Politik RHEINPFALZ Plus Artikel Wo der Großvater das Hitler-Reich eroberte: Radfahren in der Normandie

Alliierte Soldaten landen am 6. Juni 1944 in der Normandie, hier US-Truppen am „Omaha Beach“.  Foto: Cpt Herman Wall/US National
Alliierte Soldaten landen am 6. Juni 1944 in der Normandie, hier US-Truppen am »Omaha Beach«.

In der Normandie werden Millionensummen in die Museen investiert, die an die Landung der Alliierten vor 75 Jahren erinnern. So sollen vor allem US-Touristen angelockt werden. Für die Besucher aus Übersee sind die Gedenkstätten zu wahren Pilgerstätten geworden. Dort können sie ihre Nation ganz unbefangen feiern.

Erschöpft lassen sich die Radfahrer auf eine kleine Bank vor dem „Utah Beach D-Day Museum“ sinken. „Ich weiß nicht, ob ich das heute noch schaffe“, murmelt eine Frau im feuerroten Dress mit breitem amerikanischen Akzent. Der Rest der Gruppe hat sich schon aufgemacht in die Roosevelt-Bar auf der gegenüberliegenden Straßenseite. „Zu viele Museen und zu viel Gegenwind vom Meer“, sagt die Radfahrerin. Und sie wisse nicht, was schlimmer sei.

Die kleine Gruppe ist zum 75. D-Day-Jahrestag aus den USA in die Normandie gekommen und will die Gedenkstätten mit dem Rad abfahren. Jeder in der Gruppe kenne zumindest jemanden, dessen Großvater an der Invasion teilgenommen hat, die das Ende des Zweiten Weltkriegs beschleunigte. „Für uns Amerikaner ist das ein wichtiges Ereignis“, erklärt die Frau. Allerdings sei sie doch überrascht, wie viele Erinnerungsorte es in der Region gebe.

Fünf Millionen Besucher kommen jedes Jahr – mindestens

Tatsächlich gibt es in der Normandie nach offiziellen Angaben allein im Département Calvados rund um Caen und Bayeux etwa 55 Gedenkstätten, 23 Museen und 19 Soldatenfriedhöfe, die an die Landung der Alliierten am 6. Juni 1944 erinnern. Jedes Jahr besuchen fünf Millionen Gäste mindestens eine der Gedenkstätten, in Jubiläumsjahren sind es wesentlich mehr. Angesichts dieser Zahlen wird kräftig investiert. So wurde rechtzeitig vor dem 70. Jahrestag 2014 in Colleville-sur-Mer am Rande des amerikanischen Soldatenfriedhofs am „Omaha Beach“ das „Overlord Museum“ eröffnet („Operation Overlord“ war der Deckname der Invasion). Zwei Millionen Euro soll allein der Bau des Gebäudes gekostet haben, das jedes Jahr über 100.000 Besucher anlockt.

Die großen Museen sind vor allem für die Besucher aus den USA zu Pilgerstätten geworden. „Diese Attraktivität ist ziemlich einfach zu erklären“, sagt Ken Miguel, ein pensionierter Marineoffizier aus den USA. „Das war der letzte ,gute’ Krieg, den die USA geführt haben.“ Die US-Soldaten hätten zusammen mit ihren Alliierten die Welt von einem Diktator befreit, dafür würden sie bis heute gefeiert. Die ganze Nation sei sehr stolz darauf. Danach, in Korea, Vietnam, Irak oder zuletzt in Syrien, sei die Sache viel komplizierter und die Welt nicht mehr so einfach in Gut und Böse einzuteilen.

„Ich erkläre immer wieder, dass nicht alle Deutschen Nazis waren“

Ins Auge sticht, dass sämtliche Museen den Schwerpunkt auf den militärischen Teil der Invasion legen. Viel Kriegsgerät, Uniformen und Ausrüstungsgegenstände werden gezeigt, meistens ist eine Bunkeranlage der Deutschen im Original in den Erinnerungsort integriert. Zeitzeugen kommen in kurzen Filmen zu Wort, an den Stränden sind Ehrenmale für die gefallenen Soldaten errichtet. So befindet sich das 1962 eröffnete „Utah Beach D-Day Museum“ dort, wo eine einstige deutsche Verteidigungsanlage durch den amerikanischen Angriff auf die Küste am Morgen des 6. Juni zerstört wurde. Die Museumsführer weisen immer wieder darauf hin, dass weite Teile des Gebäudes noch aus den Wänden von damals bestehen. Das heißt, aus dem Museum heraus haben die Besucher genau den Blick, den die deutschen Verteidiger auf den Strandabschnitt hatten.

Manche der Führer in den Museen versuchen, ihren Besuchern aus Übersee auch etwas europäische Geschichte aus jener Zeit zu vermitteln. „Ich erkläre immer wieder, dass damals nicht alle Deutschen Nazis waren“, sagt Noel Benoît, der Besuchergruppen durch das „Utah Beach D-Day Museum“ leitet. Das sei nicht immer einfach, räumt er ein. Die Vorstellung vom generell bösen Nazi-Deutschen sei vor allem durch die vielen Hollywoodfilme tief in der Vorstellung der Amerikaner verankert.

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