok knapp 240.000 Menschen folgen.
In der somalischen Gemeinde gilt „Xidigta Jarmalka“ als Star. Doch zwischen Postings für Schmuck und Schminke verbergen sich auch Hassbotschaften. 2023 rief sie zum Mord an verfeindeten Landsleuten auf. Inzwischen ermittelt das Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz (LKA) in dem Fall. Bereits im vergangenen Jahr hatte die RHEINPFALZ aufgedeckt, wie die Influencerin mit ihren fragwürdigen Aussagen ihre Zuschauer auf Tiktok mobilisierte. Besonders pikant: Die Frau lebt seit 2015 in Deutschland mit einem Flüchtlingsstatus in Mainz. Gleichzeitig unternimmt sie regelmäßig verdeckte Reisen in ihr Heimatland und zeigt sich dort freimütig mit Lokalpolitikern und sogar Regierungsmitgliedern.
Inzwischen ist das Verhalten der Influencerin auch Thema im rheinland-pfälzischen Landtag. Am Dienstag muss das Integrationsministerium dem Ausschuss in nicht-öffentlicher Sitzung Rede und Antwort zu dem Fall stehen.
„Zur Vertreterin ihres gesamten Clans geworden“
„Xidigta Jarmalka“ hielt sich in den vergangenen Monaten in Borama auf. Von dort aus heizte sie einen Konflikt zwischen ihrem und einem verfeindeten Clan an, der seit Monaten köchelt. Bereits im Oktober tauchte die Frau in der kleinen Hafenstadt Zeila auf und beteiligte sich an Demonstrationen. Bei einer dieser Veranstaltungen soll die Influencerin zwischenzeitlich festgenommen worden sein. Eine offizielle Bestätigung erhielt diese Zeitung von den Behörden aus Somaliland auch auf mehrmaliges Nachfragen nicht. Ein Dokument ihres Anwalts, das dieser über die sozialen Netzwerke verbreitet hat, untermauert jedoch die Darstellung. Der Redaktion liegt dieses Dokument vor und sie hält es für authentisch.
Im Dezember eskalieren die Proteste und es kommt in Borama zu dem tödlichen Militäreinsatz. Ein Video zeigt die Influencerin am nächsten Morgen durch die Stadt laufen. Dabei ruft sie offenbar die Menge auf, sich an gewalttätigen Handlungen zu beteiligen. Zwei Videos zeigen sie, wie sie sich in einem Krankenhaus aufhält, in dem Verletzte versorgt werden.
Welche Verantwortung trägt „Xidigta Jarmalka“ an der Eskalation der Proteste? „Diese Influencer haben in Somalia die Möglichkeit, viele Menschen zu mobilisieren“, ist Markus Höhne von der Universität Göttingen überzeugt. Höhne ist Ethnologe und forscht seit Jahren zur somalischen Gesellschaft. Die Frau habe sich in den vergangenen Jahren erst mit Lifestyle-Themen eine große Anhängerschaft in den sozialen Medien aufgebaut und dann begonnen, ihre Inhalte zu politisieren. „Damit ist sie zur Vertreterin ihres gesamten Clans aufgestiegen“, sagt Höhne.
Eine andere Person, die selbst zur somalischen Gemeinde in Deutschland gehört und anonym bleiben möchte, geht noch einen Schritt weiter: Wer solche Konflikte anführe, erlange nicht selten die Kontrolle über Gelder aus der somalisch-deutschen Diaspora sowie politischen Einfluss. Ihr Status als Rückkehrerin aus Deutschland verleihe ihr in den Augen vieler zusätzliches Prestige und Autorität.
Behörden prüfen Schutzstatus
Ob „Xidigta Jarmalka“ eine direkte Verantwortung für den Tod von Menschen in Somaliland trägt, müssen die dortigen Behörden beurteilen. Deutsche Behörden prüfen derzeit hingegen, ob man der Influencerin ihren Schutzstatus entziehen kann. Das teilte zuletzt die Stadt Mainz auf Anfrage dieser Zeitung mit.
Zum konkreten Fall möchte sich das zuständige Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) nicht äußern, zum generellen Vorgehen hingegen schon. Demnach könnte eine Reise ins Heimatland zwar reichen, den Schutztitel zu verlieren, erklärt ein Sprecher auf Anfrage. Das BAMF habe aber bei Reisen ins Herkunftsland eine Beweispflicht. „Es reicht nicht einfach ein Foto auf Social Media.“ Ein sicherer Beweis sei etwa ein Passstempel oder Vermerke in elektronischen Reiseverzeichnissen. Doch es gibt auch andere Möglichkeiten, wie Geflohene ihren Schutzstatus verlieren können: Wer Straftaten begeht, muss mit dem Verlust des Schutztitels rechnen. Ebenso, wer im Asylverfahren falsche Angaben macht. Ein Abschiebegrund wäre zum Beispiel, wenn der Antragsteller im Asylverfahren eine politische Verfolgung glaubhaft gemacht habe, dann aber freundschaftliche Verbindungen zu Regierungsstellen des Herkunftslandes pflege, erklärt der BAMF-Sprecher. Solche Punkte müssen die deutschen Behörden jetzt überprüfen.
Push-Nachricht: „Xidigta Jarmalka ist live“
„Xidigta Jarmalka“ entzog sich durch ihre Reise nach Somaliland zuletzt den deutschen Behörden. Am vergangenen Wochenende folgt dann eine überraschende Wendung. Es ist Sonntagnachmittag und auf den Mobiltelefonen der Anhänger von „Xidigta Jarmalka“ leuchtet eine Push-Benachrichtigung auf: „Xidigta Jarmalka ist live“.
Eine knappe Stunde lang unterhält sich die Frau in ihrem Tiktok-Livestream mit verschiedenen Personen. Zigtausende Menschen schauen dabei zu. Für deutsche Behörden müssten diese Aufnahmen hoch interessant sein. Denn die Influencerin sitzt in ihrer Mainzer Wohnung. Erkennbar ist das an Einrichtungsgegenständen, die in älteren Aufnahmen eindeutig ihrer Mainzer Wohnung zuzuordnen sind. Offenbar ist sie in den vergangenen Tagen nach Deutschland zurückgekehrt. Von ihren Anhängern darauf angesprochen, räumt sie die Rückkehr ein.