Kaiserslautern
Notfall, kein Herzschlag, Koma: Wie Ärzte einem Mann das Leben gerettet haben
Michael Reinhard stirbt an einem Sonntag im September, es geschieht gegen 13.30 Uhr. Das ist das, was er heute weiß. Über Kaiserslautern liegt an jenem Mittag die Wärme eines Spätsommers, als sein Herz aufhört zu schlagen. Der Kreislauf versagt, sein Atem steht still. So endet ein Leben, nach 68 Jahren. Auf dem EKG-Monitor rauscht die leuchtende Linie übers Schwarz, ein grelles Piepen durchdringt den Raum – man hat ihn schon so oft gehört, diesen Ton, in Filmen wenigstens. Aber hier, auf den Zimmern der Klinik mit ihren weißen Wänden und dem sterilen Geruch, ist es am 22. September 2024 die Wirklichkeit. Der bittere Ernst. „Eigentlich wäre ich jetzt gar nicht hier“, sagt Michael Reinhard vier Wochen später, zurückgelehnt im Krankenbett. Sie alle, Ärzte, Pflegerinnen und Familie, meinen: „Glück im Unglück“, das sei es gewesen.
Unglück, weil der Notfall ja überhaupt erst eingetreten sei, mitten in der Nacht. Die Organe zu wenig Sauerstoff bekamen, nicht mehr richtig arbeiteten, dann das Erbrochene und alles. Und Glück, weil Reinhard in der Minute, da Herz und Kreislauf aufgeben, im Krankenhaus liegt. Westpfalz-Klinikum, Station 10/5: internistische Intensivmedizin.
Der Ort, an dem in den nächsten Stunden und Tagen das Leben des 68-Jährigen gerettet wird.
Mit jeder verstrichenen Sekunde rückt der Tod näher
Über fünf Minuten ist Michael Reinhard an diesem Sonntag klinisch tot. Vielleicht sind es auch sechs oder sieben, so genau können die Mediziner das heute nicht mehr sagen. Um 13.30 Uhr also unternehmen zwei Assistenzärzte, Gurami Mikeladze und Adeeb Moussa, die ersten Versuche, Reinhard wiederzubeleben. Sechs Krankenschwestern stehen ihnen bei – „alleine kann man das nicht schaffen“, betont Mikeladze später. „Wenn sofort Maßnahmen ergriffen werden, dann stehen die Chancen gut“, sagt er. Die Chancen, jemanden zurückzuholen. Den Tod auszutricksen. Herzmassage, Infusionen, Schläuche – es muss alles schnell gehen: Mit jeder verstrichenen Sekunde steigt bei einer Reanimation das Risiko von Gehirnschäden. Ab drei bis fünf Minuten sind sie voraussichtlich irreparabel schwer. Und ab zehn kommt in der Regel jede Hilfe zu spät. Bleibt der Hirntod.
Doch Michael Reinhard lebt. Nach mehr als fünf Minuten pumpt sein Herz wieder Blut durch die Arterien, unaufhörlich. Das Westpfalz-Klinikum, gerade 150 Meter von seiner Haustür entfernt, wird zu Reinhards zweitem Geburtsort.
Gurami Mikeladze sagt, Fälle wie dieser lassen auch einen Arzt, der vieles schon gesehen hat, Blut und Überlebenskämpfe, nicht los im Feierabend. Die nehme er mit, meint er, bis ins Bett. „Man geht nach Hause, und dann hofft man, dass alles gut ausgeht“, sagt Mikeladze. Später, noch an diesem Sonntag im September, wird er für sich die Frage klären: Was ist hier eigentlich passiert in den vergangenen Stunden, auf der Station 10/5?
„Mir wurde Zeit geschenkt, ich sehe das als Auftrag.“
Ein Oktobermorgen in Kaiserslautern, die Gänge der Inneren Medizin. Sonnenstrahlen fallen ins Patientenzimmer, und Michael Reinhard, ein hagerer Mann im grauen Jogginganzug, empfängt mit einem Lächeln. Er hat die Decke zurückgeschlagen, das Kopfkissen zurechtgestaucht, die Beine gestreckt – am Bett stehen drei Ärzte und eine Ärztin, vier schneeweiße Kittel. Ihre Hände vergraben sie in den Taschen. Für dieses Treffen hat der 68-Jährige sie von ihrer Schweigepflicht entbunden. Reinhard will, dass seine Geschichte gehört wird, mit allen Details – er selbst hatte sich deshalb eines Nachmittags an die RHEINPFALZ gewandt. „Mir wurde Zeit geschenkt“, sagt er. „Ich sehe das als Auftrag, den Menschen mitzuteilen, achtsamer mit dem Leben umzugehen.“ Was ihm widerfahren ist, könne jedem passieren. Überall. So schnell geht’s, zack, ein paar Minuten. Und da braucht sich wirklich niemand einer Illusion hingeben: Oft ist es der Tod, der solche Episoden besiegelt, heißt es.
So salopp es klingen mag, auf Intensivstationen wie in Kaiserslautern gehören diese Fälle zum Tagesgeschäft. Herzstillstände, eine ausgesetzte Atmung, Notoperationen, das Ringen um Vitalfunktionen – der Grat zwischen Leben und Sterben ist schmal. Nirgendwo sonst haben sie damit so viel Erfahrung wie hier. Aber auch darum geht es in dieser Geschichte: zu zeigen, mit welchen Bildern die Ärzte und Pflegerinnen beinahe täglich konfrontiert sind. Welcher Druck auf ihnen lastet, pausenlos. Wie die Angehörigen vor der Station verzweifeln, leeren Blickes, und sie über Stunden bangen, dass ein Leben hier nicht endet.
„Was geht das die Öffentlichkeit an?“, könnte man fragen, so was Intimes. Michael Reinhard jedoch glaubt, das geht alle etwas an. Fast auf den Tag genau vier Wochen ist der Vorfall nun her, an diesem Oktobermorgen.
Rückblick, der Abend des 21. September. Als Reinhard, ein pensionierter Kriminalbeamter, mit seiner Partnerin zu Bett geht, wirkt alles normal. Keine Probleme. Gut, hinter ihm liegt ein vierwöchiger Klinik-Aufenthalt im Saarland, dazu eine zehnstündige Not-OP – der angeschlagene Lautrer erholt sich aber. So scheint es. In der Nacht klagt er schließlich über eine stechende Übelkeit, „er sagte, er muss vielleicht brechen“, erinnert sich Katharina Völk, die Lebensgefährtin. Doch erst einmal: geschieht nichts. Am Morgen dann liegt Reinhard gekrümmt neben dem Bett. Er hat sich übergeben, ganz dunkel. Gegen 9 Uhr bringt ihn ein Notarztwagen von der Friedrich-Karl-Straße ins Westpfalz-Klinikum. Der Verdacht einer Magenblutung bestätigt sich nicht. Es ist ein Darmverschluss – hervorgerufen von zu engen Blutgefäßen. Zwar ist Reinhard die ganze Zeit bei vollem Bewusstsein, erinnern kann er sich heute allerdings nicht mehr. Kritisch wird es, als sich das Erbrochene in der Lunge sammelt. Kaum Sauerstoff, der in die Organe fließt, die Gefahr des Erstickens – es kommt zum Herz- und Kreislaufversagen. Michael Reinhard droht zu sterben.
Mehrere Tage schwebt er im Koma in Lebensgefahr
Von einem „ziemlich komplexen Fall“ wird Carlos Antepara später sprechen, Oberarzt auf der Inneren Medizin. Von einer Kette an unglücklichen Umständen. Komplikationen.
Katharina Völk, 66, sitzt mit ihrer Tochter Mascha auf dem Flur der Klinik, als die Ärzte ein paar Meter weiter um das Leben ihres Partners kämpfen. Ihn zu reanimieren versuchen. „Auf einmal wurde alles ganz hektisch“, erinnert sich Völk. „Ich hatte das Gefühl, es ist was mit Michael. Wir wussten gar nicht, was los ist.“ Reinhard wird wiederbelebt, schwebt jedoch in akuter Lebensgefahr – also versetzen ihn die Ärzte ins künstliche Koma. Wie groß in solchen Fällen die Chancen sind, es zu schaffen? „Schwer zu sagen“, meint Assistenzarzt Gurami Mikeladze, einer der Retter. „Aber die Prognose war schlecht. Und wir waren uns sicher: Das Schlimmste ist noch nicht vorbei.“ Harte Tage stehen Katharina Völk bevor. Tage, an denen sie morgens ins Krankenhaus kommt, es erst abends wieder verlässt, für ein paar Stunden Schlaf wenigstens. Sie sei wie in Trance gewesen, blickt sie heute zurück. Dauerhafte Anspannung, die Frage, geht das Ganze gut aus?
„Wir sind hier jedes Mal mit dem Gefühl raus, nicht zu wissen, ob er am nächsten Morgen noch lebt“, sagt Mascha Völk, die Tochter. Der Begriff Geduldsprobe wäre eine Untertreibung.
Acht Tage sind es am Ende. Acht Tage, die Michael Reinhard im Koma liegt. An denen sein Leben am seidenen Faden hängt, am Laufen gehalten nur von Maschinen.
Wenn er aufwacht, wird er wieder sein wie davor?
In dieser Zeit, sagt Katharina Völk, hätten Ärzte und Pflegekräfte viel mit ihr gesprochen, eigentlich ja jeden Tag. Ehrlich und direkt, bloß keine Mitleidsversprechen, die niemand halten kann. Keine falschen Hoffnungen. Und doch hätten die Sätze immer eines vermittelt: Zuversicht. „Eine so kritische Situation auf eine so menschliche Art zu erklären, das ist eine Gabe“, sagt Völk. „Das hat uns viel Kraft gegeben.“ Ihre Worte gelten vor allem einer Frau: Mariami Benidze, einer jungen Assistenzärztin der Inneren Medizin. Auch sie steht an diesem Oktobermorgen an Reinhards Bett, mit all den anderen. „Uns war bewusst, dass das jeden Moment zu Ende sein kann“, erzählt Völk. „Und wenn er es schafft, wird er wieder sein wie davor?“ Natürlich drängt sich ihr damals die Sorge auf, sich bald um einen Pflegefall kümmern zu müssen – fünf Minuten Herzstillstand, das müsse doch Spuren hinterlassen.
Am 1. Oktober, einem Dienstag, holen die Ärzte Michael Reinhard aus dem Koma. Sie solle gleich ins Zimmer gehen, ruft ihr eine Krankenpflegerin zu; Katharina Völk war gerade durch die Stationstür getreten. Die Schwester meint noch, es sei „ein Wunder passiert“. „Vor diesem Augenblick hatte ich Angst“, sagt Reinhards Lebensgefährtin später. Vor dem Bild, das sich ihr bieten wird. Den Folgen. Ihr Husten ist das erste, was der Lautrer nach dem Aufwachen hört, daran erinnert er sich. Eine vertraute Stimme.
Heute sieht es so aus, als sei Reinhard nicht nur „dem Tod von der Schippe gesprungen“, wie er sagt, nein, es bleiben vermutlich auch keine größeren Schäden. Er spricht flüssig, kann klar denken, sich bewegen – sein Gedächtnis reicht bis zwei Tage vor jenem Sonntag, an dem sein Herz zu schlagen aufhörte. Es werde ein langer und mühsamer Weg zurück zur Normalität, meinen die Experten. Mit der Reha, der Physiotherapie und allem. Keine einfache Sache.
Dann richtet sich Michael Reinhard auf in seinem Bett. Er stützt sich ab, sein Blick ist ernst. Bei „aller berechtigter Kritik“ an Kliniken, sagt er, müsse man auch mal dankbar sein. „Ohne die Ärzte gäbe es mich heute nicht mehr.“