Kaiserslautern
Finanznot: Hat das Westpfalz-Klinikum seinen Tiefpunkt erreicht?
Es gibt sie natürlich auch, Heldengeschichten aus dem Krankenhaus. Etwa dann, wenn Menschen in hoffnungslos scheinenden Fällen doch noch gerettet werden können. So wie im September, als auf der internistischen Intensivstation des Westpfalz-Klinikums (WKK) in Kaiserslautern ein 68-Jähriger nach einem Darmverschluss und Erbrochenem in der Lunge dem Tod von der Schippe springen konnte und die RHEINPFALZ darüber berichtete. Der frühere Kripobeamte selbst wollte es so und seinen Lebensrettern damit danken. Alltag im Krankenhaus? Schwer zu sagen, die meisten Geschichten bleiben im Privaten – auch wenn das Ringen um Vitalfunktionen in den Intensivstationen sicher zum Alltag gehört.
Die finanzielle Seite vieler Krankenhäuser sieht dagegen schon lange wenig rosig aus. Zahlreiche Häuser, auch Pfälzer Kliniken, geben mehr Geld aus, als sie einnehmen und fahren damit Defizite ein. Wo viele besonders schwere Fälle zu behandeln sind, Betten leer stehen sowie Personal-, Material- und Energiekosten steigen, gerät die Bilanz in Schieflage. Die Westpfalz-Klinikum GmbH etwa hat im vergangenen Jahr ein Minus von 14,9 Millionen Euro eingefahren – das größte Defizit in der Geschichte des Verbundkrankenhauses.
Krux: die geringe Eigenkapitalquote
Das Klinikum ist mit seinen 1300 Betten, rund 4300 Beschäftigten und den vier Standorten Kaiserslautern, Kusel, Kirchheimbolanden und Rockenhausen hinter der Universitätsmedizin in Mainz das zweitgrößte Krankenhaus in Rheinland-Pfalz. Auch das laufende Jahr wird nicht viel besser werden. Auf rund zehn Millionen Euro wurde der Fehlbetrag im 2023 beschlossenen Sanierungsplan für das Westpfalz-Klinikum für 2024 prognostiziert. Offiziell halten sich Klinikum und Aufsichtsrat bedeckt, wie die Zahlen aktuell aussehen.
Man gehe davon aus, dass es in diesem Rahmen bleibt, ist alles, was nach außen gesagt wird. Befürchtet man negative Schlagzeilen? Die hat es im Zusammenhang mit der Finanzkrise des Klinikums zahlreich gegeben, auch weil der Konzern nicht immer selbst über die Hiobsbotschaften informiert. Zuletzt ging im Herbst die Gewerkschaft Verdi mit der Nachricht über die Schließung der Zentralküche des Klinikums in Kaiserslautern zum Jahr 2026 als erstes an die Öffentlichkeit, nicht die Geschäftsleitung. Zurzeit läuft die Ausschreibung für einen Caterer. Eine halbe Million Euro soll mit der Vergabe an einen externen Anbieter eingespart werden.
Was die Bürger die Sanierung kostet
Im vergangenen Jahr musste das Westpfalz-Klinikum – als einziges Krankenhaus in der Pfalz – vor der Insolvenz gerettet werden. Man brauchte rund 80 Millionen Euro. Über Bankdarlehen sind bis Ende 2026 mehr als 17 Millionen gesichert, das Gros mit 63 Millionen Euro schießen die drei Gesellschafter, die Stadt Kaiserslautern und die Landkreise Kusel sowie der Donnersbergkreis, bei. Was die Lage auch so prekär macht, ist trotz Aufstockung die geringe Eigenkapitalquote von unter zehn Prozent – einer der Faktoren, der laut Unternehmensberater PWC gefährderte Kliniken eint.
Rechnet man die 37,7 Millionen Euro, die Kaiserslautern aufbringt, auf die Bürger der Stadt um, wären dies in den vier Jahren rund 370 Euro pro Person Jeder Bürger im Kreis Kusel (15,7 Millionen) trägt rechnerisch in dem Zeitraum 220 Euro und im Donnersbergkreis (9,4 Millionen) rund 123 Euro zur Stützung des Klinikums bei. Ein Teil des Geldes soll am Ende wieder in die öffentlichen Kassen zurückfließen. Ob das so kommen wird, muss sich zeigen. Nirgends sonst in der Pfalz mussten Kommunen ihr eigenes Krankenhaus so massiv stützen.
Defizitäre Kliniken in der Pfalz
Auch das kommunale Klinikum von Landau und dem Kreis Südliche Weinstraße braucht Steuergelder, allerdings nicht anteilsmäßig in vergleichbarer Höhe. Dort haben die beiden Kommunen insgesamt bisher sechs Millionen Euro zugeschossen, wie das Klinikum auf Anfrage sagte. 2023 wurde noch ein geringes Plus erwirtschaftet, für 2024 rechnet man auch hier mit einem Minus. Über die zu erwartende Höhe schweigt der medizinische Versorger in Landau ebenso wie anderswo. Die städtischen Krankenhäuser in Frankenthal und Pirmasens haben sich trotz mehrfacher Nachfrage der RHEINPFALZ nicht geäußert. In Frankenthal ist die Finanzlage seit Jahren schwierig, dort steuert man in diesem Jahr auf ein Zehn-Millionen-Euro-Loch zu.
Und auch das Klinikum in Ludwigshafen (1010 Betten und 3000 Beschäftigte) setzt die Serie an Defiziten fort: Auf das Minus von 12,8 Millionen Euro (2023) wird nun ein Fehlbetrag von 19 Millionen Euro erwartet, hatte das Klinikum bereits im Sommer angekündigt. Alle Kliniken klagen über zu wenig Geld von Bund und Land. Auch durch die Krankenhausreform ab 2025 rechnet in den ersten beiden Jahren keiner mit einer Besserung.
Bisher kein Haus geschlossen
Von den 84 Krankenhäusern in Rheinland-Pfalz haben laut Krankenhausgesellschaft elf Prozent einen privaten Träger, 22 Prozent sind in öffentlich-rechtlicher Hand – 80 Prozent der kommunalen Einrichtungen erwarten demnach für das laufende Jahr ein Minus. Noch stehen die betroffenen Städte oder Landkreise mit kräftigen Finanzspritzen bereit.
Insolvenz anmelden mussten in Rheinland-Pfalz seit 2023 insgesamt vier Krankenhausträger – allesamt frei-gemeinnützige– darunter das DRK-Krankenhaus in Altenkirchen mit vier Standorten. Dazu gehört auch Alzey. Die Organisationsform frei-gemeinnützig macht zwei Drittel im Markt aus. Geschlossen wurde bisher kein einziges Krankenhaus. Experten aber sind überzeugt, so wird es nicht bleiben.