Fragen und Antworten RHEINPFALZ Plus Artikel Warum der Streit um Jerusalem so eskaliert ist

Ein Moment der Ruhe in diesen aufgeheizten und gewaltvollen Tagen: Zum Ende des Fastenmonats Ramadan, dem Fest Eid al-Fitr, besu
Ein Moment der Ruhe in diesen aufgeheizten und gewaltvollen Tagen: Zum Ende des Fastenmonats Ramadan, dem Fest Eid al-Fitr, besuchen am Donnerstag diese muslimischen Frauen den Felsendom in Jerusalem.

Die für Juden, Muslime und Christen heilige Stadt ist der Ausgangspunkt der aktuellen Gewaltexplosion in und um Israel. Die radikalislamische Hamas will sich dabei als führende Kraft der Palästinenser profilieren.

Warum jetzt dieser Gewaltausbruch im Heiligen Land?
Der unmittelbare Grund sind die jüngsten Auseinandersetzungen in Jerusalem. Ein Streit um Immobilienbesitz in der Othman Ben Afan Straße im arabisch geprägten Viertel Sheikh Jarrah hat sich immer weiter hochgeschaukelt. Dort betreiben rechtsnationale Juden die Zwangsräumung arabischer Familien, die seit Jahrzehnten dort wohnen. Der Vorgang, der auch vor Gericht ausgetragen wird, steht symbolisch für einen ungelösten Konflikt, der seit 1967 immer wieder aufflammt: Damals eroberte Israel den jordanisch verwalteten östlichen Teil Jerusalems, 1980 annektierte Israel diese Gebiete.

Israel kontrolliert also ganz Jerusalem, wem gehört es aber?
International bleibt das umstritten, Deutschland zum Beispiel hat die Grenzen von 1967 nie anerkannt. Allerdings hat sich die US-Regierung von Donald Trump im Dezember 2017 die offizielle israelische Position zu eigen gemacht: dass ganz Jerusalem die unteilbare Hauptstadt Israels sei.

Internationale Friedenspläne seit 1948, als Israel gegen den Willen der arabischen Nachbarn gegründet wurde, sehen die Teilung der Stadt als Kompromiss vor. Der Osten soll dabei Hauptstadt eines Palästinenserstaats werden.

Die Juden, die Besitz in der Othman Ben Afan Straße einfordern, sehen sich aber im Recht, warum?
Das geht auf ein israelisches Gesetz auf dem Jahr 1970 zurück. Es gibt Juden das Recht, Vermögen in Ostjerusalem, das diese 1948 verloren haben, zurückzuerhalten. Dazu gehören auch die Häuser der vier von Zwangsräumung bedrohten arabischen Familien in Sheikh Jarrah. Die jordanische Regierung, die nach 1948 verlassene jüdische Grundstücke verwaltete, überließ diese 1956 palästinensischen Flüchtlingen.

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Gewalt gab es in Jerusalem zuletzt aber auch am Damaskustor in der Altstadt und am Tempelberg, den die Muslime Al-Haram asch-Scharif nennen. Was hat es damit auf sich?
Der soeben zu Ende gegangene islamische Fastenmonat ist eine Zeit, in der besonders viele Muslime nach Jerusalem zum Beten kommen. Auf dem Tempelberg sind der Felsendom und die Al-Aksa-Moschee. Vom Felsendom aus soll der Prophet Mohammed in den Himmel aufgefahren sein; das macht den Ort zum drittheiligsten der sunnitischen Muslime – nach Mekka und Medina in Saudi-Arabien.

Zudem verbringen viele jugendliche Palästinenser gerne ihre Zeit nach dem Fastenbrechen um das Damaskustor. Die israelische Polizei hat dort aber immer wieder Ansammlungen unterbunden: wegen der Corona-Pandemie, aber auch weil befürchtet werden musste, dass es zu Gewalt kommt. Die Stimmung angeheizt haben Internet-Videos, auf denen Konfrontationen zwischen arabischen Jugendlichen und nationalreligiösen Juden zu sehen sind. Auch haben radikale Juden wiederholt auf dem eigentlich nur Muslimen vorbehaltenen Teil des Tempelbergs gebetet.

Wer hat eigentlich bei den Palästinensern das Sagen?
Seit 2005 ist Mahmud Abbas Präsident der Palästinenser. Er hat aber nur über Teile des Westjordanlandes Kontrolle. Im Gazastreifen herrscht seit 2007 die radikalislamische Hamas. Abbas, der mit Israel zusammenarbeitet, ist bereits 85 Jahre alt und gilt als korrupt. Seine Fatah-Partei ist zerstritten. Weil er befürchten musste, dass er verliert, hat Abbas die für Ende Mai und Juli geplanten Neuwahlen abgesagt. Es wären die ersten seit 2006. Abbas bleibt der offizielle Ansprechpartner der internationalen Gemeinschaft, während die Hamas als Terrorgruppe gilt. Sie ist aber bei vielen Palästinensern populär, weil sie keinen Frieden mit Israel will.

Die Hamas und andere islamistische Gruppen wie Islamischer Dschihad schießen seit Tagen Raketen auf Israel. Was bezwecken sie damit?
Sie versuchen, sich als die stärksten Vertreter der Palästinenser zu profilieren. Ihnen ist klar, dass sie keine Chance haben, Israels Armee zu schlagen. Aber mit ihren Raketen gelingt es ihnen, Israels Bevölkerung zu terrorisieren. Zudem setzen sie darauf, dass sich Araber in Israel – 20 Prozent der Bevölkerung dort – sowie Palästinenser im Westjordanland vor Wut erheben und es zum Flächenbrand kommt. Angesichts der Mobs in Orten wie Lod scheint ihnen das ein Stück weit zu gelingen. Die Sorge ist, dass wie 1987 und 2000 ein längerer Aufstand der Palästinenser passiert. Dies wird als Intifada bezeichnet.

Woher hat die Hamas diese Raketen?
Sie setzt sie aus Teilen zusammen, die über Tunnel aus Ägypten geschmuggelt werden. Zudem erhält die Hamas Millionensummen und andere Hilfe von Katar, der Türkei und dem Iran.

Über 1000 Raketen sind auf Israel abgefeuert worden. Warum gibt es nicht mehr Schaden und mehr Tote?
Die Raketen der Hamas sind zwar immer professioneller geworden. Aber sie sind nicht zielgenau. Außerdem hat Israel mit US-Hilfe eine Raketenabwehr mit dem Namen Eisendom aufgebaut. Es ist in der Lage, etwa neun von zehn Raketen abzufangen.

Auch Israels Armee wird vorgeworfen, rücksichtslos zivile Opfer in Kauf zu nehmen. Was ist da dran?
Das stimmt so nicht. Der Inlandsgeheimdienst Shin Beth ist im Bilde, wo genau Hamas-Stellungen sind. Diese werden gezielt angegriffen. Zivile Opfer entstehen dennoch, weil die Hamas aus zivilen Gebäuden, sogar aus Krankenhäusern heraus operiert und Israel diese trotzdem angreift. Aber Israels Armee versucht, Opfer zu vermeiden. Wiederholt wurden Zivilisten telefonisch gewarnt, damit sie ein Zielobjekt verlassen können.

Droht nun ein Krieg wie 2014 oder 2008/9, bei dem Israel auch in den Gazastreifen einmarschiert?
Das ist nicht auszuschließen. Vermittlungsversuche, vor allem über Ägypten, laufen. Aber die Hamas wie Israel geben sich entschlossen, die Gewalt des jeweils anderen mit noch mehr Gewalt zu beantworten.

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