Politik
Wie viel Rassismus gibt es in der Polizei?
Der Wissenschaftler der Ruhr-Universität Bochum startete vor einem Jahr eine Online-Befragung zu mutmaßlich rechtswidriger Polizeigewalt. Wegen der aktuellen Debatte, die sich unter anderem am brutalen Vorgehen von Polizisten in den USA gegen Afroamerikaner entzündete, hat sein Forschungsteam die Angaben von mehr als 3000 Personen und die Antworten aus 67 Einzelinterviews mit Blick auf das Thema Rassismus spezifisch ausgewertet. „Denn es gibt kaum empirische Daten zu dem Phänomen“, sagte Singelnstein am Mittwoch bei der Vorstellung der nicht repräsentativen Studienergebnisse.
Kernpunkte: Fast zwei Drittel der befragten Menschen mit dunkler Hautfarbe gaben an, sich in den mutmaßlichen Gewaltsituationen von der Polizei diskriminiert gefühlt zu haben. Auch 42 Prozent der Personen mit Migrationshintergrund bejahten das. Bei Personen ohne Migrationshintergrund waren es 31 Prozent. Rund die Hälfte der befragten sogenannten Persons of Color vermutet, dass die Polizei sie wegen ihrer (vermeintlichen) ethnischen oder kulturellen Zugehörigkeit diskriminierte – häufig bei allgemeinen Kontrollen.
„Kein Zufall, sondern hat auch mit Strukturen zu tun“
Derartige Ungleichbehandlungen seien den Beamten selbst nicht immer bewusst, erläuterte Singelnstein. Eine Rolle spiele im Polizeialltag sogenanntes Erfahrungswissen – Situationen, die die Polizisten in Einsätzen selbst erlebt haben oder von denen ihnen Kollegen berichtet haben. Das könne Stereotype und Vorurteile beinhalten. Einige Interviews hätten allerdings auf explizit rassistische Einstellungen unter den Beamten hingedeutet. Die unterschiedliche Sensibilität für diskriminierende Praktiken bei Betroffenen und Polizisten erschwere zudem eine Verständigung.
Der Kriminologe sieht kritisches Verhalten nicht als individuelles Problem einzelner Beamter. „Das ist kein Zufall, das hat auch mit den Strukturen zu tun, etwa der Binnenkultur in der Polizei.“ Wie groß das Problem sei, könne anhand der vorliegenden Daten jedoch nicht beurteilt werden. Dazu brauche es mehr Forschung. Dem pflichtete Astrid Jacobsen bei, Professorin an der Polizeiakademie Niedersachsen: „Rassismus in der Polizei ist ein Problem, das gesehen werden muss“, sagte die Soziologin. Erforderlich seien vielfältige Studien, um zu erkennen, wo man gezielt ansetzen muss.