Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Weltweit Opfer über den Ukraine-Krieg hinaus

Ein unterernährtes Kind im Jemen wird von seiner Mutter gehalten.
Ein unterernährtes Kind im Jemen wird von seiner Mutter gehalten.

Putins Feldzug gegen die Ukraine löst noch ganz andere Probleme aus. Weltweit drohen wegen fehlender Ernten und hoher Preise Menschen zu verhungern. Dieser Militärgang ist ein Verbrechen.

Falls Wladimir Putin irgendwann vor dem Haager Gerichtshof enden sollte, würden vielleicht seine Kriegsverbrechen gesühnt – nicht aber die unter Umständen Millionen Opfer in aller Welt, die sein Ukraine-Feldzug darüber hinaus noch verursachen könnte. Nach Angaben der Vereinten Nationen droht der seit zweieinhalb Wochen tobende Krieg weitere 120 Millionen Menschen in den Hunger zu stürzen – über die 880 Millionen Menschen in ärmeren Staaten hinaus, die schon heute auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sind.

Russland und die Ukraine gelten als Europas Kornkammer, aus der fast ein Drittel aller Weizenexporte und 80 Prozent des weltweit gehandelten Sonnenblumenöls stammen. Von den beiden Ländern bezieht das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) die Hälfte seiner Nahrungsmittel, die es unter Bedürftigen in aller Welt verteilt. Nun jedoch hat der Krieg in der Ukraine die Weizenpreise an den internationalen Spotmärkten bereits um 50 Prozent in die Höhe getrieben. Wenn die ukrainischen Farmer, wie zu erwarten ist, in diesem Monat nicht zur Aussaat kommen, also im Sommer keine Ernte einzufahren ist, werden die Preise in schwindelerregende Höhen schießen.

Brennpunkt Ostafrika

Dabei hatte zuvor bereits die Corona-Pandemie in Afrika für Chaos gesorgt. Im Osten des Schwarzen Kontinents führten außerdem Dürren zu Missernten, und in der äthiopischen Tigray-Provinz löste ein Bürgerkrieg eine zusätzliche Hungersnot aus. Allein in Ostafrika sollen derzeit fast 23 Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sein – und das WFP weiß nicht, wo es das Geld hernehmen soll, um der Not zu begegnen.

Die traditionellen Gebernationen gehen gleichzeitig eher knausrig mit dem Geld um: Erst wegen Covid, jetzt, weil wieder mehr Geld in Rüstungsprojekte fließt. Im Jemen musste das WFP bereits Millionen bedürftigen Menschen die Rationen halbieren, weil partout nicht genügend Geld aufzutreiben war. Die Hilfe müsse den Hungernden teilweise weggenommen werden, um sie den Verhungernden geben zu können, brachte es ein Verantwortlicher auf den Punkt.

Arabischer Winter

Von der akuten Nahrungsmittelkrise sind nicht nur die Ärmsten der Armen betroffen. In Ägypten beispielsweise, das mehr als 80 Prozent seiner Weizenimporte aus der europäischen Kornkammer bezog, leidet auch der Mittelstand finanziell angesichts der hohen Preise für das traditionelle Fladenbrot. Dieses dient auch in anderen nordafrikanischen Staaten wie Marokko, Tunesien oder dem Sudan als Grundnahrungsmittel. Schon vor gut zehn Jahren hatten steigende Weizenpreise – sie waren damals auf die Brände in Russland zurückzuführen – zu den Unruhen des Arabischen Frühlings geführt. Jetzt könnte Putins Ukraine-Krieg den Arabischen Winter auslösen.

Auch im Nahen und Mittleren Osten, in Afghanistan und in Südasien, unter den Flüchtlingen aus Myanmar oder den Armen in Haiti sind katastrophale Folgen zu erwarten. Putins Krieg ist womöglich noch kein Weltkrieg. Aber ein Krieg, der die gesamte Welt in Mitleidenschaft ziehen und Millionen von Menschen in den Tod stürzen könnte, ist er schon. Dieser Krieg ist ein Verbrechen gegen die Menschheit und die Menschlichkeit.

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