Interview
Wladimir Kaminer: Putin will, dass alle Angst vor Russland haben
Herr Kaminer, Ihr neues Buch „Frühstück am Rande der Apokalypse“ ist viel ernster als all Ihre anderen Bücher. Ist es für Sie in Zeiten des Krieges unmöglich, ein lustiges Buch zu schreiben?
Ich finde das Buch durchaus lustig. Ich sehe in der Tragik des Krieges auch einen großen Witz. Das Leben ist eine Tragödie, die wir ausblenden und tun so, als würden wir ewig leben und als sei alles in Ordnung. Aber natürlich ist eine Tragödie eine Sackgasse. Doch würden wir uns das immer bewusst machen, würden wir nur weinen und kämen nicht weiter. Eine Tragödie ist auch lächerlich, und auch dieser Krieg und der russische Präsident sind lächerlich.
Für die ukrainische und die russische Bevölkerung ist dieser Krieg nicht nur eine Tragödie, sondern eine Katastrophe.
Die staatlichen russischen Medien versuchen, die Illusion aufrecht zu erhalten, dass es kein Krieg, sondern nur eine Spezialoperation ist. Viele Russen nehmen den Krieg deshalb nicht als Krieg, sondern als eine Art Naturereignis wahr. Vor kurzem hat sich vor der Brücke zur Krim ein 13 Kilometer langer Stau gebildet, weil die Russen in einer Gegend Urlaub machen wollen, die erst vor kurzem okkupiert worden ist und die die inzwischen stärkste Armee Europas jetzt zurückerobern will. Diese Leute wollen ihre Kinder im Schwarzen Meer baden lassen, in dem seit der Explosion des Kachowka-Staudamms unter anderem Tierkadaver treiben. Es gibt auf der Halbinsel kaum sauberes Trinkwasser, alles ist in einem katastrophalen Zustand, es herrscht Krieg – aber Urlaub auf der Krim muss sein!
Wie konnte es zu diesem Krieg kommen?
Ich habe schon aus sehr vielen Quellen, denen ich vertraue, gehört: Putin ist der reichste Mann der Welt. Öl und Gas haben ihn so reich gemacht. Er musste dafür nicht viel machen, nur kassieren. Das ist der Fluch der Ressourcen-Wirtschaft. Irgendwann hatte Putin so absurd viel Geld, dass er sich immer mehr vom Geld abgewandt und dem großen Thema aller Garagen-Rentner zugewandt hat.
Was sind Garagen-Rentner? Und was ist ihr großes Thema?
Putin ist ein Garagenrentner, also ein Mensch, der eigentlich schon das Rentenalter erreicht hat, sich aber noch total fit fühlt. Das große Thema der Garagenrentner ist die Geopolitik. Sie sitzen in Russland auf der Bank hinter der Garage und sagen: „Der Amerikaner ist frech geworden. Das kann man sich doch nicht gefallen lassen.“ Dann machen sie sich noch eine Flasche Bier auf. Leider ist das Geplauder eines einseitig gebildeten, soziopathischen Garagenrentners zur Weltpolitik geworden, die nun den ganzen Planeten gefährdet.
Glauben Sie, dass Putin verrückt ist?
Nein. Als ich in der Armee war, wollten viele simulieren, dass sie psychische Probleme haben. Aber der Oberst hat gesagt: „Verrückt ist nur jemand, der Seife frisst.“ Putin frisst keine Seife.
Was treibt ihn an?
Er will Russland, das große Land, das quasi aus der Geschichte rausgeschmissen wurde, wieder groß und stark machen. Er will, dass alle dieses Imperium akzeptieren und Angst vor ihm haben. Das hat furchtbare Folgen. Wie soll die heutige Welt mit einem solch komischen Imperium umgehen? Man kann gegenüber diesem Imperium viele Gefühle entwickeln: Ekel, Hass Gleichgültigkeit. Aber so ein Ding in der unmittelbaren Nachbarschaft zu haben, das von sich denkt, im Meer der Verdorbenheit und der im Untergang begriffenen kapitalistischen Staaten das letzte Bollwerk des Abendlandes und der Moral zu sein, das ist doch irre!
Wie wird der Krieg weitergehen?
Der Krieg verselbstständigt sich. Die Frontlinie wird sich ein bisschen hin und her verschieben. Es ist viel leichter einen Krieg zu beginnen, als einen Krieg zu beenden. Um diesen Krieg zu entfesseln, brauchte es einen Mann. Um ihn zu beenden, braucht man den Willen von Millionen, die jedoch aus allen möglichen Gründen nicht bereit sind, jetzt die Waffen niederzulegen. Inzwischen hat fast jeder Ukrainer jemanden aus der Familie im Krieg verloren. Diese Menschen sollen nicht umsonst gestorben sein.
Auch Putin hat kein Interesse an einer Deeskalation.
Nein, die gesamte russische Politik beschäftigt sich derzeit fast ausschließlich mit der Rechtfertigung des Krieges. Und Rechtfertigung bedeutet Fortsetzung. Es gibt inzwischen Dutzende Theorien, warum der Krieg unvermeidlich war. Jede für sich genommen, ist leicht zu widerlegen. Aber alle zusammen holen gerade das Dunkle aus dem Menschen hervor. Auch in der Ukraine wird die Verteidigung des Landes mit Patriotismus gerechtfertigt. Die nationale Souveränität ist dabei wichtiger als ein konkretes menschliches Leben. Das Leben der Bürger ist zweitrangig, der Staat ist wichtiger.
Finden Sie den ukrainischen Patriotismus falsch?
(Denkt lange nach). Das ist eine sehr knifflige Frage. Ich möchte die Beantwortung jedem selbst überlassen. Wer bin ich, um sagen zu können, was richtig und was falsch ist? Ich würde niemals Menschen dazu aufrufen, ihr Leben zu opfern, egal für was. Ich glaube, dass weder in Russland noch in der Ukraine die Mehrheit der Menschen patriotisch ist. Auch in der Ukraine sind nicht alle bereit, für ihr Land zu sterben. Viele wollen leben, vielleicht in einem anderen Land. In Deutschland und in allen anderen Ländern, die ich besuche, treffe ich ukrainische Männer im wehrfähigen Alter.
Ich glaube schon, dass viele Ukrainerinnen und Ukrainer Patriotinnen und Patrioten sind.
Die Ukraine hat einen genialen Präsidenten. Selenskyj macht nach innen und außen eine sehr gute Figur. Er motiviert die Ukrainer für diesen existenziellen Kampf um ihr Land. Es geht um ihr Überleben. Sie haben gesehen, was die Russen auf besetzten Gebieten machen. Stichwort Butscha. Weil sie auf ihrem eigenen Territorium für ihr Land kämpfen, ist die Motivierung für Selenskyj nicht so kostenaufwendig wie für den Aggressor. Was Putin jetzt an Geld ausgibt, ist beispiellos in der Geschichte dieses Regimes und aller Regime zuvor.
Sie meinen den Sold und die Kompensationszahlungen für Verwundete und Gefallene?
Ja, wenn eine Familie aus einer armen Region jemanden in diesem Krieg verliert, kann sie ein neues Haus bauen und ein Auto kaufen. Ein gefallener Soldat ist wie ein Sechser im Lotto.
Es ist doch kein Sechser im Lotto, wenn man im Krieg einen geliebten Sohn, Ehemann, Vater oder Bruder verliert.
Ich weiß nicht. Möglicherweise hatten sie ja nur Probleme mit diesem arbeitslosen Vater oder Bruder, der, selbst wenn er Arbeit gehabt hätte, in seinem ganzen Leben nicht mal die Hälfte von dem verdient hätte, was er für seinen schnellen Tod bekommt.
Ich glaube, Sie übertreiben.
Ich glaube nicht. Nach meinen Informationen werden von dem Totengeld gerade ganze Siedlungen neu gebaut. Und man muss ja nicht gleich das Schlimmste annehmen. Man kann ja auch mit einer Verletzung gut kassieren. Mit einem Durchschuss im Hinterteil und einer Kriegsrente kann man gut weiterleben. Und wo, außer an der Front, bekommt man in Russland ohne jegliche Bildung 2000 Dollar im Monat? Natürlich gibt es in Russland auch ein paar echte Turbo-Patrioten, die wahrscheinlich auch ohne Sold kämpfen würden, aber die meisten machen es des Geldes wegen.
Spüren Sie seit dem Krieg Russophobie in Deutschland?
Nein, ich bekomme viel Mitleid und viele Fragen. Ich bin ja derjenige, der hier 30 Jahre lang erzählt hat, was für ein tolles Land Russland ist. Dass das Volk europäisch, kreativ und herzensgut ist, dass es nur vorübergehende Probleme mit seiner politischen Führung hat. Aber wer hat das nicht? Und jetzt, da dieses kreative Volk ein Nachbarland überfallen hat, fühle ich mich in gewisser Weise auch in Verantwortung. Allerdings muss ich auch sagen, dass ich seit Beginn des Krieges in Berlin so viele unglaublich tolle Russen kennengelernt habe, wie in meinem ganzen Leben zuvor nicht.
Welche Rolle spielen russische Künstler im Krieg?
Im Gegensatz zu vielen Schauspielern und Theatermachern haben sich die meisten Musiker sehr mutig verhalten und sich klar vom Regime distanziert. Von den Helden meiner Generation, den alten Rockern, bis zu den modernsten Rappern, diesen leichtsinnigen Hohlköpfen mit den tätowierten Gesichtern – sie alle haben sehr stark zum Ausdruck gebracht, was sie vom Krieg halten. Viele von ihnen mussten das Land verlassen, werden jetzt als ausländische Agenten verfolgt. Für mich war es eine große Erleichterung, dass ausgerechnet die Musiker, also nicht gerade die hellsten Kerzen auf der Kulturtorte, sich so vorbildlich verhalten haben.
Anna Netrebko hat sich zunächst nicht klar vom Krieg in der Ukraine distanziert.
Ja, sie ist blöd.
Finden Sie es richtig, dass sie deshalb nicht nur auf deutschen Bühnen gecancelt wird?
Nein. Sie soll ja nicht wegen ihrer politischen Aktivitäten eingeladen werden, sondern wegen ihrer wunderschönen Stimme. Solange sie keine Kriegshetze betreibt, soll sie weitersingen.
Nicht erst seit Beginn des Krieges äußern Sie sich sehr kritisch gegenüber der russischen Politik. Sie leben zwar in Berlin, aber der Arm der Regierung ist lang. Litwinenko und Nawalny sind nur zwei Beispiele. Haben Sie Angst um Ihr Leben? Würden Sie einen Kaffee von einem Fremden annehmen?
(Lacht und ruft „Ich hätte gern noch einen Kaffee!“ in Richtung des Barkeepers der Berliner Bar, in der das Interview stattfindet) Dieser kleine Mann, dieser Garagenrentner, hat es geschafft Abermillionen in eine Notsituation zu bringen und ihnen einen irren Schaden zuzufügen. Und ich rede jetzt noch nicht mal von den Menschen in der Ukraine. Ich rede von politischen Aktivisten, die im Knast sitzen oder untertauchen mussten, von Offizieren, die jetzt in einem unrechten Krieg kämpfen müssen, von Menschen, deren Lebensentwürfe er kaputtgemacht hat. Es ist unglaublich, wie viel Unglück ein einziger Mensch über sein eigenes Land bringen kann. Nicht umsonst wird Putin von vielen Russen mit Hitler verglichen. Worauf ich hinaus will: Dieser Präsident hat so viele Feinde, dass all das Gift, das in den letzten 30 Jahren produziert wurde, nicht reicht, um alle seine Feinde zu vergiften.
Sie haben also keine Angst, dass Sie mundtot gemacht werden sollen?
Sicher stehe ich auch auf dieser Feindesliste, aber vielleicht irgendwo auf Seite 1305.
Zur Person
Der 1967 in Moskau geborene Wladimir Kaminer ist ein russisch-deutscher Schriftsteller und Kolumnist. Seine Texte schreibt er in deutscher Sprache. Sein neues Buch „Frühstück am Rande der Apokalypse“ erscheint am 23. August im Wunderraum Verlag.