Politik RHEINPFALZ Plus Artikel Wie sich Krankenhäuser auf den Krisenfall vorbereiten

Im Krisenfall drohen in vielen Kliniken Personalengpässe.
Im Krisenfall drohen in vielen Kliniken Personalengpässe.

Krankenhäuser zunehmend an den Bündnis- oder Verteidigungsfall denken. Die Ludwigshafener BG-Unfallklinik arbeitet deshalb verstärkt mit der Bundeswehr zusammen.

Lange galt das Szenario, dass der Nato-Bündnisfall eintritt und Deutschland einen Verbündeten militärisch unterstützen muss, als unwahrscheinlich. Seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine beschäftigt ein möglicher Krisenfall aber auch die Krankenhäuser, die die medizinische Versorgung von Kriegsverwundeten aus dem Ausland übernehmen müssten.

Dieser Fall wurde bei der eintägigen Übung „SanBrücke“ im November simuliert. Dabei ging es vor allem um die Kommunikation zwischen den Bundeswehrkrankenhäusern Koblenz und Ulm sowie fünf zivilen Berufsgenossenschaftlichen Kliniken – darunter auch die BG Unfallklinik Ludwigshafen. Für das Szenario des Bündnisfalls wird von rund 1000 Kriegsverwundeten pro Tag ausgegangen, die in Deutschland versorgt werden müssten.

Laut Michael Kreinest, Leiter der Stabsstelle Katastrophenmedizin an der BG-Klinik Ludwigshafen, braucht ein solches Szenario eine ganz andere Vorbereitung als ein Massenanfall von Verletzten, wie er beispielsweise durch einen größeren Unfall entstehen kann. „Bei einem Unfall hat man eine zeitlich begrenzte Lage – es sind immer weniger Patienten übrig, die noch versorgt werden müssen. Im Bündnisfall hat man jeden Tag neue Verletzte.“

Patienten koordinieren

Ein Teil der Übung war die Koordination der Kriegsverwundeten, die in der Übung rein fiktiv sind. Es werde davon ausgegangen, dass diese rund um die Uhr in den Krankenhäusern ankommen. In der Übung habe man deshalb die Personalplanung geändert und auf ein volles Schichtsystem umgestellt, statt wie sonst nachts mit reduzierter Besetzung zu arbeiten.

Dazu kamen andere Herausforderungen, die der Bündnisfall mit sich bringen kann und die die Krisenstäbe in den Kliniken bewältigen müssen. „Man muss damit rechnen, dass Lieferketten abreißen“, sagt Kreinest, der im Ernstfall den Krisenstab in der BG-Klinik Ludwigshafen leitet. In solchen Fällen müssten sich die Krankenhäuser untereinander mit Medikamenten, Materialien und gegebenenfalls auch Personal aushelfen. Dieser Austausch komme im Alltag normalerweise nicht vor.

Auch an die Information der Öffentlichkeit müsse in solchen Fällen gedacht werden. In der Vergangenheit, etwa nach der Amokfahrt auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt im vergangenen Jahr, habe man in der Katastrophenmedizin die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die Blut spenden wollen, spontan zum Krankenhaus kommen. In vielen Krankenhäusern, so auch in der Ludwigshafener BG-Klinik gebe es allerdings keine Möglichkeit, vor Ort Blut zu spenden.

Die Übung habe auch gezeigt, wie wichtig funktionierende Kommunikationsmittel im Ernstfall sind, sagt Kreinest: „Das fängt bei Videoschalten an“. Die Bundeswehr nutze andere Systeme mit höheren Sicherheitsstandards als die zivilen Krankenhausträger. „Das hat in der Übung nur geklappt, weil wir uns schon vorher Gedanken gemacht haben.“

Kooperation mit Bundeswehr

Die Zusammenarbeit zwischen den BG-Kliniken und der Bundeswehr bestehe aber schon seit 2019; die Übung im November, an der 100 Personen beteiligt waren, wurde neun Monate lang vorbereitet.„Aufgrund der zunehmend angespannten sicherheitspolitischen Lage gewinnen solche Übungen zunehmend an Bedeutung“, teilt eine Sprecherin des Sanitätsdienstes der Bundeswehr auf Anfrage der RHEINPFALZ mit. Übungen wie die „SanBrücke“ sehe man als wichtigen Schritt, „um Abläufe zu standardisieren und die gesamtstaatliche Resilienz Deutschlands zu stärken“.

Laut einem Gutachten im Auftrag der Deutschen Krankenhausgesellschaft, das Ende Oktober veröffentlicht wurde, ist ein großer Teil der Krankenhäuser in Deutschland nicht ausreichend auf Krisenfälle vorbereitet. Das kann der Nato-Bündnisfall oder Verteidigungsfall sein, aber auch Cyberangriffe und andere Sabotageakte aus dem Ausland. Dem Gutachten zufolge mangelt es in vielen Krankenhäusern insbesondere an Personal und Lagerkapazitäten.

Das Westpfalz-Klinikum mit Standorten in Kaiserslautern, Kusel, Kirchheimbolanden und Rockenhausen gibt auf Anfrage der RHEINPFALZ an, dass Konzepte für größere IT- oder Stromausfälle vorhanden seien. Handlungsbedarf gebe es allerdings im Umgang mit militärischen Szenarien. „In den letzten Jahrzehnten war der Verteidigungsfall für die gesamte Kliniklandschaft kein reales Thema, dementsprechend wurden hier auch strukturell keine Weichen gestellt“, so ein Sprecher. „Wir benötigen verlässliche Rahmenbedingungen und einen finanziell abgesicherten Plan zur Stärkung der Krankenhausresilienz. Stattdessen stellen wir fest, dass viele Kliniken in erster Linie um ihr Überleben kämpfen müssen.“

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