Gesundheit RHEINPFALZ Plus Artikel Beim Yoga ist jeder ganz bei sich

Yogis nennen ihre Übungen Asanas. Davon gibt es Hunderte Variationen, von denen viele Namen aus dem Tierreich haben.
Yogis nennen ihre Übungen Asanas. Davon gibt es Hunderte Variationen, von denen viele Namen aus dem Tierreich haben.

Wörter wie Asanas und Hatha werden hierzulande immer geläufiger. Bei diesen handelt es sich nämlich um Begriffe aus dem Yoga, der Lehre, die Körper, Geist und Seele in Balance bringen will. Und das ist längst nicht mehr nur was für Esoteriker.

Mit Yoga ist es wie mit Schokolade: Hat man erst einmal damit angefangen, kann man nicht mehr aufhören. Der Vergleich hinkt zwar etwas, immerhin ist Yoga eine Wohltat für den ganzen Körper, und Schokolade sollte besser nur in Maßen genossen werden, aber das Suchtpotenzial ist ähnlich hoch. Fast drei Millionen Menschen in Deutschland praktizieren regelmäßig Yoga – das besagt zumindest eine Studie des Berufsverbands der Yogalehrenden in Deutschland.

Einer von ihnen ist Stephan Suh. Der 44-Jährige betreibt in Frankfurt ein Yoga-Studio, ist Diplomwissenschaftler und Referent der Deutschen Sporthochschule Köln für das Thema Yoga. Er unterrichtet unter anderem Leistungssportler und hilft Menschen mit Rückenleiden und Stress. „Meine erste Yoga-Stunde als Teilnehmer war in einem Fitnessstudio in Köln. Es war eine sogenannte Power-Yoga-Stunde und hat mich sehr inspiriert. Der Yoga-Flow hat mir sehr gut gefallen. Das Kraftvolle, der Aufbau der Körperspannung, gepaart mit der Flexibilität und dem Atemfluss“, erzählt Suh. Diese eine Stunde hat ihn so geprägt, dass er Yoga-Lehrer wurde und heute täglich andere dafür begeistert.

84 Hauptasanas und 300 Variationen

Yoga ist eine Technik, die aus Indien stammt und dazu dienen soll, im Einklang mit sich selbst zu leben. Die Yoga-Lehre verbindet philosophische Überlegungen mit geistigen und körperlichen Übungen. Yoga bedeutet nicht nur, starr seine Übungen zu machen, sondern ist eine Lebenseinstellung und beinhaltet Atemübungen, Meditation, Asanas, Entspannung und die richtige Ernährung. Das Wort Yoga kommt aus der altindischen Sprache Sanskrit und heißt anschirren, also miteinander verbinden. Und genau das ist die Grundidee: Körper, Geist und Seele sollen miteinander verbunden werden.

Wem das jetzt alles zu theoretisch und esoterisch klingt: In einer Yoga-Stunde wird keine Theorie abgefragt, sondern es werden tatsächlich Körperübungen praktiziert. Die werden allerdings nicht Körperübungen genannt, der Yogi kennt vielmehr Asanas. Davon gibt es 84 Hauptasanas und an die 300 Variationen – viele haben Namen aus dem Tierreich, etwa Adler, Delphin, Kobra oder Hund.

Entspannung für Geist und Körper

Es gibt viele verschiedene Yoga-Arten, die klassische Variante für Anfänger ist das Hatha-Yoga. Das Wort „Hatha“ ergibt sich aus den Worten „Ha“ für Sonne und „Tha“ für Mond. Beim Hatha-Yoga geht es darum, ein Gleichgewicht zwischen den beiden Polen herzustellen. Die Übungen dienen dazu, dem Körper die nötige Energie für die Meditation zu verleihen. Die Asanas werden bewusst ausgeführt und lange gehalten. Deshalb ist Hatha-Yoga entspannend für Geist und Körper. Muskeln werden trotzdem trainiert, denn die Übungen fördern auch Kraft, Stabilität und Gleichgewicht. „Yoga ist ein Besuch bei sich selbst. Man beschäftigt sich mit seinem Körper und mit seinen Gefühlen. Es ist ein Psychohygiene-Training, das hilft, körperliche Leiden einzudämmen“, sagt Suh.

Eine klassische Hatha-Yoga-Stunde beginnt mit einer Anfangsentspannung und einer kleinen Meditation, die Teilnehmer sollen bei sich ankommen. Meistens gibt es danach ein paar Atemübungen – Pranayama genannt –, um das Prana, die Lebensenergie, zu erhöhen und zu stärken. Bevor mit den Asanas begonnen wird, stehen noch Aufwärm- und Vorbereitungsübungen an. Am Ende gibt es eine Tiefenentspannung. Der Yoga-Lehrer verabschiedet sich mit gefalteten Händen, einer Verbeugung und einem „Namasté“. Es ist ein Symbol der Dankbarkeit und des Respekts gegenüber Lehrer und Schüler.

Studien belegen positive Auswirkungen

Neben dem Hatha-Yoga gibt es viele andere Yoga-Arten. Sehr alt und spirituell ist das Kundalini-Yoga. Bei dieser dynamischen Yoga-Form werden Atemübungen, Meditation und Asanas miteinander verbunden. Ziel ist es, Blockaden zu lösen und Energien frei fließen zu lassen. Richtig ins Schwitzen kommt der Yogi beim Bikram-Yoga. Hier werden die Räumlichkeiten auf 38 Grad aufgeheizt, die Luftfeuchtigkeit beträgt 40 Prozent. Die Muskeln lockern sich in der Hitze besonders gut, zudem fördert Bikram-Yoga den Sauerstofftransport und den Stoffwechsel. Wer es gerne außergewöhnlich mag, kann das Aerial-Yoga – Yoga im Tuch - ausprobieren. Bei diesem ist ein Tuch an der Decke befestigt und der Yogi sitzt oder liegt in diesem, während er seine Yoga-Stellungen macht. Das Ganze sieht ein bisschen aus wie tanzendes Schaukeln und ist ein perfektes Ganzkörpertraining. Und dann gibt es noch das Lach-Yoga (kein Witz!). Hier ist die Idee, dass künstlich erzeugtes Lachen genauso Endorphine ausschüttet wie „normales“ Lachen, denn angeblich reichen bereits die Mund- und Atembewegungen dafür aus. Beim Stand-up-Paddle-Yoga wird die Yoga-Matte gegen ein Stand-up-Brett getauscht. Unter freiem Himmel und auf dem Wasser trainiert es sich besonders naturnah, wobei das sanfte Schwanken des Untergrunds den Geist entspannt und ganz nebenbei ein perfektes Training für Balance und Körperkontrolle ist.

Egal ob Lach-Yoga oder Hatha-Yoga: Zahlreiche Studien belegen, dass Yoga auf viele Bereiche des Körpers positive Auswirkungen hat. „Schlafstörungen, Verspannungen, Verdauungsprobleme, Kopfschmerzen – das sind alles Probleme, die Yoga reduzieren und sogar komplett auslöschen kann“, versichert Suh.

In der DDR waren Yogis verdächtig

Der Vorteil von Yoga ist dabei nicht zuletzt, dass es überall praktiziert werden kann. Der Yogi braucht nicht viel, außer einen festen Untergrund, etwa ein Holzboden, eine Wiese oder eine Yoga-Matte. Allerdings sollte es nicht zu kalt sein, frieren und Yoga passt nicht zusammen. Und: „Yoga ist für alle Menschen geeignet. Ich unterrichte von Kleinkindern bis Menschen ins hohe Alter alle Generationen. Mit meiner Tochter habe ich angefangen, als sie zwei Jahre alt war und mein ältester Schüler ist 82“, erzählt Yoga-Experte Suh. Trotzdem sollte sich jeder überlegen, welche Yoga-Art für ihn geeignet ist und welche zu seinem Lebensstil passt. „Übergewichtige, Schwangere oder Menschen mit physischen Handicaps sollten leichte Hatha-Übungen machen, und Menschen, die sich nach Ruhe sehnen ebenso. Sportliche Typen können hingegen bei den sogenannten Vinyasa-Yoga-Stilen ihren Bewegungsdrang austoben“, rät Suh.

In der frühen DDR war Yoga übrigens zunächst verdächtig und stand unter Beobachtung. Die Körper- und Atemübungen galten als religiöse Praxis, und wer sich Yoga-Gruppen anschloss, musste damit rechnen, ins Visier der Stasi zu geraten. Ende der 1970er-Jahre hatte sich Yoga dann im Untergrund verbreitet und mit offizieller Genehmigung gab die Magdeburger Volksstimme 1978 eine Broschüre „Yoganastik für jedermann“ heraus, die vor allem die Frauenwelt beeindruckte. Heute ist Yoga in Deutschland nicht mehr wegzudenken und manch einer behauptet, es gäbe inzwischen mehr Zubehör für Yoga zu kaufen als Autozubehör.

In der unruhigen Zeit der Corona-Pandemie plädiert Suh für mehr Selbstfürsorge: „Für jeden ist es gerade wichtig, mental gesund zu bleiben. Yoga kann da helfen, sich von Zukunftsängsten frei zu machen und Geist und Emotionen zu stärken.“

x