Verteidigung
Wie das Heer rasch einsatzfähig werden will
Als sich Anfang 2022 die Krise um die Ukraine zuspitzte, ein russischer Angriff plötzlich realistisch erschien, verlegten die US-Streitkräfte Truppen aus Deutschland nach Polen und Rumänien. Damit wollte Washington die Abschreckung an der Nato-Ostflanke erhöhen und Osteuropa Beistand signalisieren. Deutschland indes hätte eine „vergleichbare erforderliche Verstärkung nicht leisten können“. Das bekennt die Bundeswehr offen auf ihrer Website. Doch das soll sich ändern. Das Heer gibt sich dazu eine neue Struktur.
Die deutschen Landstreitkräfte bestehen derzeit aus leichten und aus schweren Kräften. Zu den leichten Kräften zählen etwa die Fallschirmjäger und die Gebirgsjäger. Sie sind per Flugzeug schnell verlegbar, können also rasch auf Krisen reagieren. Sie sind aber nicht besonders durchhaltefähig, wie es im Militärjargon heißt. Gegnern, die mit Artillerie und Panzern anrücken, sind sie klar unterlegen. Da braucht es dann schon die eigenen schweren Kräfte mit ihren Kampf- und Schützenpanzern. Das Problem: Panzer und schwere Artillerie zu verlegen, ist aufwendig und es dauert.
Räder statt Ketten
Die Zeit, die es braucht, bis die eigenen schweren Kräfte nachrücken, soll künftig gewonnen werden durch den Einsatz einer neuen Kategorie: den mittleren Kräften. Diese „sind hochmobil auf eigener Achse und dennoch durchsetzungsstark, auch im hochintensiven Gefecht“, heißt es von der Bundeswehr. Es handelt sich dabei unter anderem um Schützenpanzer und Haubitzen. Die hohe Mobilität soll dadurch erreicht werden, dass die Waffensysteme ausschließlich auf Rädern unterwegs sind und nicht wie bisher auf Ketten. Kettenfahrzeuge sind in der Regel nicht so schnell, zudem dürfen sie nur entsprechend leistungsfähige Straßen nutzen, werden per Sattelschlepper oder per Schiene zum Einsatzort gebracht.
Die gute Verlegbarkeit von Radfahrzeugen hingegen demonstrierte die US Army 2015 in der Operation „Dragonerritt“, als sie nach einem Manöver im Baltikum mit ihrem Konvoi über polnische und tschechische Straßen zu ihrem Standort ins oberpfälzische Vilseck zurückkehrte.
Panzer in Australien bestellt
Mit den mittleren Kräften werde die Bündnis- und Landesverteidigung gestärkt, heißt es von der Bundeswehr. Klar ist dabei, dass es vor allem um eine schnelle Verlegbarkeit nach Osten geht.
Bis es so weit ist, dauert es allerdings noch ein Weilchen. So wird schrittweise die Heeresorganisation umgestellt, das heißt, einige Einheiten werden neu zugeordnet. Begonnen wird damit am 1. April. Vor allem aber braucht die Bundeswehr neues Gerät. Doch auch hier geht es voran.
So wird die Truppe mehr als 100 Radpanzer vom Typ Boxer mit einer 30mm-Maschinenkanone in Australien beschaffen. Der Parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium, der Südpfälzer Thomas Hitschler (SPD), hat dazu in der vergangenen Woche gemeinsam mit dem australischen Rüstungsminister Pat Conroy eine Zusammenarbeitserklärung unterschrieben. Finanziert werden die Boxer über das Sondervermögen, wobei über die Kosten noch nichts bekannt wurde. 2025 sollen nach Möglichkeit die ersten neuen Boxer bei der Bundeswehr eintreffen – und die gepanzerten Fahrzeuge vom Typ Wiesel ablösen, die auf Ketten unterwegs sind.
Neue Haubitze wird getestet
Auch bei der Artillerie könnte sich bald etwas tun. So testet die Bundeswehr derzeit die Radhaubitze RCH 155 des Münchner Herstellers Krauss-Maffei Wegmann. Das Waffensystem ist eine Weiterentwicklung der Panzerhaubitze 2000, die Deutschland der Ukraine geliefert hat. Als erstes Artilleriegeschütz der Welt kann die RCH 155 auch während der Fahrt schießen. Wird sie von der Bundeswehr als tauglich befunden und gelingt eine rasche Beschaffung, nähmen die mittleren Kräfte des Heeres bald Gestalt an.
Das wiederum wäre ein großer Schritt auf dem Weg ein Manko zu beheben, das durch den Ukraine-Krieg ganz deutlich geworden ist: Die Bundeswehr könnte dann tatsächlich kaltstartfähig werden.