USA
Was Autobahnen mit George Floyds Tod zu tun haben
In Tremé, dem in New Orleans gelegenen ältesten schwarzen Viertel Amerikas, stand einst die Wiege des Jazz. Und es könnte nun unter US-Präsident Joe Biden zum Testfall für eine neue Politik gegen Rassismus werden. Eine Autobahn, die auf Stelzen quer durch Tremé verläuft, soll zurückgebaut werden: der Claiborne Expressway. Er gilt als Symbol strukturellen Rassismus.
Um zu signalisieren, wie ernst er die Benachteiligung afro-amerikanische Bürger nimmt, wollte sich Biden am Dienstag mit der Familie von George Floyd treffen, jenes Mannes, dessen Tod durch Polizeigewalt vor einem Jahr landesweite und monatelange Proteste der Black Lives Matter-Bewegung auslöste. Aber Biden, der seine Wahl ins Weiße Haus auch einer sehr starken Unterstützung durch schwarze Wähler verdankt, will eben mehr als Symbolpolitik. Sein bis zu 2,3 Billionen Dollar schweres Infrastrukturpaket zur Bekämpfung der wirtschaftlichen Folge der Corona-Pandemie soll an Orten wie Tremé die Dinge an der Wurzel verändern.
Betonschneisen, wo die Armen wohnen
Ben Crowther, Experte für Stadtplanung beim Congress for New Urbanism, einer Initiative, die sich für fußgängerfreundlichere städtische Zentren einsetzt, freut sich darüber. Ein Umdenken beginne! Um aber zu verstehen, was Amerikas Autobahnen mit Diskriminierung zu tun haben, muss man mit Dwight Eisenhower beginnen, dem Präsidenten der 1950er Jahre, unter dem das Land mit einem dichten Netz sogenannter Interstates überzogen wurde. „Freie Fahrt für das Auto!“, lautete die Devise. Das ging oft auf Kosten gewachsener Stadtstrukturen.
In Detroit, in Baltimore, in New Orleans, im kalifornischen Oakland, in Syracuse, New York, und Richmond, Virginia, überall wurden dafür Schneisen durch Wohngegenden geschlagen, in denen vor allem schwarze Amerikaner lebten. In Tremé traf es die Claiborne Avenue, eine Allee, die mit kleinen Läden, Restaurants und dem Fluidum einer Flaniermeile das Herz afroamerikanischen Geschäftslebens in New Orleans bildete. 500 alte Eichen auf dem Mittelstreifen mussten Platz für Betonpfeiler machen. 1968 fertiggestellt, wirkte die Autobahn I-10, von den Anwohnern auch „das Monster“ genannt, wie eine Barriere, die Tremé in zwei Teile teilte.
Nicht jeder bekommt einen Hauskredit
Dass Betonschneisen gerade durch traditionell afroamerikanische Viertel geschlagen wurden, war kein Zufall. Ein anderes Staatsprogramm hatte dazu beigetragen: Franklin Delano Roosevelts New Deal. Um Wohneigentum zu fördern, ließ Roosevelt 1934 die Federal Housing Authority (FHA) gründen, eine Behörde, die zinsgünstige Kredite garantierte. Jedoch geschah das zuungunsten schwarzer Amerikaner. Grund war die Praxis des „Redlining“: Stadtteile, in denen sich Minderheiten konzentrierten, wurden auf den Landkarten der FHA mit roten Linien markiert oder rot schraffiert und damit von vornherein als problematisch gekennzeichnet. In der Folge fand sich oft keine Bank, die Hauskäufern mit dunkler Haut Geld geliehen hätte. Einmal gebrandmarkt, war ein Viertel der Stagnation preisgegeben. Als es an den Autobahnbau ging, waren es häufig die rot schraffierten Gebiete, wo Land eben billig war und die Abrissbagger anrückten. So wie an der Claiborne Avenue in New Orleans.