Interview
Vergewaltigung im Krieg: Körper von Frauen als Schlachtfeld
Frau Tonk, aus der Ukraine mehren sich die Berichte, dass sexualisierte Gewalt als Kriegswaffe eingesetzt wird. Welche Motive stecken dahinter?
Da kommen mehrere zusammen. Vergewaltigungen als Kriegswaffe dienen dazu, das soziale Gefüge einer Gesellschaft nachhaltig zu zerstören, indem man große Teile einer Bevölkerung traumatisiert. Nicht umsonst spricht man beim Einsatz von sexualisierter Gewalt im Krieg davon: Das Leid ist nicht vorbei, wenn der Krieg vorbei ist. Sie hat weitreichende Folgen: Betroffene werden demoralisiert, der Kampfgeist soll untergraben werden. Damit geht eine Machtdemonstration einher – zu zeigen, dass der Gegner seine Frauen nicht beschützen konnte, dass sie schutzlos ausgeliefert waren. So sollen einzelne Personen und die Gesellschaft beschämt werden. Sexualisierte Gewalt als Symbol der Erniedrigung.
Was bedeutet das für die Betroffenen?
Ganz unmittelbar bedeutet das, dass die Betroffenen schwere körperliche und seelische Verletzungen davontragen. Sie sind traumatisiert. Das wirkt nach. Die Betroffenen werden stigmatisiert, diskreditiert, das kann so weit gehen, dass sie von der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Vergewaltigung als Kriegswaffe hat langfristige psychische und physische Folgen für die Frauen und diejenigen, die gezwungen werden dabei zuzusehen: wenn Mütter vor ihren Kindern vergewaltigt werden, wenn Frauen vor anderen Familienmitgliedern vergewaltigt werden. Der Körper von betroffenen Frauen wird zu einem Schlachtfeld.
Ruanda, Syrien, Irak, Bosnien, Kongo, jetzt die Ukraine – in allen Kriegen und Konflikten gibt es Vergewaltigungen durch Soldaten oder Rebellen. Kann man davon ausgehen, dass dies von oben angeordnet wird?
Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Aber was man sagen kann: Sexualisierte Gewalt durch Soldaten oder Rebellen wird oftmals eher geduldet als angeordnet. Sie wird nicht verurteilt, gestoppt oder unterbunden. Aber es gibt auch Kriege, in denen Vergewaltigungen systematisch als Kriegswaffe eingesetzt wurden.
Beispiel?
Zum Beispiel im Bosnien-Krieg. Dort hat man ganz gezielt systematische Massenvergewaltigungen eingesetzt, und zwar um die muslimische Bevölkerung aus bestimmten Gebieten zu vertreiben.
Wie sieht es in der Ukraine aus?
Im Fall der Ukraine hat das EU-Parlament kürzlich eine Resolution herausgegeben und darin deutlich die Vergewaltigungen als Kriegstaktik verurteilt.
Begünstigen Kriege spezielle Formen der sexualisierten Gewalt?
Es werden unterschiedliche Formen sexualisierter Gewalt angewandt. Massenvergewaltigungen, sexuelle Verstümmelung, sexuelle Sklaverei. Sexualisierte Gewalt, geschlechtsspezifische Gewalt an Frauen ist auch ohne Krieg weltweit verbreitet. Auch hier in Deutschland, wo wir es unter anderem mit hohen Zahlen häuslicher Gewalt zu tun haben. Das heißt: Gewalt, die wir tagtäglich erleben, gibt es auch im Krieg im größeren Ausmaße.
Seit 2008 wird Vergewaltigung in Kriegen von den Vereinten Nationen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit und als Waffe anerkannt. Geändert hat sich dadurch wenig. Oder?
Ich glaube, dass sich in den letzten Jahrzehnten zu dem Thema etwas verändert hat. Der erste und wichtigste Schritt war, dass das Schweigen über diese Verbrechen gebrochen wurde. Vergewaltigung als Kriegswaffe war auch schon vor dem Bosnien-Krieg eingesetzt worden. Doch es wurde nicht darüber geredet oder abgetan. Nach dem Bosnien-Krieg haben die ersten Frauen berichtet, was ihnen angetan wurde, so dass es auch zur Verurteilung von Tätern gekommen ist.
Wie aber kann sexualisierte Gewalt als Kriegsmittel überhaupt dokumentiert werden? Der Nachweis ist ja rechtlich meistens schwierig.
Deswegen ist es so wichtig, dass die Betroffenen von ihren schlimmen Erfahrungen und ihrem Leid berichten und sie unterstützt werden. Das heißt: Man muss aktiv hinschauen. Und es muss eine Strafverfolgung der Täter geben.
Was muss zum Schutz der Frauen passieren?
Der Schutz fängt lange vor einem Krieg an mit Ursachenbekämpfung – von Konflikten generell und von geschlechtsspezifischer Gewalt. Daran arbeitet Terre des Femmes. Aber wir dürfen nicht außer Acht lassen, dass das Thema noch nicht lange einen Stellenwert in der Gesellschaft hat. Beispiel: In Deutschland ist Vergewaltigung in der Ehe erst seit Juli 1997 strafbar. Erst seit 2016 gilt das Sexualstrafrecht mit dem Grundsatz „Nein heißt Nein“. Für die Strafbarkeit eines Übergriffes kommt es nicht mehr darauf an, ob mit Gewalt gedroht oder diese angewendet wurde. Entscheidend ist: Das Opfer hat die sexuelle Handlung nicht gewollt. Das zeigt, es ist ein langer Weg. Generell geht es darum, Gleichberechtigung in der Gesellschaft umzusetzen.
Zur Person
Sina Tonk leitet bei Terre des Femmes die Referate weibliche Genitalverstümmelung, Gewalt im Namen der Ehre sowie häusliche und sexualisierte Gewalt. Sie ist Ansprechpartnerin für sexuelle Rechte. Terre des Femmes ist eine gemeinnützige Menschenrechtsorganisation mit Sitz in Berlin, die sich seit 1981 für ein selbstbestimmtes, gleichberechtigtes und freies Leben für Mädchen und Frauen einsetzt.