Ernährung RHEINPFALZ Plus Artikel Wollen die Grünen ein Fleischverbot?

Sommerzeit – Grillzeit: Doch der Fleichkonsum der Deutschen ist nach Ansicht von Wissenschaftlern zu hoch und könnte die Klimazi
Sommerzeit – Grillzeit: Doch der Fleichkonsum der Deutschen ist nach Ansicht von Wissenschaftlern zu hoch und könnte die Klimaziele gefährden.

Gleich zwei Fachgremien empfehlen der Bundesregierung, die Bürger zu weniger Fleischkonsum zu bewegen – am besten über höhere Preise an der Fleischtheke.

Liebhaber des Mett-Igels, des Grillsteaks oder der Pfälzer Leberwurst sind alarmiert: Die Grünen wollen, dass alle nur noch Gemüse essen und höchstens zehn Gramm Fleisch pro Tag – was ungefähr einer Scheibe Wurst entspricht. So jedenfalls schallt es aus den Echoräumen der sozialen Medien und sorgt dort für erheblichen Wirbel. Tatsache ist: Von einem Fleischverbot kann keine Rede sein, dafür dürfte es in der Ampelkoalition ohnehin keine Mehrheit geben, weil es gesellschaftspolitischer Unsinn wäre. Allerdings legen Experten aus der Wissenschaft der Bundesregierung ein härteres Vorgehen bei Schnitzel und Co. ans Herz.

Höhere Mehrwertsteuer auf Fleisch

Sowohl der Sachverständigenrat für Umweltpolitik als auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung plädieren dafür, den Fleischkonsum drastisch zu reduzieren, um zu verhindern, dass die Landwirtschaft immer mehr Ökosysteme zerstört und damit Klimarisiken wie Extremwetter und Missernten zunehmen. Unisono betonen die Gutachter, dass die Umstellung auf größtenteils pflanzenbasierte Ernährung eine der wichtigesten Stellschrauben sei, um die negativen Umwelteffekte der Fleischproduktion zu verringern. So ist etwa der Methanausstoß bei der Verdauung durch Wiederkäuer wie Rinder für einen Großteil der landwirtschaftlichen Treibhausgasemissionen verantwortlich.

Die beiden Expertengremien, die vom Bund und von den Ländern finanziert werden, zeigen Möglichkeiten auf, wie Fehlentwicklungen korrigiert werden können. Konkret empfiehlt der Sachverständigenrat, den auf sieben Prozent reduzierten Mehrwertsteuersatz auf Fleisch auf den regulären Satz von 19 Prozent anzuheben und gleichzeitig die Mehrwertsteuer auf Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte komplett abzuschaffen. Das ist seit April 2022 durch EU-Recht möglich.

Preiserhöhung in der Inflation?

Damit würde eine umweltschädliche Subvention abgeschafft, heißt es in einem Sondergutachten. Allerdings geben die Wissenschaftler zu bedenken, dass „soziale Ausgleichsmaßnahmen“ für Personen mit niedrigem Einkommen notwendig wären. Welche genau das sind, wird nicht ausgeführt. Auch wird eingeräumt, dass die derzeitige Inflation nicht der richtige Zeitpunkt für eine solche Maßnahme wäre.

Zitiert werden Wissenschaftler, die modellhaft eine solche Verteuerung der Fleischpreise durchgerechnet haben. Demnach würde eine höhere Mehrwertsteuer den Verzehr von Wurst und Fleisch zu Hause um elf bis zwölf Prozent reduzieren. Das Problem: Teureres Fleisch aus besseren Haltungsformen würde sich weiter verteuern. „Viele Kunden würden möglicherweise bei gleicher Menge an konsumiertem Fleisch auf günstigeres Fleisch aus schlechteren Haltungsbedingungen zurückgreifen.“ Und das wäre nicht Sinn der Sache.

„Sonderabgabe“ auf Fleisch?

Diskutiert wird im Sachverständigenrat auch eine „Sonderabgabe“ auf Fleisch und Fleischprodukte. Reichlich absurd erscheinen Vorschläge aus den Reihen der Wissenschaftler, die den Bürgern den Fleischkonsum erschweren oder deren Kaufverhalten beeinflussen sollen. Beispiel: In Restaurants könnten Gerichte ohne Fleisch als Standard auf der Speisekarte stehen. Fleischgerichte könnten dann „auf Nachfrage“ oder auf einer gesonderten Karte angeboten werden.

Oder: Auf Büffets könnten Lebensmittel so angeordnet werden, „dass Fleischgerichte weniger sichtbar oder schwerer erreichbar platziert sind als vegetarische Gerichte“. Oder: Einkaufswagen in Supermärkten könnten durch Einleger so parzelliert werden, dass große Bereiche für Obst und Gemüse und lediglich kleinere für Fleisch und Milchprodukte vorgesehen sind.

„Wollt ihr uns aushungern?“

Diskutiert wird in der Wissenschaft auch ein Werbeverbot für Fleischprodukte ähnlich dem von Alkohol und Tabak. Lobend erwähnt wird die niederländische Stadt Haarlem, die ab 2024 Werbung für Fleisch aus konventioneller Erzeugung sowie für andere klimaschädliche Produkte im öffentlichen Raum verbieten will. Weil alle Maßnahmen ziemlich stark in die Alltagsentscheidungen und die Privatsphäre der Menschen eingreifen, empfehlen die Experten der Politik, auf „Co-Benefits“ des Verzichts auf Fleisch hinzuweisen, also auf positive Nebeneffekte wie die bessere Gesundheit oder den Tierschutz.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) brachte jüngst die Fleisch-Tagesration von zehn Gramm pro Person ins Spiel. Eine Empfehlung sei das ausdrücklich nicht, erklärte die unabhängige wissenschaftliche Fachgesellschaft. Diese sei noch in Arbeit. Doch die nackte Zahl reichte aus, um auf Twitter und anderen Kanälen für Entrüstung zu sorgen. „Wollt ihr uns aushungern wie nach dem Krieg?“, wütete beispielsweise Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler).

Fleischkonsum rückläufig

Die bisherige Empfehlung der DGE von 300 bis 600 Gramm Fleisch pro Woche ist deutlich großzügiger, liegt aber immer noch niedriger als der aktuelle durchschnittliche Verzehr der Deutschen von ungefähr einem Kilo pro Woche. 1991 waren es noch rund 1,3 Kilogramm Fleisch pro Kopf und Woche. Zum Rückgang mögen auch die vom Randphänomen zum relevanten Geschäftsfeld aufgestiegenen Fleischersatzprodukte wie vegane Mortadella oder vegane Teewurst geführt haben. Allen Studien gemein ist die Sorge, dass umwelt- und klimafreundliche Angebote ins Leere laufen, wenn die Menschen sie nicht annehmen.

So ist auch das Fazit des Sachverständigenrates ernüchternd: „Es gilt, Maßnahmen auszumachen, die akzeptiert werden und sozial gerecht sind, und dabei die Entscheidungsfreiheit möglichst wenig einschränken.“ Gerade bei der Ernährung ließen sich Gewohnheiten nur schwer verändern.

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