Fitness
Warum Tanzen fitter, klüger und glücklicher macht
Es sind nicht alle lustig, die tanzen“, soll der Speyerer Stadtschreiber und Lehrer Christoph Lehmann einmal gesagt haben. Das mag zutreffen – ebenso wie eine weitere These, die mehr als 400 Jahre später von einem Pfälzer aufgestellt wird: „Tanzen ist für viele Menschen eine Art Lebensversicherung“, sagt der gebürtige Rammelsbacher (Kreis Kusel) Gunter Kreutz. Der 57-Jährige lehrt seit 2008 an der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg systematische Musikwissenschaften und forscht darüber, ob und wie Tanzen Menschen gesund halten kann. Er ist sich sicher: „Tanzen ist ähnlich wie das Singen ein Gesamtpaket von körperlichen, psychischen und sozialen Faktoren, die alle zusammenspielen.“
Dass Tanzen körperlich fit hält, ist da noch offensichtlich: Gerade bei den Lateinamerikanischen Tänzen wie etwa dem Jive, der im Vier-Viertel-Takt bei hohem Tempo getanzt wird, kommen Tänzerinnen und Tänzer schnell ins Schwitzen. Das ist auch bei Zumba so, einem Fitness-Konzept, das Aerobic mit lateinamerikanischen Schritten kombiniert. Wer das regelmäßig macht, verliert schnell ein paar Kilos und tut gleichzeitig etwas für die Ausdauer. Wobei „regelmäßig“ laut Gunter Kreutz nicht drei- oder viermal die Woche bedeuten muss. „Hobby-Tänzer können sich körperlich fit halten, auch wenn sie nur einmal die Woche zum Tanzkurs gehen.“
Balance trainieren
Neben den purzelnden Pfunden hat das Tanzen laut dem Westpfälzer noch einen weiteren positiven Effekt auf die persönliche Fitness: „Tanzen justiert die Gangmotorik neu und trainiert außerdem die Balance.“ Wer beim Gesellschaftstanz mit einem Partner übers Parkett wirbelt oder sich in einer großen Gruppe zu Hip-Hop-Klängen bewegt, der muss sich Schrittfolgen merken, sie miteinander kombinieren und auf Hindernisse, etwa andere Tänzerinnen und Tänzer im Raum, achten.
„Unsere Sinne, die mit Bewegung, Körperbewusstsein und räumlicher Orientierung zu tun haben, sind gut beschäftigt“, schreibt Kreutz in seinem Buch „Tanzen – Glücklich mit Tango, Salsa und Co“. „Wir müssen uns konzentrieren, jederzeit reaktionsbereit sein und uns an die Situation auf der Tanzfläche anpassen, da wir diese in der Regel ja nicht für uns alleine haben.“ All das erfordere Flexibilität und trainiere die Muskelkoordination sowie die Reaktionsfähigkeit. Außerdem werde das Vertrauen in den eigenen Bewegungsapparat gestärkt. Gerade älteren Menschen könne das Tanzen also Sicherheit in den eigenen Gehapparat geben und die Angst und Gefahr vor Stürzen senken.
Gut für Parkinson-Patienten
Kreutz berichtet von Studien, in denen die Auswirkung von Tanzen auf Parkinson-Patienten untersucht wurde. Das Ergebnis: „Die Balance und Motorik derer, die getanzt haben, ist deutlich stabiler geblieben als die derer, die nicht getanzt haben“, sagt Kreutz. Tanzen könne also dafür sorgen, im Alter länger mobil zu bleiben. Einige der Parkinson-Erkrankten hätten die Krankheit durchs Tanzen sogar „mehr oder weniger für eine gewisse Zeit zum Stillstand“ bringen können. „Man könnte meinen, Menschen mit Bewegungseinschränkungen profitieren weniger vom Tanzen. Aber das Gegenteil ist der Fall: Gerade wenn die Motorik schwächelt, kann man mit dem Tanzen viel verbessern. Das Glas ist halb voll, nicht halb leer“, sagt Kreutz und gibt ein weiteres Beispiel: Er kenne eine Frankfurter Tanzlehrerin, die am Tourette-Syndrom leide, einer angeborenen Erkrankung des Nervensystems, die für sogenannte Tics sorge. „Wenn sie tanzt, sind die Tics weg“, sagt Kreutz. „Niemand merkt, dass sie überhaupt Tourette hat. Im Tanzen hat sie einen Beruf gefunden, den sie ungeachtet dieser Einschränkung ausführen kann.“
Als Ursache dafür macht Kreutz die immer wiederkehrenden Muster aus, die allen Tänzen zugrunde liegen. „Jeder Tanz ist wie eine eigene Sprache“, sagt er. „Er hat einzelne Schritte, die man wie Wörter immer wieder neu kombinieren kann.“ So bilde der Tänzer oder die Tänzerin immer und immer wieder neue Sätze, die sich wiederholten, „aber nicht in einer langweiligen Endlosschleife“. Mal kämen neue Vokabeln hinzu, mal interpretiere der Tanzpartner etwas neu.
Tanzen Sie sich das Gehirn fit
Deshalb kann es laut Kreutz auch zum Problem werden, wenn langjährige Tanzpaare nicht mehr mit anderen Menschen aufs Parkett gehen. „Sie sind so aufeinander eingestellt, dass es für sie eine zu große Anstrengung wäre, sich auf jemand Neues einzustellen“, erklärt Kreutz. Wer regelmäßig den Tanzpartner wechsle, könne hier etwas für seine Flexibilität tun. „Außerdem entspricht das auch mehr der Idee des Tanzens, das ja auch eine soziale Angelegenheit ist.“
Tanzen wirkt sich tatsächlich auch positiv auf die kognitive Entwicklung im Alter aus. Zu diesem Ergebnis kamen mehrere Studien. Forscher haben herausgefunden: Wer im Alter körperlich fit bleibt, hat auch einen fitteren Hippocampus. Das ist die Hirnstruktur, die als besonders wichtig für ein gutes Gedächtnis gilt. Dort wird entschieden, welche Informationen verloren gehen und welche nicht. Je fitter der Mensch körperlich ist, desto größer ist der Hippocampus – und desto besser kann er Informationen abspeichern und erinnern. Ursache dafür, dass der Hippocampus durchs Tanzen leistungsfähiger wird, ist laut den Experten, dass sich Tänzer komplexe Schrittfolgen merken und das, was das Gehirn vorgibt, mit ihren Armen und Beinen ausführen müssen.
Die klassische Tanzstunde muss es nicht sein
„Personen, die angegeben haben, dass sie viel getanzt haben oder ein Musikinstrument gespielt haben, bei denen hat Demenz später eingesetzt“, zitiert Kreutz eine weitere Studie, die gezeigt habe, dass lebenslanges Lernen und das Ausprobieren von kulturellen Techniken wie dem Tanzen eine große Rolle beim Alterungsprozess des Gehirns spielen kann. „Man geht davon aus, dass gerade Musizieren dazu führt, dass das Gehirn länger jünger bleibt“, so Kreutz.
Deswegen ist es laut Kreutz ratsam, so früh wie möglich mit dem Tanzen zu beginnen. „Leider sind viele Menschen damit aber nicht sozialisiert worden und entdecken es relativ spät für sich.“ Tanzen werde weder in der Kita noch in der Grundschule besonders stark gefördert. „Es findet zwar punktuell statt, aber unser Bildungswesen ist nicht für kulturelle Techniken wie das Tanzen ausgerichtet. Sie bleiben auf der Strecke“, meint Kreutz, der als Jugendlicher selbst einen Grundkurs in Gesellschaftstanz absolviert hat und dann Jahrzehnte lang keine Lust mehr darauf hatte. Erst spät als Erwachsener habe er das Tanzen wieder für sich entdeckt und mit Tango begonnen.
Den klassischen Tanzkurs, mit dem auch heute noch Jugendliche an Walzer, Foxtrott und Rumba herangeführt werden, hält Kreutz für überholt. „Damit kann man die Jugendlichen heutzutage kaum oder gar nicht mehr erreichen“, glaubt er. „Sie sehen den Sinn und Zweck eines klassischen Tanzkurses nicht, weil er nicht zu ihrer Lebensrealität passt. Er bleibt charakteristisch für bestimmte gesellschaftliche Schichten.“
Tanzen macht freundlich
Kreutz plädiert daher für eine andere Strategie: „Ich glaube, dass Jungen und Mädchen gerne tanzen. Aber man muss Rücksicht drauf nehmen, wo sie unterwegs sind – etwa in sozialen Netzwerken – und welche Tanz- und Musikformen sie eigentlich ansprechen. Wenn man da einen Zugang findet, kann das erfolgreich werden.“ Viele Tanzschulen in Deutschland hätten das bereits erkannt, sagt Kreutz, der auch als wissenschaftlicher Beirat im Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverband sitzt. Neben den klassischen Paartänzen gehörten deshalb immer häufiger etwa Hip-Hop, Orientalischer Tanz, Breakdance oder Lindy Hop zum Angebot.
Junge Menschen, die für sich einen passenden Tanz gefunden haben, beginnen dann automatisch, ihr Selbstbild und ihren Lebensstil zu reflektieren, Achtsamkeit für andere und ein positiveres Sozialverhalten zu entwickeln, sagt Kreutz. „Hip-Hop-Kurse können erfolgreich sein bei der Kalorienreduktion, aber nicht, weil die jungen Leute plötzlich viel tanzen“, erklärt er. „Sondern weil sie ihren Lebensstil reflektieren und ihre Einstellung etwa zum Essen verändern.“ Jugendliche würden empfänglicher für Botschaften neuer Vorbilder, die sie in dieser Phase nur selten in den eigenen Eltern, durchaus aber im Hip-Hop-Lehrer finden könnten.
Kreutz sieht den positiven körperlichen und psychischen Effekt des Tanzens aber nicht nur vereinzelt bei jungen oder alten Menschen. Er glaubt, dass die Gesellschaft als Ganzes davon profitieren kann. „Wir stehen als Gesellschaft vor großen Herausforderungen. Die Probleme sind vielfältig, aber wir haben wenige nachhaltige Antworten.“ Die lägen, kritisiert Kreutz, viel zu oft in Medikamenten oder Konsum. Er ist überzeugt: „Im Tanzen kann man Antworten auf das alles finden. Tanzen kann Lebenszufriedenheit bringen und auf vielen Ebenen einen erheblichen gesellschaftlichen Beitrag leisten.“
Den Kindern die Tanzwelt zeigen
Deshalb ist es aus Sicht des Wissenschaftlers auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, das Tanzen als Kulturtechnik zu allen zu bringen. „Es ist eine Generationenaufgabe, das Tanzen zu kultivieren und man muss bei den Kleinen anfangen“, sagt Kreutz. „Zu erwarten, dass jemand im Erwachsenenalter von sich aus das Tanzen für sich entdeckt, ist falsch. Da fehlt von Beginn an die Sozialisation.“
Nur wer schon in der Kita oder der Grundschule getanzt, und dabei positive Erfahrungen gemacht habe, würde es später noch einmal versuchen. „Tanzen ist eine Kulturtechnik, die verbindet, und mit der man auch etwas anfangen kann. Wir sind es den Kindern schuldig, die Welt, die das Tanzen eröffnet, so früh wie möglich zu vermitteln.“ Und denen, die auch im fortgeschrittenen Alter noch einsteigen wollen, ebenso, schreibt Kreutz: „Es sind keine langjährigen Vorerfahrungen nötig, um im höheren Lebensalter immer noch vom Tanzen profitieren zu können.“
Tänze, die ins Schwitzen bringen
Breakdance
Als Teil der Hip-Hop-Bewegung ist Breakdance in den 1970er-Jahren in den New Yorker Stadtteilen Manhattan und Bronx entstanden. B-Boying – so wurde der Tanzstil damals noch genannt – gilt als Ausdruck der Spannungen und Gewalt in den Ghettos. Mit dem Film „Flashdance“ wurde Breakdance 1983 weltweit bekannt. Breakdance vereint Tanzelemente im Stehen und am Boden. Tänzer verharren dabei in eindrucksvollen Posen, drehen sich auf dem Rücken oder rotieren auf dem Kopf. Beim sogenannten Headspin kann einem schon vom Zuschauen schwindelig werden. Auch Kung-Fu-Filme prägten die Tanzschritte. Bei den Olympischen Sommerspielen 2024 in Paris soll Breakdancing erstmals als Sportart dabei sein. Wettkämpfe, sogenannte Battles, gibt es im Breakdance bereits seit vielen Jahren auf internationaler Ebene.
Hip-Hop
Hip-Hop ist kein eigener Tanzstil. Der Name beschreibt vielmehr eine Mischung aus verschiedenen Richtungen, die in den 1960er- und 1970er-Jahren in den USA entstanden sind. Dazu zählen neben Breakdance auch Popping, Locking, New Style, Krumping und Urban, die heute auch unter dem Begriff „Streetdance“ zusammengefasst werden. Diese Tänze wurden zuerst auf der Straße getanzt, vor allem von afroamerikanischen und puertorikanischen Jugendlichen, die mit den Bewegungen Emotionen wie Aggressivität, Angst, Trauer oder Freude ausdrückten. Alles ist impulsiv und kraftvoll: Hip-Hop folgt keinen festen Regeln. Die Improvisation zu den sich wiederholenden Beats aus Funk-, Soul- und Diskostücken steht im Vordergrund. Sogenannte Crews messen sich heute regelmäßig im Hip-Hop gegeneinander.
Lindy Hop
Lindy Hop entstand Ende der 1920er-Jahre in den USA und gilt als Vorläufer der Tänze Jive, Boogie-Woogie und des akrobatischen Rock ’n’ Rolls. Die Wurzeln des Tanzstils liegen im Charleston und Jazztanz. Getanzt wird im Vier-Vierteltakt zu hohem Tempo und das in der Regel zu zweit. Der Name „Lindy Hop“ geht angeblich auf den Atlantik-Überquerer Charles Lindberg zurück, der non-stop von New York nach Paris flog. Die Zeitung soll damals „Lucky Lindy Hops the Atlantic“ getitelt haben, während in einem New Yorker Hotel Tänzer feierten. „Ich mache den Hop, den Lindy Hop“, soll die Reaktion eines Mannes gewesen sein. Kinofilme wie „Der große Gatsby“ rückten die wilden Zwanziger und Tanzstile wie den Lindy Hop in der Vergangenheit wieder in den Fokus – auch den der Tanzschulen, die zum Teil eigene Lindy-Hop-Kurse anbieten.
Orientalischer Tanz
Bauchtanz wird im Allgemeinen als Orientalischer Tanz bezeichnet. Das ist allerdings etwas unscharf: Genau genommen beschreibt der Begriff „Orientalischer Tanz“ ausschließlich den ägyptischen Solotanz und nicht alle orientalischen Folkloretänze. Gezeigt und unterrichtet wird der Solotanz, der vor allem in reichen Häusern und adligen Höfen in Ägypten gepflegt wurde, heute auch in vielen anderen arabischen Ländern wie etwa Libyen. Das klassische Bauchtanzkostüm gibt es beim Solotanz aber auch, entweder als Zweiteiler oder Kleid. Getanzt wird zu Instrumentalstücken, in manchen Fällen kommt auch Gesang hinzu. Der Name „Bauchtanz“ kommt übrigens aus dem Französischen. In seinem Reisebericht über den Orient hat Romancier Gustave Flaubert (1821 - 1880) vom „Danse du ventre“ geschrieben.
Standardtanz
„Standardtanz“ ist ein Sammelbegriff für insgesamt sechs Tänze, die heute Teil des Welttanzprogramms sind und die in vielen Tanzschulen angeboten werden: Langsamer Walzer, Wiener Walzer, Foxtrott, Slowfox und Quickstep. Auch der Tango, der fälschlicherweise oft den Lateinamerikanischen Tänzen zugeschrieben wird, gehört in die Gruppe der Standardtänze. Sie zeichnet aus, dass sich das Paar auf der Tanzfläche durch den gesamten Raum bewegt. Auch der Körperkontakt zwischen den beiden Tänzern, der nie abbricht, ist maßgeblich beim Paartanz. Standardtänze erfordern ein hohes Maß an Balance und Körperspannung. Denn die Tänzer verlagern bei den Schrittfolgen ständig ihren Körperschwerpunkt. Vor allem beim Tango führt in der Regel der Mann vor allem mit seinem Brustkorb und dem Becken.