Russland
Wie der Kreml sich Medien Untertan macht
Beim renommierten Wirtschaftsblatt Wedomosti beginnt der Exodus. Am Montag hatte der Aufsichtsrat der Holding „Business News Media“ den als kremlnah geltenden Journalisten Andrei Schmarow zum Chefredakteur ernannt. Die Zeitung hatte zuvor mehrfach den Besitzer gewechselt. Fünf stellvertretende Chefredakteure kündigten aus Protest ihren Abschied an.
Moskaus unabhängige Medien stehen seit Jahrzehnten unter Druck. Schon 2002 hatte der Medienoligarch Wladimir Gusinski den einzigen oppositionellen Fernsehkanal NTW an die Staatsholding Gazprom-Media verkaufen müssen. Der Sender wurde völlig gleichgeschaltet. Auch Radio Echo Moskwy, das als Flaggschiff des russischen Oppositionsjournalismus gilt, wird längst von Gazprom-Media kontrolliert.
In der Provinz ist der Zar weit weg
Immerhin: Echo Moskwy erlaubt sich weiter regelmäßig Interviews mit politischen Unpersonen wie dem Antikorruptionsblogger Alexej Nawalny. Aber andere führende Medien wie die Zeitung Kommersant oder das Wirtschaftsportal RBK verzichten bei heiklen Themen auf frontale Attacken gegen die Behörden. Der unabhängige Internet-Fernsehkanal TV Doschd kämpfte wie die Nowaja Gazeta schon vor der Corona-Krise mit Spendenaktionen ums Überleben.
Aber noch ist die freie Presse in Russland keineswegs tot. „Es gibt mehrere Dutzend unabhängiger Medien, meist im Internet, oft in der Provinz, die keine Thementabus akzeptieren und inzwischen ein enormes Auditorium erreichen“, sagt Dmitri Muratow, Chefredakteur der Nowaja Gazeta, der RHEINPFALZ. So haben sich etabliert: fontanka.ru in Sankt Petersburg, znak.com in Jekaterinburg oder die Nowosibirsker tayga.info. Diese Portale berichten meist über mehrere Regionen, etwa über den Ural oder Sibirien, der Zugang für die Leser ist umsonst, Paywalls gibt es nicht. Man finanziert sich aus Reklame, strebt statt großer Gewinne journalistische Leistung an.
„Wir betrachten uns nicht als ausdrücklich oppositionelles Medium“, sagt Dmitri Koljesew, Chefredakteur von znak.com. „Nur, wenn man unabhängigen Journalismus macht, konzentriert man sich immer wieder auf Problemthemen, die mit den Fehlern der Behörden zusammenhängen. Und kritisiert sie deshalb.“