Kommentar RHEINPFALZ Plus Artikel USA, die zerrissene Nation

Joe Biden hat bewiesen, dass er Brücken zwischen verschiedenen Gruppen bauen kann.
Joe Biden hat bewiesen, dass er Brücken zwischen verschiedenen Gruppen bauen kann.

Die USA bleiben tief gespalten, das zeigen auch die bisher vorliegenden Ergebnisse der Präsidentschaftswahl.

Kompromiss und Kooperation: Worte, die Joe Biden oft benutzt. Schon im Wahlkampf hat er das Versprechen gegeben, eine zerrissene Nation einen zu wollen. Das ist auch der Tenor, der seit der Wahl am Dienstag jedes seiner knappen Statements bestimmt.

In seinem Fall ist es wohl mehr als ein frommer Wunsch. Man kann ihm abnehmen, dass er es ernst meint. Der Ex-Senator Biden, der 36 Jahre in der kleineren, feineren der beiden Kongresskammern saß, versteht etwas von der Suche nach Mittelwegen. Biden war der Mann, der verhärtete Fronten aufzulockern hatte. Die Vorgeschichte erklärt, warum ihm der eine oder andere Wähler der Mitte am ehesten zutraut, hier und da eine Brücke über politische Schluchten zu bauen – immer vorausgesetzt, er wird tatsächlich Präsident.

Auch Trump hat seine Anhänger mobilisiert

Allerdings ändert die – angesichts vorangegangener Enttäuschungen eher leise geäußerte – Erwartungshaltung nichts an der nüchternen Realität. Auch ein knapper Sieg Bidens würden nichts ändern an dem Riss, der quer durch die Vereinigten Staaten geht. Die blaue Welle, auf die die Demokraten, nach ihrer Parteifarbe die Blauen, gehofft hatten, ist nicht durch Amerika gerollt. Amtsinhaber Donald Trump hat mindestens 68 Millionen Stimmen erhalten, fünf Millionen mehr als 2016. Die hohe Beteiligung, ein Rekord in der jüngeren Geschichte der USA, ist nicht allein darauf zurückzuführen, dass Alarmierte, die mit Trump die Zukunft der amerikanischen Demokratie gefährdet sahen, keine weitere vier Jahre mit einem Möchtegern-Monarchen im Weißen Haus riskieren wollten. Auch der Amtsinhaber hat seine Anhänger mobilisiert.

Fast die Hälfte der Wähler hat in Kauf genommen, dass Trump praktisch täglich die Wahrheit verbog, dass er Regeln brach und bei seinen Attacken, gegen wen auch immer, keinerlei Hemmschwelle kannte. Trumps Beliebtheitswerte haben die Marke von 50 Prozent zu keiner Zeit überschritten, was sich so von keinem anderen Präsidenten der jüngeren US-Geschichte sagen lässt. Nicht ein einziges Mal während seiner Zeit im Oval Office war eine Mehrheit seiner Landsleute einverstanden mit seiner Amtsführung. Nur: Die andere Hälfte der Amerikaner, die in ihm den furchtlosen, kantigen, politisch nicht korrekten Rebellen im Kampf gegen eine bequem gewordene Elite sah, hat ihm die Treue gehalten.

Die Angst vor dem Abgehängt-Werden

Die soziale Ungleichheit, die Angst vor dem Abgehängt-Werden, hat eine große Gruppe weißer Amerikaner ohne College-Abschluss bewogen, ihn wie einen Retter zu bejubeln. Einst Stammwähler der Demokraten, sind sie zu einem Populisten übergelaufen, der nationalistische Lösungen für die Probleme der Globalisierung verspricht. In Menschen anderer Hautfarbe, in Großstädtern, die auf ein Gewehr im Schrank gut verzichten können und lieber Wein als Bier trinken, in Leuten, die sonntags nicht in die Kirche gehen, sehen viele von ihnen die Gegenseite, von der sie allein schon kulturell ein breiter Graben trennt.

Das alles verschafft Trump eine Machtbasis, derer er sich auch in Zukunft bedienen kann. Bei Twitter kommt er auf 88 Millionen Follower. Vertraute erzählen im Sender „Fox News“ von Gedankenspielen, nach denen er womöglich einen eigenen Fernsehsender gründet. Der Mann verfüge über eine riesige Anhängerschaft, räumt auch der Ex-Senator Jeff Flake ein, in den Reihen der Republikaner einer der wenigen, die es wagten, sich offen gegen ihn zu stellen. „Und es sieht nicht danach aus, als ob er die Bühne so bald verlässt“.

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