Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Funktioniert das Lüften im Schulunterricht in der kalten Jahreszeit?

Regelmäßig geöffnete Fenster sind an Schulen das Gebot der Stunde.
Regelmäßig geöffnete Fenster sind an Schulen das Gebot der Stunde.

Alle 20 Minuten kurz Stoßlüften: Diese Strategie soll Corona-Infektionen im Unterricht in rheinland-pfälzischen Schulen verhindern. Doch jetzt im Herbst, spätestens nach den Ferien, wird Lüften zum Streitthema. In den Schulen arrangiert man sich bislang gut mit der Situation. Doch was passiert, wenn es noch kälter wird? Kritische Stimmen gibt es schon jetzt.

Im Herbst und Winter kann es kalt werden. Da gerät das Gebot des regelmäßigen Stoßlüftens im Schulunterricht, das vom Land Rheinland-Pfalz ausgegeben wurde, schon mal in die Kritik. „Gehen wir mal davon aus, dass es noch Wintertage mit Minusgraden gibt“, blickt Reiner Schladweiler, Landeselternsprecher von Rheinland-Pfalz, voraus. „Da könnten den Kindern während einer Klassenarbeit schon mal die Finger kalt werden. Und mit kalten Fingern lässt sich unkonzentriert schreiben.“

Das Bildungsministerium Rheinland-Pfalz erklärt: Am Lüften mit Außenluft führe in den Schulen kein Weg vorbei. „Darin sind sich die Experten einig“, sagt Ministeriums-Pressesprecherin Sabine Schmidt im RHEINPFALZ-Gespräch. Alle 20 Minuten soll für fünf Minuten stoßgelüftet und in den Pausen bei offenen Türen quergelüftet werden. Diese Maßnahmen hat das Land in seinem Corona-Hygieneplan festgehalten. Querlüftung ist das, was man umgangssprachlich Durchzug nennt. Dass es durch die regelmäßige Stoßlüftung im Unterricht zu kalt werden könnte, sieht das Ministerium nicht als Gefahr. „Wenn man richtig lüftet, sollte sich die Temperatur im Klassensaal um höchstens zwei bis drei Grad herunterkühlen“, sagt Schmidt.

„Luftaustausch im Winter leichter“

Klaus-Peter Hammer, Vorsitzender der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) Rheinland-Pfalz, hält die Vorgaben des Landes für sinnvoll. „Das Stoßlüften alle 20 Minuten klingt nachvollziehbar und praktikabel“, sagt er. Dass die Schüler einen geregelten Unterricht vor Ort haben, sei der Wille aller Beteiligten. „Und dafür ist Lüften aus unserer Sicht eines der bestmöglichen Mittel. Die Experten sagen auch, dass der Luftaustausch im Winter wegen der Temperaturunterschiede zwischen innen und außen einfacher ist.“ Dennoch gebe es auch in rheinland-pfälzischen Schulen einige Klassenräume, die sich nicht oder nur schlecht belüften ließen, merkt Hammer an: „Zum Beispiel Werkräume, die nur Oberlichter haben.“ Wie viele solcher Räume es im Bundesland gebe, sei jedoch schwer in Zahlen zu fassen. „Das liegt auch an den unterschiedlichen Baujahren der Schulen“, sagt der Gewerkschafter.

An der Realschule plus in der Kirchbergstraße in Pirmasens macht man sich derzeit wenig Sorgen um das Lüften: „Prinzipiell ist das machbar“, sagt Konrektorin Katharina Ziegler. Es säßen zum Teil auch noch Kinder in T-Shirts im Raum. Und die Heizungsanlage liefere eine gewisse Grundwärme. „Ich kann aber nicht sagen, wie es sein wird, falls es einen strengeren Winter gibt“, blickt Ziegler voraus. Bislang habe sich jedenfalls noch kein Schüler wegen extremer Kälte im Klassensaal beschwert. Auch von den Eltern kämen keine Klagen.

Dresscode: Zwiebelkleidung

Das Stoßlüften funktioniere nach einem Kinderreim, sagt Christian Bayer, Schulleiter und Physiklehrer am Karolinen-Gymnasium in Frankenthal: „Öffne nur für kurze Zeit alle Fenster möglichst weit.“ Der Idealfall sei aber der Durchzug, erklärt er: „Das heißt, man tauscht innerhalb von drei Minuten die Luft aus und schließt die Fenster dann wieder. Die Wärmekapazität der Möbel ist in der Regel so groß, dass die normale Raumtemperatur sehr schnell wieder erreicht ist.“ Das Gebäude des Karolinen-Gymnasiums lasse sich gut belüften. Und in der Sporthalle seien die Fenster momentan durchgehend offen.

Ein leises Glöckchen ertönt am Reichswald-Gymnasium in Ramstein-Miesenbach (Landkreis Kaiserslautern) immer dann, wenn stoßgelüftet werden muss. Es dient quasi als Orientierungshilfe. „Einige Kinder haben schon angemerkt, dass ihnen kalt ist. Jetzt haben wir die Empfehlung ausgegeben, im Zwiebel-Look in der Schule zu erscheinen – und das geschieht auch“, sagt Schulleiterin Sonja Tophofen. Manche Schüler würden sich auch in den Klassensälen Tee kochen. Von den Eltern befürchte bislang niemand wegen des Lüftens eine bevorstehende Erkältungswelle. „Die Eltern haben auch von Anfang an bei unserem Sicherheitskonzept mitgearbeitet“, sagt der stellvertretende Schulleiter Martin Nunberger. Der Standort der Ramsteiner Schule mache das Lüften dort generell nicht zum Problemthema. Man könne für Durchzug sorgen und von außen gebe es kaum Störgeräusche.

Streitthema: Luftfilteranlagen

In der Lüftungsdiskussion spielen auch mobile Luftfilteranlagen für Schulen eine Rolle. Diese Geräte sollen dazu in der Lage sein, die bei der Virusübertragung so gefährlichen Aerosole aus der Luft zu filtern. Die Sprecherin des Mainzer Bildungsministeriums Sabine Schmidt sagt, diese Anlagen könnten eine Begleitmaßnahme sein; sie ersetzten das Lüften mit Außenluft aber nicht. „Zum Einsatz kommen sollten ausschließlich qualitätsgeprüfte Geräte“, sagt Torsten Heil, Pressesprecher der Kultusministerkonferenz (KMK). Rheinland-Pfalz hat bei der KMK in diesem Jahr die Präsidentschaft inne. Heil spricht von Geräten mit Hochleistungsschwebstofffiltern (HEPA-Filter H13 oder H14). Diese würden leise arbeiten und einen ausreichenden Volumenstrom, gemessen an der Raumgröße, garantieren. Zur Erklärung: Der Volumenstrom ist eine physikalische Größe, die angibt, wie viel vom Volumen eines Mediums pro Zeitspanne durch einen bestimmten Querschnitt transportiert wird.

„Die mobilen Luftfilteranlagen müssen sehr spezifische Bedingungen erfüllen, um zum Infektionsschutz zu dienen“, sagt Jochen Schäffler, Sicherheitsbeauftragter und Biologielehrer am Reichswald-Gymnasium. Wenn die Raumluft durch solche Anlagen zum Beispiel einfach nur umverteilt werde, könne die Infektionsgefahr sogar steigen. Die Lüftung über die Fenster sei kostengünstiger und anwenderfreundlicher.

Kritik wegen der Kostenfrage

Landeselternsprecher Schladweiler ist jedoch der Ansicht, dass im Winter eine größere Investition in solche Luftfilteranlagen getätigt werden muss. Seiner Auffassung nach müssten die Anlagen vom Bund finanziert werden: „Der ist in einer Pandemie schließlich für alles zuständig.“ Allerdings hält auch er die Umsetzung für schwierig: „In Rheinland-Pfalz müssten 17.000 bis 20.000 Klassenräume bestückt werden.“ Die Frage sei, ob die Firmen diese Produktion überhaupt leisten können.

KMK-Sprecher Torsten Heil merkt an, dass es vom Bundeswirtschaftsministerium bereits den Entwurf einer Förderrichtlinie für raumlufttechnische Anlagen in öffentlichen Gebäuden und Versammlungsstätten gibt: Bis zum Jahr 2024 stünden 500 Millionen Euro zur Verfügung.

In Rheinland-Pfalz hat bereits eine Expertenrunde getagt, in der sich das Bildungsministerium unter anderem mit Schulträgern und Wissenschaftlern zum Thema Lüften beraten hat. Das Ergebnis: Skepsis gegenüber einem flächendeckenden Einsatz von Raumluftreinigern, während Fensterlüften als das A und O erklärt wird. Die CDU-Fraktion im Landtag kritisiert: Die Landesregierung mache es sich zu leicht. Zwar sei es sicherlich kaum möglich, die Schulen flächendeckend mit Raumluftreinigern auszustatten. „Das kann aber keinen gänzlichen Verzicht bedeuten“, meint CDU-Landtagsfraktionschef Christian Baldauf. „Gegenwärtig entsteht der Eindruck, dass sich die Landesregierung aus Kostengründen querstellt. Das geht zulasten unserer Kinder.“

Ein Kommentar zur Debatte ums Lüften in Schulen steht hier.

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