Anschlag im Iran
Weltweite Sorge vor Eskalation
Nach dem Mord an dem iranischen Atomwissenschaftler Mohsen Fachrisadeh fordern Hardliner in Teheran blutige Rache an Israel. Eine Zeitung verlangte am Sonntag einen iranischen Angriff auf die israelische Hafenstadt Haifa. Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf, ein führender Konservativer und Ex-Offizier der Revolutionsgarde, sagte mit Blick auf Israel, ohne „starke Antwort“ werde der Feind seine Taten nicht bereuen.
Der iranische Präsident Hassan Ruhani hat den USA und Israel vorgeworfen, hinter der Ermordung Fachrisadehs zu stehen. In Teheran wie in US-Medien wird spekuliert, US-Präsident Donald Trump und der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wollten mit dem Anschlag eine Entspannung im amerikanisch-iranischen Verhältnis nach einem Machtwechsel im Weißen Haus erschweren. Beide reagierten darauf zunächst nicht. Einen klaren Beleg für die Täterschaft gibt es nicht.
Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu hatte den Wissenschaftler einst als Vater des iranischen Atomprogramms bezeichnet. Die USA verhängten im Jahr 2008 Sanktionen gegen Fachrisadeh wegen „Aktivitäten und Transaktionen, die zur Entwicklung des iranischen Atomprogramms beigetragen haben“.
Der 59-jährige Fachrisadeh, Leiter des 2003 eingestellten Atomwaffenprogramms des Iran, wurde am Freitagnachmittag in Absard, einem Ferienort der iranischen Elite rund 70 Kilometer östlich der Hauptstadt Teheran, von Unbekannten erschossen. Die Täter konnten fliehen.
Schwere Demütigung der Sicherheitsbehörden
Die „New York Times“ berichtete, ein US-Vertreter und zwei Geheimdienstmitarbeiter hätten erklärt, dass Israel hinter dem Attentat stehe. Es sei unklar, ob die US-Regierung vorher informiert gewesen sei, doch beide Staaten seien engste Verbündete. In US-Medien gab es Berichte, wonach ein US-Marineverband um den Flugzeugträger „Nimitz“ in den Persischen Golf verlegt worden sei, was mit dem Truppenteilabzug aus Afghanistan begründet wurde.
Der Mord an Fachrisadeh war die dritte schwere Demütigung der iranischen Sicherheitsbehörden in diesem Jahr. Im Januar töteten die USA den General Qassem Soleimani, Chef der Auslandstruppe der Revolutionsgarde, in Bagdad. Im Sommer explodierte ein stark gesichertes Atom-Forschungszentrum in Natanz bei Isfahan. Und nun starb Fachrisadeh, einer der bestgeschützten Männer des Landes. Er wurde so stark von der Öffentlichkeit abgeschirmt, dass es kaum Bilder von ihm gab. Trotzdem wussten die Attentäter genau, wann sein Wagen in Absard auftauchen würde. Ein mit Sprengstoff beladener Lastwagen explodierte, als das Auto mit Fachrisadeh vorbeifuhr. Anschließend eröffneten mindestens fünf bewaffnete Männer das Feuer, wie iranische Medien berichteten.
Die iranische Regierungspropaganda stellt Armee, Geheimdienste und die Revolutionsgarde als mächtige Institutionen dar, die den Feinden des Landes das Fürchten lehren. Fachrisadehs Tod ist deshalb auch ein schwerer Schlag für den iranischen Unterdrückungsapparat: Gegen regierungskritische Demonstranten im eigenen Land gehen die Sicherheitsbehörden mit großer Härte vor, doch sie können den wichtigsten Atomwissenschaftler nicht schützen. Das Regime nehme den Mund zu voll, sagt Alex Vatanka, Iran-Experte am Nahost-Zentrum in Washington. Der Anschlag von Absard zeige, dass kein iranischer Regimevertreter sicher sei, schrieb er auf Twitter.
Revolutionsführer Ali Chamenei, Präsident Hassan Ruhani und andere Spitzenpolitiker haben Vergeltung für Fachrisadehs Tod angekündigt. Extreme Aktionen wie der von der Zeitung „Kayhan“ geforderte Angriff auf Haifa dürfte es aber nicht geben, obwohl Israel in der Reichweite iranischer Raketen liegt. Teheran hofft auf einen Neuanfang und einen Abbau der amerikanischen Wirtschaftssanktionen nach Joe Bidens Amtsübernahme in den USA – ein Krieg mit Israel würde diese Chance zunichtemachen.
Auch Raketenangriffe auf die rund 40.000 amerikanischen Soldaten am Persischen Golf wären für den Iran schädlich, selbst wenn diese Angriffe von iranischen Verbündeten wie den jemenitischen Huthi-Rebellen kämen und nicht von Teheran selbst: Das Regime wird alles vermeiden wollen, was massive israelische oder amerikanische Militärschläge auslösen könnte. Das eigene Überleben habe für die Führung oberste Priorität, sagen Experten wie Vatanka.
Wahrscheinlicher sind Anschläge auf israelische Botschaften, auf Öltanker im Golf oder auf die Ölindustrie beim amerikanischen Partner Saudi-Arabien wie im vergangenen Jahr. Das jedenfalls befürchtet die Regierung in Riad offenbar: Einem Bericht der Nachrichten-Website „Middle East Eye“ zufolge äußerte der saudische Thronfolger Mohammed bin Salman bei einem Geheimtreffen mit Netanjahu am 22. November Bedenken gegen Gewaltaktionen im Iran.
Internationale Reaktionen sind verhalten
Zu erwarten ist, dass der Iran sein Atomprogramm und die Anreicherung von Uran ab sofort noch stärker vorantreiben wird. Gaszentrifugen für die Anreicherung dürften in bombensichere Bunker verlegt werden. Nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA hortet der Iran zweieinhalb Tonnen schwach angereichertes Uran – mehr als zehnmal so viel wie der internationale Atomvertrag von 2015 erlaubt. Teheran reagiert mit den Vertragsverletzungen auf den Ausstieg der USA aus dem Abkommen unter Trump, will sich aber wieder an die Regeln halten, wenn die USA unter Biden in den Vertrag zurückkehren. Auch nach dem Mord an Fachrisadeh ist die Hoffnung auf diesen Neuanfang die beste Option, die Teheran bleibt.
International war die Reaktion auf den Mordanschlag verhalten. Namentlich die Türkei kam der Aufforderung des Iran nach, die Bluttat zu verurteilen. Das Außenministerium in Ankara sprach von einem „abscheulichen Mord“; man hoffe, dass die Täter zur Rechenschaft gezogen würden, und appelliere an alle, jede Eskalation zu vermeiden. UN-Generalsekretär António Guterres und das Bundesaußenministerium beließen es bei einer Mahnung zur Zurückhaltung.
In der Nacht zum Sonntag wurde der Leichnam Fachrisadehs zum Mausoleum des schiitischen Imams Reza in die heilige Stadt Maschhad gebracht. In einer religiösen Zeremonie wurde sein Sarg um den Schrein getragen – ein Tribut, den sich der Iran für seine bedeutendsten „Märtyrer“ vorbehält.