Gesundheit RHEINPFALZ Plus Artikel Flugangst: Panik im Gepäck

Wer unter Flugangst leidet, sollte Kontakt zur Crew im Flugzeug suchen. Sie hat in der Regel Erfahrung im Umgang mit ängstlichen
Wer unter Flugangst leidet, sollte Kontakt zur Crew im Flugzeug suchen. Sie hat in der Regel Erfahrung im Umgang mit ängstlichen Passagieren.

Flugangst ist weit verbreitet. Sie kann etwa dazu führen, dass eine Flugbegleiterin ihren Beruf aufgeben muss und eine US-Künstlerin nicht mehr nach Europa fliegen kann. Wovor Betroffene Angst haben, ist ganz unterschiedlich. Einfache Verhaltenstipps, Seminare und Coachings können in vielen Fällen helfen.

Ganz langsam, fast unbemerkt schlich sich bei Anja die Angst ein. Anfangs war es nur ein leichtes Unbehagen, das die damalige Flugbegleiterin in der Luft spürte. Unter anderem wollte es ihr nicht aus dem Kopf gehen, dass die Eltern eines Kollegen bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen waren. Ihre erste Angstattacke bekam sie aber erst, als sie nach einer Trennung eine schwierige Phase durchmachte.

Panik, Zittern und Schweißausbruch an Bord

Ein turbulenter Flug setzte ihr auf einmal so stark zu, dass sie in Panik verfiel, zu zittern anfing und Schweißausbrüche bekam. „Ich hatte damals auch im Leben keinen festen Stand mehr“, sagt die 57-Jährige. Danach begleitete sie die Angst vor neuen Attacken bei jedem Flug. „Schon bei einem leichten Wackeln wurde mir unwohl“, berichtet sie. Immer wieder versuchte sie, die Furcht in den Griff zu bekommen, nahm Beruhigungstropfen, las viel über das Thema und besuchte ein Flugangst-Seminar – alles ohne durchgreifenden Erfolg. Schließlich gab sie ihren Beruf auf und suchte sich einen neuen Job am Boden. Die Versuche, gegen die Angst anzukämpfen, seien ihr auf Dauer einfach zu stressig gewesen, erzählt sie.

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Die Angst vor dem Fliegen kann Karrieren behindern, Träume zerstören oder auch bloß das Reisen erschweren. Sie kann so stark ausgeprägt sein, dass Betroffene kein Flugzeug mehr betreten – wie die Soul-Legende Aretha Franklin, die wegen ihrer Flugangst jahrzehntelang nicht in Europa auftrat. Flugangst kann sich aber auch nur als leicht flaues Gefühl in der Magengegend äußern. Insgesamt ist das Phänomen weit verbreitet: Bei einer Allensbach-Umfrage gaben vor Jahren rund 16 Prozent der Befragten an, Angst vor dem Fliegen zu haben. Weitere rund 22 Prozent erklärten, zwar keine Angst, aber ein Unbehagen zu spüren. Eine ausgeprägte Aviophobie, wie sie sich bei Anja entwickelte, ist allerdings viel seltener – je nach Studie sind weniger als fünf Prozent der Menschen betroffen.

Kontrollverlust spielt große Rolle

Rational begründen lässt sich das Gefühl nicht. Fliegen ist zigmal sicherer als Autofahren – und doch haben die meisten Menschen kaum Bedenken, in einen Wagen zu steigen. Das habe mehrere Gründe, sagt der Psychotherapeut Sascha Thomas aus München, der sich auf Aviophobie spezialisiert hat. „Ein wichtiger Faktor ist der empfundene Kontrollverlust beim Fliegen. Man vertraut sein Leben Menschen an, die man noch nie gesehen hat“, erklärt er.

Außerdem ist das Fliegen für die meisten Menschen – anders als Autofahren – etwas Ungewöhnliches. Es kommt hinzu, dass es vielen suspekt ist, in einer Art Riesen-Vogel durch die Lüfte zu schweben. Schließlich kann der Mensch laufen und schwimmen, aber nun mal nicht fliegen.

Furcht vor Absturz am häufigsten

Wovor Betroffene Angst haben, ist ganz unterschiedlich. „Am häufigsten ist die Furcht vor einem Absturz“, sagt der Psychologe André Wannemüller von der Ruhr-Universität Bochum. Anderen Menschen macht dagegen die Vorstellung Angst, nicht mehr aussteigen zu können. Bei ihnen ist die Flugangst oft Teil einer Agoraphobie – sie haben also Probleme mit Situationen, in denen sie das Gefühl haben, nicht entkommen zu können. „Sie betreten dann manchmal auch keine Züge oder Aufzüge“, erklärt der Psychologe. Außerdem gibt es Menschen, denen das Fliegen wegen ihrer Höhenangst Probleme bereitet.

Schon einfache Tipps können helfen, Flugangst zu reduzieren. „Auf keinen Fall sollte man Horrorvideos im Internet anschauen“, sagt Psychotherapeut Thomas. Aufnahmen von missglückten Landungen oder Turbulenzen können negative Gefühle verstärken. Ansonsten empfiehlt der Experte schon im Vorfeld viel Bewegung, um Stresshormone zu reduzieren.

Am Reisetag viel Zeit einplanen

Am Reisetag ist es sinnvoll, viel Zeit einzuplanen, um zusätzlichen Stress zu vermeiden. Entspannungstechniken wie Progressive Muskelentspannung, aber auch Ablenkung durch Lesen oder Musikhören können helfen, Angst vorzubeugen. Von Alkohol und Kaffee an Bord rät Thomas angespannten Passagieren ab. „Das kann zusätzlich pushen“, sagt er. Dazu kommt, dass beides harntreibend wirkt, sodass Fluggäste die Toilette aufsuchen müssen – was ängstlichen Menschen oft besonders unangenehm ist. „Auf jeden Fall ist es auch sinnvoll, Kontakt zur Flugcrew zu suchen“, rät der Psychologe, der selbst auch Flugbegleiter ist. Die Crew hat in der Regel Erfahrung im Umgang mit ängstlichen Passagieren. Wer in der Luft allerdings Todesängste erleidet oder gar nicht mehr ins Flugzeug steigen will, sollte sich professionelle Hilfe holen. Hilfreich können Flugangst-Seminare sein, wie sie von verschiedenen Seiten angeboten werden.

Flugangst-Seminar soll Sicherheit vermitteln

Auch André Wannemüller und sein Team von der Uni Bochum haben ein entsprechendes Training entwickelt, das inzwischen als Intensivseminar in Kooperation mit der Lufthansa veranstaltet wird. Es findet in großen Gruppen von mehr als hundert Teilnehmerinnen und Teilnehmern statt und besteht aus zwei Teilen: Im ersten werden theoretische Fragen besprochen, etwa, wie Angst entsteht, wie die Technik eines Flugzeugs funktioniert und wie es zu Turbulenzen kommt, die für viele ein Problem sind. Dabei soll Sicherheit vermittelt werden.

Gleichzeitig sagt Wannemüller aber: „Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Das muss man akzeptieren, wenn man fliegt. Die Wahrscheinlichkeit, dass etwas passiert, ist aber extrem gering.“

Im zweiten Teil des Trainings haben die Teilnehmer die Möglichkeit, einen Rundflug zu machen, der psychologisch begleitet wird. Diese Exposition ist entscheidend, um die Angst in den Griff zu bekommen, wie Wannemüller betont. „Ziel ist eine veränderte Erwartung“, sagt er. Wer nämlich erlebt, dass beim Flug – anders als befürchtet – nichts Schlimmes passiert, kann seine Erwartung korrigieren und verlernt dadurch die Angst. In den meisten Fällen funktioniert das recht gut. Etwa 70 bis 80 Prozent der Teilnehmer seien danach beim Fliegen nachhaltig entspannter.

Auch Sascha Thomas, der ein Flugangst-Coaching anbietet, setzt auf Exposition. Allerdings arbeitet er nicht mit Gruppen, sondern mit einzelnen Klienten. „Ich gehe dabei individuell vor“, sagt der Psychotherapeut. „Im Kern geht es aber immer um Aufklärung, körperliche Entspannung und Konfrontation“, erläutert er. Am Ende des Trainings steht in der Regel ein Flug, bei dem die Klienten von Thomas begleitet werden.

Training sollte einen Flug einschließen

Ein effektives Training sollte unbedingt einen Flug einschließen, wie Wannemüller betont. Einziger Haken sind die Kosten: Die Teilnahme an einem Gruppen-Seminar plus Flug kostet oft mehr als 800 Euro. Billiger kommt man, wenn ein Flugszenario mit Virtual Reality simuliert wird. „Mittlerweile gibt es recht gute VR-Programme“, sagt der Psychologe. Auch Flugangst-Apps können in leichten Fällen sinnvoll sein. So können etwa Informationen zu Technik und Sicherheitsvorkehrungen helfen, sich einer unbekannten Situation anzunähern.

Mit Beruhigungsmitteln „flugfähig“ werden

Und wie sieht es mit Beruhigungsmitteln aus? „Das kommt darauf an, was Sie damit erreichen wollen“, sagt Wannemüller. Medikamente können dazu dienen, jemanden „flugfähig“ zu machen – das kann wertvoll sein, wenn es zum Beispiel nur darum geht, für die Hochzeit der Tochter einmal in die USA zu fliegen. „Damit verlieren Sie aber nicht Ihre Angst“, so der Psychologe. Im Nachhinein weiß man nicht, ob man wirklich einen unproblematischen Flug erlebt hat – oder ob nur wegen des Mittels alles so entspannt verlief. Deshalb mache man so auch keine „korrigierende Erfahrung“, erklärt Wannemüller.

Anja hat ihre Angst inzwischen so weit im Griff, dass sie ohne Panik in ein Flugzeug steigen kann. Demnächst wird sie wieder an Bord gehen, um in den Urlaub zu fliegen. Dass sie weiß, wie sie sich im Ernstfall entspannen kann, gibt ihr Sicherheit. Außerdem hilft es ihr, dass eine Freundin neben ihr sitzen wird – das ist für sie beruhigender als Baldrian und Tomatensaft.

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