Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Neue Doppelspitze des Klinikums: Schließung der Geburtshilfe steht definitiv nicht zur Debatte

Seit 15. April ein Team: Vanessa Bähner (medizinische Geschäftsführung) und Jan Stanslowski (kaufmännischer Geschäftsführer) hab
Seit 15. April ein Team: Vanessa Bähner (medizinische Geschäftsführung) und Jan Stanslowski (kaufmännischer Geschäftsführer) haben Hans-Friedrich Günther abgelöst, der im Juni in den Ruhestand gegangen ist.

Die neue Doppelspitze des Klinikums ist inzwischen 100 Tage im Amt. Grund genug, um mal nachzuhaken, wie’s läuft. Mit Vanessa Bähner und Jan Stanslowski hat Steffen Gierescher über das Krankenhaus der Zukunft, seltsame Wahlkampfparolen und die Reformpläne von Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) gesprochen.

Wenn man eine Sache zu einem Thema macht, die angeblich gar kein Thema ist – Herr Stanslowski, wie würden Sie das nennen?
Stanslowski: Unsinnig.

Auf SPD-Plakaten vor der Kommunalwahl hieß es in markigen Worten: „Mit uns keine Privatisierung – Unser Klinikum bleibt in Bürgerhand“.
Stanslowski: Die haben wir natürlich auch gesehen – und waren sehr froh, dass Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck alle Mitarbeitenden darüber informiert hat, dass die Stadt ganz klar zum Klinikum steht und möglichen Verkaufsgerüchten eine klare Absage erteilt hat.

Frau Bähner, wie haben Sie diese Großplakate wahrgenommen?
Bähner: Als reinen Wahlkampf. Das Thema wurde weder diskutiert noch stand es irgendwie zur Debatte.

Aber das Personal war beunruhigt.
Bähner: Ja, daher war es wichtig, dass das sofort klargestellt wurde.

Stanslowski: Gerüchte verunsichern immer, aber die Klarstellung der OB hat schnell wieder Ruhe in die Belegschaft gebracht. Es sind schon recht viele Fragen an uns gestellt worden.

Welche denn?
Stanslowski: Ist da was dran? Ich sage Ihnen: Es ist definitiv nichts dran.

Wie ist aktuell die finanzielle Situation des Klinikums? Ex-Geschäftsführer Hans-Friedrich Günther sprach im Abschiedsinterview von Verlusten im Bereich von 13 Millionen Euro.
Stanslowski: Das betrifft den Jahresabschluss für 2023 mit Verlusten von 12,8 Millionen Euro. Auch das Jahr 2024 ist eine Herausforderung im Gesundheitswesen.

Warum?
Stanslowski: Wir haben stark steigende Tariflöhne und Energiepreise, Lieferketten stocken wegen der weltweiten Krisen, Produkte sind überproportional teuer. Und wir stecken mitten in einer Krankenhausreform.

Bähner: Bereits 2023 wurde ein Fehlbetrag für 2024 in Höhe von rund 19 Millionen Euro geplant. Mehr Personal und höhere Löhne sorgen insofern für wachsende Kosten, die im aktuellen System nicht refinanziert sind.

Stanslowski: Das ist weder überraschend noch schockierend. Für Maximalversorger sind die Zeiten einfach herausfordernd. Das ist kein Ludwigshafener Alleinstellungsmerkmal.

Bähner: Das beunruhigt uns nicht. Das ist unser Job. Wir haben genug Erfahrung, um damit umzugehen.

Wann ist mit der Einweihung des Erweiterungsbaus „Haus D“ zu rechnen?
Stanslowski: Wir sind auf den letzten Metern. Die Einweihung soll im vierten Quartal 2024 erfolgen.

Ursprünglich wurden die Kosten auf 79 Millionen Euro geschätzt. Beim Richtfest im Juni 2023 wurde der Betrag auf 88 Millionen Euro nach oben korrigiert. Bleibt’s dabei?
Stanslowski: Seit Baubeginn im Jahr 2019 ist der Baupreisindex für Material, Energie und Löhne in Deutschland um 29 Prozent gestiegen. Diese Auswirkungen bekommt jetzt auch das Klinikum Ludwigshafen mit voller Wucht zu spüren. Für das Neubauprojekt Haus D sind aktuell Gesamtausgaben in einem Korridor von 101 und 104 Millionen Euro ermittelt.

Das „Haus D“ soll Ende des Jahres offiziell eingeweiht werden. Bei über 100 Millionen Euro liegen die Kosten.
Das »Haus D« soll Ende des Jahres offiziell eingeweiht werden. Bei über 100 Millionen Euro liegen die Kosten.

Die Politik habe nicht den Mut, konsequent und völlig neu zu denken. „Es reicht nicht, an ein paar Schräubchen zu drehen. Karl Lauterbach macht das System noch komplizierter und noch bürokratischer“, schimpfte Ihr Vorgänger Günther auf den Gesundheitsminister. Schimpfen Sie mit?
Bähner: Wir haben ein Gesundheitssystem, das man anders aufstellen muss. Es geht um die Frage, wie man Versorgung qualitativ hochwertig konzentrieren und kleinere Standorte neu ausrichten kann. Die Art und Weise, wie das jetzt umgesetzt werden soll, sehe auch ich kritisch.

Stanslowski: Die überbordende Bürokratie ist ein Problem. Sie wurde von jeder Regierung immer weiter ausgebaut. Gerade kleinere Häuser können das kaum noch steuern. Die aktuelle Krankenhausreform wird langfristig zu einer veränderten Krankenhausstruktur im Land führen. Große und spezialisierte Häuser wie das Ludwigshafener Klinikum werden grundsätzlich profitieren.

Für Hans-Friedrich Günther liegt der Schlüssel in der Digitalisierung. Für Sie als seine Nachfolger auch?
Bähner: Unser Ziel ist ein ganz moderner Arbeitsplatz. Die Digitalisierung ist dabei zentral, um einerseits dem Fachkräftemangel zu begegnen und andererseits effiziente und automatisierte Prozesse zu schaffen, damit das Personal seine Hauptzeit am Patientenbett und eben nicht mit der Dokumentation verbringt. Wir müssen wegkommen von den Aktenbergen und Doppeleingaben – auch um diese Jobs attraktiv zu halten. Empathie und Herz gehen einfach verloren, wenn man sich zu wenig mit der Kernarbeit und zu häufig mit den Begleitumständen beschäftigt.

Stanslowski: Bei Maximalversorgern ist die Medizintechnologie spitze, das heißt: hoch digitalisiert bis zur KI-Orientierung. Schaut man auf unsere alltäglichen Arbeitsprozesse, dann trifft das nicht immer zu. Mit dem Krankenhauszukunftsgesetz hat der Gesetzgeber das erkannt. Dem Klinikum stehen 18 Millionen Euro an Fördermitteln zu, um Arbeitsprozesse im Alltag zu digitalisieren und zu verbessern. Von dieser Unterstützung profitieren wir sehr.

Vorgänger der neuen Doppelspitze: Hans-Friedrich Günther.
Vorgänger der neuen Doppelspitze: Hans-Friedrich Günther.

Der frühere Chefarzt des Klinikums sitzt seit 2021 für die Grünen im Bundestag. Was wünschen Sie sich vom Gesundheitspolitiker Armin Grau?
Stanslowski: Dass die Politik auch an kleinere Krankenhäuser in ländlichen Regionen denkt, für die die Krankenhausreform schon ein dickes Brett ist. Hier muss man Maß und Mitte walten lassen. Die Wege für die Bevölkerung dürfen nicht zu lange werden. Die Gesundheitsversorgung muss auch dort weiter gesichert sein.

Wohin wird sich das Klinikum in den nächsten Jahren entwickeln?
Bähner: Zu einem Gesundheitsversorger der Region. Das Silodenken zwischen stationären und ambulanten Sektoren muss aufgebrochen werden. Der Patient muss im Mittelpunkt stehen und an die Hand genommen werden: vom Hausarzt über die Fachärzte und die stationäre Versorgung bis zur Reha oder zur Pflege. Kurzum: Dieser ganze Prozess muss patientenorientiert gestaltet werden.

Was ist aus den auf Eis gelegten Überlegungen geworden, die Geburtshilfe am Klinikum zu schließen und sie mit jener des St. Marienkrankenhauses zusammenzulegen?
Stanslowski: Wir legen bis September eine Medizinstrategie für die nächsten Jahre vor. Dies umfasst alle Fachbereiche des Klinikums.

Das ist kein Ja und kein Nein.
Stanslowski: Es ist eine Einordnung. Die Schließung der Geburtshilfe steht definitiv nicht zur Debatte. Im Vordergrund steht unsere Medizinstrategie für das Klinikum.

Das Klinikum in der Bremserstraße ist der drittgrößte Arbeitgeber der Stadt.
Das Klinikum in der Bremserstraße ist der drittgrößte Arbeitgeber der Stadt.

Wie geht’s Ihnen nach 100 Tagen im neu geborenen Doppelamt?
Bähner: Wir sind sehr gut angekommen und arbeiten hier mit wunderbaren Menschen zusammen. Es macht viel Spaß, Dinge anzustoßen und Veränderungen zu gestalten. Wir fühlen uns sehr willkommen und harmonieren sehr gut miteinander.

Stanslowski: Man muss sich mögen, das tun wir. Das ist ein Schlüssel.

Aber Sie kennen sicher noch nicht jeden der über 3000 Mitarbeiter, oder?
Stanslowski: Wir bemühen uns. Beim Mitarbeiterfest vor ein paar Wochen haben wir am Würstchenstand und an der Getränkeausgabe Dienst verrichtet. Und auf meine Frage „Kennen wir uns schon?“ antworten mir nun Mitarbeitende: „Ja, Sie haben mir zwei Bratwürste und eine Wurst für die Kinder mitgegeben“. (lacht)

Nach dem Motto: Geht’s um die Wurst, kann man auf die neuen Chefs zählen.
Stanslowski: (lacht) Logo. Aber ganz im Ernst: Die Mitarbeitenden im Klilu machen es einem wirklich einfach.

Zur Sache: Das Klinikum und die neuen Chefs

Mit 1010 Betten ist das Krankenhaus der Maximalversorgung – 16 Kliniken, fünf medizinische Instituten, zehn zertifizierte Tumorzentren sowie zwölf Kompetenzzentren – das zweitgrößte im Land und der drittgrößte Arbeitgeber in Ludwigshafen (konzernweit 3000 Beschäftigte, darunter 420 Mediziner). Es ist in städtischer Trägerschaft, seit 1995 eine gemeinnützige GmbH und ein akademisches Lehrkrankenhaus der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und der Medizinischen Fakultät Mannheim der Uni Heidelberg. Hans-Friedrich Günther (67), zehn Jahre Geschäftsführer, hat das Haus am 30. Juni in den Ruhestand verlassen.

Mit Vanessa Bähner (41) hat erstmals eine Frau die medizinische Geschäftsführung übernommen – als Teil einer Doppelspitze. Kaufmännischer Geschäftsführer ist Jan Stanslowski (59). Er ist verheiratet, in Köln geboren, in Salzburg aufgewachsen, Vater eines erwachsenen Sohns und lebt inzwischen mit seiner Frau in der Ludwigshafener Innenstadt. Zuvor lag ihr Lebensmittelpunkt in Dresden. Er studierte BWL in Innsbruck. Seit 1993 war er für die Sana Kliniken AG mit Sitz in Ismaning bei München tätig.

Bähner ist verheiratet, Mutter von zwei Kindern, in Heidelberg geboren, aber ein „echtes Pälzer Mädel“. Aufgewachsen ist sie in Bobenheim am Berg, in Grünstadt ging sie zur Schule. Sie wohnt mit ihrer Familie in Bad Dürkheim, studierte Humanmedizin, promovierte und war lange bei einer Unternehmensberatung – Schwerpunkt Gesundheitswesen – tätig.

Mehr zum „Haus D“ erfahren Sie hier und hier. Ein Interview zu seinem Abscheid mit Ex-Geschäftsführer Hans-Friedrich Güther lesen Sie hier.

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