Politik Zwischen Schweigen und Sprechen

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Bespitzelung, Überwachung, Unterdrückung – die politische Verfolgung in der DDR hatte nicht nur Auswirkungen auf die Betroffenen, sondern auch auf deren Familien. Vielen fällt es heute noch schwer, darüber zu reden.

Offiziell gab es Alexander Latotzky nicht. Er wurde 1948 im sowjetischen Speziallager Nummer 4 im sächsischen Bautzen geboren und existierte lediglich als Eintrag auf der Häftlingskarte seiner Mutter. „Sie hatte es gewagt, zwei sowjetische Soldaten wegen der Vergewaltigung und Ermordung ihrer Mutter anzuzeigen“, sagt Latotzky, und sei deshalb zu 15 Jahren Haft verurteilt worden. Danach kam sie nach Torgau ins Lager, wo sie sich in einen Wachsoldaten aus der Ukraine verliebte – und er sich in sie. Das Paar wurde getrennt; schwanger wurde sie nach Bautzen gebracht, später ins Lager nach Sachsenhausen. Als die Internierungslager 1950 aufgelöst wurden, brach für den kleinen Jungen eine Welt zusammen: Die DDR-Behörden trennten Mutter und Sohn. Er durchlief eine Odyssee durch fünf Heime, bis er im Alter von fast neun Jahren wieder zu seiner Mutter nach West-Berlin durfte. Im Januar 1957 nahm ihn an einem S-Bahnhof eine fremde Frau in Empfang, die ihm unter Tränen sagte, sie sei seine Mutter. „Ich konnte zuerst mit ihr nichts anfangen und siezte sie“, erinnert sich Latotzky. Erst 45 Jahre später erfuhr er aus den Akten der DDR-Staatssicherheit, dass seine Mutter alles unternommen hatte, um ihn wiederzubekommen und deshalb als Agentin nach West-Berlin ging. Die Berichte, die sie Stasi und KGB schickte, waren allerdings frei erfunden. Latotzkys Mutter, die an den Folgen der Haft bereits 1967 starb, ging immer davon aus, dass der Vater ihres Sohnes tot ist. Nach dem Mauerfall begann Latotzky zu recherchieren und traf Jahre später erstmals seinen Vater in Russland. Der wurde von der Wehrmacht als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt, von der Roten Armee befreit und sollte erst als „Verräter“ (weil er für die Deutschen arbeitete) liquidiert werden. Dann kam er aber als Wachsoldat nach Torgau und wurde – nach dem die Beziehung aufflog – in ein Lager des Gulag in der UdSSR deportiert. „Die erste Begegnung mit ihm war emotional so überwältigend, dass es kaum auszuhalten war“, erzählt Latotzky. Den eigenen Kindern hat er lange Zeit kein Wort über seine bittere Familiengeschichte erzählt. Eines Tages schlug er vor, zusammen nach Sachsenhausen zu fahren. „Was sollen wir denn da?“ fragte sein Sohn. „Da war ich als Kind“, antwortete Latotzky weinend und brach sein Schweigen. Die Erfahrungen des 70-Jährigen sind kein Einzelschicksal. Die Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen und zur Aufarbeitung der SED-Diktatur stellten fest, dass „die Betroffenen nicht selten zeitweilig oder dauerhaft verstummen, weil sie keine Worte finden, mit denen sie ihr Erleben anderen vermitteln können“. Andere hielten sich zurück, weil sie ihre Kinder nicht damit belasten oder zu DDR-Zeiten ihnen Nahestehende nicht gefährden wollten. Auch die Oma von Ricarda Rieck schwieg jahrzehntelang. „Erst als ich schwanger war, traute sie sich zu erzählen, dass sie ihre Heimat verlassen musste und furchtbar darunter litt.“ Riecks Großvater wurde 1945 als NSDAP-Mitglied von der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland verhaftet und bis 1950 im Speziallager Buchenwald (Thüringen) interniert. Der Bauernhof in Papenbruch bei Wittstock (Brandenburg) samt der 60 Hektar Land wurde entschädigungslos enteignet, die Familie erhielt ein Siedlungsverbot in einem Umkreis von 50 Kilometern um den Heimatort. „Meine Familie lebte dort seit Generationen. Trotzdem wusste ich bis Ende der 80er Jahre kaum etwas über den Ort“, erzählt Rieck. Inzwischen hat die promovierte Ingenieurin, Jahrgang 1965, das alte Wohnhaus ihrer Familie zurückgekauft. Im Dorf ist sie eine Fremde. „Man muss die Bruchstücke der Vergangenheit sehr genau sortieren, damit man heute etwas damit anfangen kann“, meint Lutz Rathenow, der sächsische Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Die Erfahrungen von Zwangsaussiedlung, Haft und Stasi-Verfolgung wirkten auch fast 30 Jahre nach dem Ende der SED-Diktatur noch nach. Hans-Peter Freimark war seit Ende der 70er Jahre Pfarrer in Neustadt/Dosse in der märkischen Provinz. Er engagierte sich in der Friedensbewegung und Jugendarbeit, hängte selbstgefertigte Transparente für Pressefreiheit und Menschenrechte an den Kirchturm. Das Ministerium für Staatssicherheit versuchte, den aufmüpfigen Pfarrer aus dem Amt zu drängen. „Ich sollte liquidiert werden“, sagt der heute 73-jährige Theologe. Mal wurden an seinem Auto Radmuttern gelockert, mal telefonische Morddrohungen ausgesprochen, mal im Ort gezielt Gerüchte gestreut. „Viele haben dies der SED gar nicht zugetraut und meinten, wir litten unter Verfolgungswahn.“ Sogar in den Westen ließen ihn die Behörden ohne Antrag reisen – in der Hoffnung, so erfuhr er später aus den Stasi-Akten, er würde dort bleiben. Doch Freimark wehrte sich weiter. Für seine vier Kinder war dies allerdings eine ziemliche Belastung. Er redete damals offen mit ihnen über alles. Trotz der Erfahrungen und Schikanen in der Schule sind Freimarks Kinder am Ende nicht eingeschüchtert, sondern selbstbewusst und wachsam. „Sie lassen sich auch im demokratischen Staat nicht alles gefallen und versuchen, etwas zu verändern“, so der Pfarrer.

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