Politik RHEINPFALZ Plus Artikel US-Präsidentschaftswahlkampf: Plötzlich ist Elizabeth Warren Favoritin bei den Demokraten

70 Jahre – und kein bißchen leise: Elizabeth Warren.
70 Jahre – und kein bißchen leise: Elizabeth Warren. Foto: fry

Die Ukraine-Affäre ist zur Belastung für Ex-Vize-Präsident Joe Biden geworden. Seine Konkurrentin bei den US-Demokraten, Senatorin Elizabeth Warren, hat in Umfragen aufgeholt. In der Nacht zu Mittwoch treffen die beiden im Fernsehen aufeinander.

Es ist so heiß, dass die Leute Regenschirme aufspannen, um sich vor der Sonne zu schützen. Frühherbst in South Carolina, doch die Hitze drückt wie im Hochsommer. Elizabeth Warren scheint das nichts auszumachen. Sie federt förmlich die Treppe zur Bühne hinauf, sie wirkt so fit, dass man nicht glauben kann, dass sie 70 Jahre alt ist. Dann folgt sie dem ungeschriebenen Gesetz amerikanischer Wahlkämpfe, nach dem man, um einen Draht zu den Wählern zu finden, gute Geschichten erzählen muss.

Warren erzählt also aus ihrem Leben. Von ihrem Vater, der mal Zäune, mal Teppiche verkaufte und obendrein Hausmeister war, bevor er eine Herzattacke erlitt und nicht mehr arbeiten konnte. Von der Mutter, die sich dahin immer nur um ihre vier Kinder gekümmert hatte, nun aber, im Alter von 50 Jahren, Geld verdienen musste, um das Eigenheim in Oklahoma City vor der Zwangsversteigerung zu bewahren. Pauline Herring zog sich ihr bestes Kleid an, ging zum Personalgespräch bei der Kaufhauskette Sears, bekam einen Job und den staatlich garantierten Mindestlohn.

Starker sozialer Kontrast

Mit dem Lohn, sagt ihre Tochter Elizabeth Warren, konnte die Mutter damals ihr Haus retten. Heute dagegen reiche ein Vollzeitjob zum staatlich garantierten Mindestlohn nicht einmal aus, um einer Mutter mit Kind die Armut zu ersparen. „Das ist falsch, und deshalb mache ich mit bei diesem Rennen.“

Der Kontrast zwischen damals und heute, sagt Warren, lasse sich auf Anhieb erklären, wenn man nur darüber nachdenke, für wen die Regierung arbeite. Für Großunternehmen oder die kleinen Leute? Sie, Elizabeth Warren, sei angetreten, um endlich zu korrigieren, was seit den 80er Jahren schieflaufe. „Seid ihr bereit für einen großen Strukturwandel?“ – „Are you ready for big structural change?“, diese Frage darf auf keiner ihrer Kundgebungen fehlen. So sperrig diese Frage klingen mag, sie ist zu Warrens Markenzeichen geworden. So wie einst das „Yes, we can“ bei Barack Obama. Oder das „Make America great again“ bei Donald Trump.

„Strukturwandel“ passt zum Image einer Politikerin, von der es heißt, dass sie Sentimentales ebenso wenig möge wie diffuse Rhetorik. Das nun zu beobachtende Phänomen ist: Die ehemalige Harvard-Professorin Elizabeth Warren löst, wo immer sie auftritt, einen enormen Ansturm aus. Sie, eine Senatorin aus Massachusetts, dem Neuenglandstaat, bei dem man in der Mitte des Landes schnell an ein von oben belehrendes Mitglied der Bildungs- und Politikelite denkt, scheint einen Nerv zu treffen. Auch in Rock Hill, South Carolina.

Einen Monat vor ihre redete dort Joe Biden, parteiintern ihr großer Rivale. Die Besucher seiner Rede am Clinton College passten in die Basketballhalle. Im Falle Warrens dagegen erweist sich die klimagekühlte Halle als viel zu klein.

Kritik bisher verkniffen

Bisher hat sich Warren jede Kritik an Biden im Zuge der „Ukraine-Skandals“ verkniffen – was im Moment für die Demokraten zählt, ist die Solidarität gegen Trump. Doch da ihr zweiter großer Rivale, der linke Senator Bernie Sanders, nach einem Herzinfarkt kürzertreten muss, findet sie sich auf einmal in der Favoritenrolle bei den US-Demokraten wieder.

Während sich Sanders als demokratischer Sozialist definiert, versteht sich Warren als Anhängerin des Kapitalismus. Sie betont aber zugleich die Notwendigkeit gründlicher Reformen. Bis 1996 war sie Republikanerin. Damals wurde sie in eine Expertenkommission berufen, die im Auftrag des Weißen Hauses Vorschläge für eine Reform des Insolvenzrechts machen sollte. Während sie dafür plädierte, Privatpersonen nach einer Pleite stärker entgegenzukommen, wollten die konservativen Mitglieder des Kreises nichts davon wissen. Als die Kommission ihre Arbeit beendete, war Warren ins Lager der Demokraten gewechselt.

Zuvor hatte sie ausdauernd in Gerichtssälen gesessen, in denen Bankrottfälle verhandelt wurden. Wenn jemand in die Zahlungsunfähigkeit rutschte, lernte die Juristin dabei, dann meistens nicht, weil er mit Geld nicht umgehen konnte. Meist waren es der Verlust eines Arbeitsplatzes, eine Scheidung, ein schwerer Autounfall oder eine Krankheit, deren Behandlungen sämtliche Ersparnisse auffraß, die zur Insolvenz führten. Nicht die Leute seien also schuld, schlussfolgerte Warren. Schuld sei ein Fehler im System.

Sehr reiche Amerikaner zur Kasse bitten

Eine Präsidentin Warren, erklärt sie in Rock Hill, würde die Drehtür schließen, durch die Wall-Street-Bankiers in die Politik wechseln oder Politiker zu den Wall-Street-Banken. Sie würde Monopole zerschlagen, wirtschaftliche Giganten wie Amazon, Google oder Facebook zurechtstutzen. Schließlich würde sie die reichsten Amerikaner mit einer Vermögenssteuer zur Kasse bitten, damit gebührenfreie Hochschulen, kostenlose Kindergärten und eine Rentenerhöhung um monatlich 200 Dollar finanziert werden können.

Ob aber am Ende die Abgaben nicht auch für Normalverdiener steigen müssten? Auch skeptische Parteifreunde stellen solche Fragen. „Noch mal zum Mitschreiben“, sagt Elizabeth Warren, wer 50 Millionen Dollar besitze, für den ändere sich nichts. Erst ab dem ersten Dollar jenseits der 50-Millionen-Marke werde es teurer.

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