Politik Zwischen Traum und Wirklichkeit
Es ist ein diesiger Vormittag in der zentralen Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge im saarländischen Lebach. Hamit* sitzt in einem Büro der Bundesagentur für Arbeit (BA). Der 23-jährige Syrer lebt seit fast zwei Jahren in Deutschland, seinem Antrag auf Asyl ist noch nicht stattgegeben. Jetzt machen er und sein ebenfalls aus Syrien stammender Berater sich Gedanken darüber, in welche Richtung Hamit sich beruflich orientieren soll. Dabei schauen sie sich auch die Ergebnisse eines Computertests an, an dem Hamit in Lebach teilgenommen hat. Eigentlich habe er vorgehabt, später einmal bei einer Bank zu arbeiten, erzählt der junge Syrer, der in seiner Heimat eine Highschool besuchte. Aber der Test habe ihm gezeigt, dass das wohl doch nicht das Richtige für ihn sei. Ziel dieses Tests, der in abgewandelter Form auch bei anderen Personengruppen zum Einsatz kommt, ist es, am Computer die Fähigkeiten und Stärken von Bewerbern herauszufinden. Rund zwei Stunden dauert das Ganze. Dabei geht es, das zeigt ein Selbstversuch, wirklich ans Eingemachte, spürbarer Stress inklusive. Da müssen Zahlen der Größe nach zugeordnet werden, gilt es Rechenaufgaben zu lösen, geometrische Formen zu ergänzen – und die Uhr läuft mit. Aber auch berufliche Vorlieben und Abneigungen werden abgefragt, ebenso die Selbsteinschätzung, was den Umgang mit Kollegen oder Kunden angeht. Das bundesweit einmalige Verfahren kommt seit vergangenem August in Lebach zum Einsatz. Die Kosten dafür teilen sich die BA und das saarländische Innenministerium. Pro Woche können sich fünf Flüchtlinge dem Test unterziehen, berichtet Volker Steinmetz, für Erstaufnahmeeinrichtungen zuständiger Bereichsleiter bei der BA-Regionaldirektion Rheinland-Pfalz-Saarland. Die Teilnahme sei freiwillig, „das ist keine Prüfung, keine Zugangsvoraussetzung für irgendetwas“, betont Steinmetz. Warum aber dieser Aufwand? Um Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt einzugliedern, das hat sich angesichts der Zuwanderung Hunderttausender Menschen nach Deutschland rasch gezeigt, braucht es nicht nur einen langen Atem, sondern auch neue Herangehensweisen. Viele Flüchtlinge können nur mangelhaft oder gar nicht Deutsch. Die sprachlichen Hürden machen es noch schwieriger, die schulischen und beruflichen Kenntnisse der Migranten mit den hierzulande geltenden Anforderungen und Normen zu vergleichen. Von dem Computertest, der in großen Teilen mit nicht-sprachlichen Mitteln arbeitet, verspricht man sich bei der Arbeitsagentur bessere Hinweise auf berufliche Stärken und Neigungen der Bewerber. Offenbar mit Erfolg. In 60 bis 70 Prozent der Fälle helfe der Test herauszufinden, ob Personen für bestimmte Berufe geeignet sind oder nicht, heißt es bei der BA. Auch die Resonanz der Arbeitsvermittler sei positiv, sagt Volker Steinmetz. Die Flüchtlinge ihrerseits seien motiviert und gerne bereit, „sich dem zu stellen“. Für Hamit gab der Test jedenfalls einen Anstoß, seine Berufswünsche zu überdenken. „Zum ersten Mal in meinem Leben wurde abgefragt, wo meine Stärken liegen“, hat er für und über sich neue Erkenntnisse gewonnen. Künftig würde er gerne als Verkäufer oder im Marketingbereich arbeiten; ein Praktikum in einem Möbelgeschäft hat er schon gemacht, das hat ihn in seinen Ambitionen bestärkt. Der junge Syrer steht noch am Anfang seiner beruflichen Integration; mit einem Ausbildungsplatz ginge für ihn ein Traum in Erfüllung. Da sind die vier jungen Frauen und Männer, die an einem Besprechungstisch in der Ludwigshafener Arbeitsagentur Platz genommen haben, schon ein gutes Stück weiter. Die 26-jährige Gowhary Zuhal aus Afghanistan, die gleichaltrige Goitom Yemane Haben aus Eritrea sowie Mousa-Basha Emad (31) und Jomaa Bashir (34) aus Syrien absolvieren seit September eine dreijährige duale Ausbildung bei der Bundesagentur für Arbeit. Sie wollen „Fachangestellte für Arbeitsmarktdienstleistungen“ werden. Landesweit haben im vergangenen Herbst zehn Flüchtlinge eine Ausbildung bei der BA begonnen, nachdem sie zuvor sechs Monate lang eine Einstiegsqualifizierung inklusive Sprachkurs absolviert hatten. Es handele sich hierbei um zusätzliche Ausbildungsplätze, das Ganze gehe nicht zu Lasten anderer Bewerber, betont die Ludwigshafener Ausbildungsleiterin Concetta Puopolo. Für alle vier stellt die Beschäftigung in der BA einen völligen beruflichen Neubeginn dar, was die These von BA-Bereichsleiter Volker Steinmetz bestätigt, dass sich viele Flüchtlinge „komplett neu“ orientieren müssten. So hätte Jomaa Bashir gerne weiter das getan, was er schon in seiner syrischen Heimat mehrere Jahre getan hat: als Lehrer zu unterrichten. Dafür aber, erzählt er, hätte er in Deutschland erneut lange studieren müssen. Bei Goitom Yemane Haben, die in Eritrea Verwaltungswissenschaft studierte, fiel der Entschluss, eine Ausbildung zu beginnen, während der Einstiegsqualifizierung. Einen Entschluss, den sie, ähnlich wie die drei übrigen in Ludwigshafen tätigen Azubis, die in ihrer Heimat allesamt studiert haben, bisher nicht bereut hat. Vor allem der Kontakt zu Menschen, das betonen die vier, sei ihnen wichtig. Sorgen, wie es nach ihrer Ausbildung beruflich für sie weitergeht, müssen sich diese Flüchtlinge wohl keine machen. Denn sie werden dann über Kompetenzen verfügen, die bei der Berufsberatung und Arbeitsvermittlung von Zufluchtsuchenden dringend benötigt und entsprechend nachgefragt werden. Dazu gehört neben ihren Sprachkenntnissen sicher auch die Fähigkeit, sich in die Lage von Menschen hineinversetzen zu können, die auf der Flucht alles hinter sich gelassen haben und jetzt vor einem nicht nur beruflichen Neubeginn stehen. Zurzeit absolvieren erneut zehn Flüchtlinge eine Einstiegsqualifizierung bei der BA. Sie sollen, so die Planung, im Oktober ihre Ausbildung beginnen. Die Serie —Der erste Teil der Serie ist am 28. Februar erschienen.