Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Wenn das Gefühl der Sicherheit plötzlich weg ist

Die Regale sind leer geräumt. Warum das nur?
Die Regale sind leer geräumt. Warum das nur?

Die Schlachtfelder sind näher gerückt. Doch das ist nicht der einzige Grund, warum der Krieg in der Ukraine uns stärker beunruhigt als alle anderen Konflikte.

Wäre meine Großmutter noch am Leben, sie würde sicherlich nichts hamstern. Weder Sonnenblumenöl noch Nudeln noch Klopapier. Solche Panik war ihr fremd. Schließlich hatte sie, Jahrgang 1908, zwei Weltkriege, zwei komplette Geldentwertungen und die Teilung Deutschlands erlebt. Da half nur Gelassenheit und eine gehörige Portion Gottvertrauen. Immer wieder hatte sie die Erfahrung machen müssen, dass es keine absolute Sicherheit gibt. Dass sich das Leben von einem auf den anderen Tag komplett verändern kann. Dass alles, was lieb und teuer ist, plötzlich bedroht wird.

Diese Erfahrung ist den nach 1945 Geborenen in Deutschland lange Zeit erspart geblieben. Bisher wähnten wir uns in Sicherheit. Es war so etwas wie ein Urvertrauen: Bei uns in Europa wird es keine Schlachtfelder mehr geben. Schließlich haben ja alle gelernt aus den Katastrophen zweier Weltkriege. Dachten wir.

Die nukleare Bedrohung hielt die Gegner in Schach

Selbst in Zeiten des Kalten Krieges hielt sich die unmittelbare Bedrohung noch in Grenzen. Wer würde, so meinten wir, in Zeiten nuklearer Bedrohung so wahnsinnig sein und einen Krieg anzetteln? Und hatten recht. Die Abschreckung wirkte damals. In der Kubakrise zum Beispiel gaben die Sowjets klein bei. Und der Mauerbau war, so zynisch das auch klingen mag, die Lösung, bei der weder die USA noch die Sowjetunion ihr Gesicht verloren: Der Flüchtlingsstrom aus der DDR wurde abgeriegelt, gleichzeitig blieben die drei Westsektoren Berlins unangetastet. Bei der brutalen Niederschlagung der Aufstände in der DDR, der Tschechoslowakei oder auch in Ungarn hielt der Westen ebenfalls still.

Die Einflusssphären der Großmächte waren klar abgesteckt und wurden vom Gegner respektiert, der Frieden blieb gewahrt. Den Preis für diese imperialistische Politik zahlten allerdings damals all diejenigen, die nach Freiheit und Unabhängigkeit strebten.

Bisher schienen alle Kriege weit weg

Nach dem Zerfall der Sowjetunion und des Ostblocks schien es dann, als sei endgültig Ruhe eingekehrt. Was beim Auseinanderbrechen Jugoslawiens anschließend geschah, war zwar furchtbar, aber letztlich regional begrenzt. So empfanden es die meisten. Und das Blutvergießen in Armenien und Aserbaidschan oder der Einmarsch russischer Truppen in Georgien schienen weit weg, fast genauso weit wie beispielsweise die heute noch andauernden Konflikte in Syrien oder im Jemen, die im Grunde keine Bürger- sondern Stellvertreterkriege sind.

In Europa war nach 1990 eine neue Zeit angebrochen – hoffte man zumindest: Wirtschaftliche Verflechtungen und zunehmende Globalisierung würden schon verhindern, dass Staaten erneut aufeinander losgehen. Denn dabei würden schließlich alle verlieren.

Putin hat den Horror entfesselt

Doch genau das ist im Februar passiert. Ungeachtet der Tatsache, dass er sein Land damit in die komplette Isolierung und den wirtschaftlichen Ruin treibt, hat der russische Präsident Wladimir Putin seine Truppen in die Ukraine einmarschieren lassen. Selbst ein direkter Konflikt mit der Nato, der einen dritten Weltkrieg auslösen könnte, liegt wieder im Bereich des Möglichen.

Das ist es, was viele derzeit so entsetzt und beunruhigt. Was die Menschen in der Ukraine erleiden – den Tod geliebter Menschen, die Sorge um Familie und Freunde, den Verlust von Hab und Gut, die Heimat in Trümmern –, das ist jetzt nicht nur räumlich ganz nah. Eine solche Katastrophe könnte am Ende uns allen drohen, fürchten aktuellen Umfragen zufolge zwei Drittel der Deutschen. Das Gefühl der Sicherheit ist plötzlich weg. Und das führt bisweilen zu Panik und absurden Reaktionen. Wie zum Hamstern von Sonnenblumenöl und Klopapier.

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