Sprachkritik
Unwort des Jahres: Das neue „Ausländer raus!“
Das Wort hat eine rasante Karriere hingelegt. Bis vor kurzem war „Remigration“ vielen sicherlich nicht geläufig. Seit voriger Woche ist es nun in aller Munde, stand plötzlich im Zentrum einer Enthüllung über ein dubioses Treffen in Potsdam. Dort hantierte ein bekannter Rechtsextremer mit dem Begriff. Jetzt ist er zum „Unwort des Jahres“ gewählt worden – nach „Klimaterroristen“ im Vorjahr.
Das ist einerseits überraschend, weil „Remigration“ keineswegs 2023 in den politischen Debatten omnipräsent war. Die auf den folgenden Plätzen gelandeten Begriffe „Sozialklimbim“ im Zusammenhang mit der Diskussion um die Kindergrundsicherung oder „Heizungs-Stasi“ als Stimmungsmache gegen das Gebäudeenergiegesetz hat man noch eher im Ohr.
„Remigration“ passt aber auf jeden Fall ins Raster der Jury. Die besteht aus vier Sprachwissenschaftlern und einer Journalistin, im jährlichen Wechsel ergänzt durch ein „weiteres sprachinteressiertes Mitglied aus dem Bereich des öffentlichen Kultur- und Medienbetriebes“, wie es heißt. Dieses Mal war das der frühere CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz. 710 verschiedene Ausdrücke aus insgesamt 2301 Einsendungen waren auf ihrem Tisch gelandet. Kriterium für ein Unwort ist, dass Formulierungen „gegen sachliche Angemessenheit oder Humanität verstoßen“.
„Beschänigende Tarnvokabel“
„Wir legen den Finger in die Wunde, wenn Sprache strategisch missbraucht wird“, sagte Jury-Sprecherin Constanze Spieß. Dafür ist „Remigration“ zweifellos ein gutes Beispiel. Was in der Wissenschaft neutral die vor allem freiwillige Rückkehr von Migranten in ihr Herkunftsland bedeutet, ist für Rechte ein Kampfbegriff, der schon seit einigen Jahren kursiert. Er meint, harmlos verpackt, nichts anderes als „Ausländer raus!“ Wer nicht den Vorstellungen vom Volk entspricht, soll aus dem Land gedrängt werden.
Das Wort werde „bewusst ideologisch vereinnahmt und so umgedeutet, dass eine – politisch geforderte – menschenunwürdige Abschiebe- und Deportationspraxis verschleiert wird“, schreibt die ehrenamtliche und politisch unabhängige Jury zur ihrer Auswahl der „beschönigenden Tarnvokabel“.
Ist es nun eine gute Entscheidung, die Scheinwerfer auf dieses Wort zu richten und ihm so mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen? Entsprechende Kreise feierten das bereits in den sozialen Medien. Doch die Jury dürfte das bewusst in Kauf genommen haben, um zu demonstrieren, wie Rechte eine Deutungshoheit über den öffentlichen Diskurs anstreben. Denn zuerst werden die Begriffe normalisiert, dann die dahinterstehenden Konzepte.
In Zeiten, da gerade in der Migrationspolitik ein immer härterer Ton angeschlagen wird, könnte Sprachkritik also kaum aktueller und relevanter sein.