Fragen und Antworten RHEINPFALZ Plus Artikel Ukraine-Krieg: „Entnazifizierung“ auf Russisch

Junge Juden gedenken den Opfern des Massakers von Babyn Jar am Stadtrand von Kiew (Foto von 2016). Der russischen Regierung zufo
Junge Juden gedenken den Opfern des Massakers von Babyn Jar am Stadtrand von Kiew (Foto von 2016). Der russischen Regierung zufolge befindet sich die Ukraine in der Hand von »Nazis«, obwohl der aktuelle Präsident in Kiew Jude ist und im Holocaust Teile seiner Familie verlor.

Es ist an Absurdität kaum zu überbieten, dass die russische Propaganda den Angriffskrieg gegen die Ukraine und ihren jüdischen Präsidenten als „Entnazifizierungsaktion“ rechtfertigt. Und Teile der Bevölkerung das auch noch glauben. Wie ist das möglich?

Was verstehen Russen unter „Entnazifizierung“?
Für die Sowjetunion und das heutige Russland sind der „Große Vaterländische Krieg“, also der Zweite Weltkrieg, sowie der Sieg über Nazi-Deutschland mit die wichtigsten Quellen des Nationalstolzes und der nationalen Identität. Der Beitrag der Westmächte am Bezwingen Nazi-Deutschlands wurde in der sowjetischen Geschichtsschreibung meist ausgeblendet oder als gering erachtet. Im Vordergrund standen immer die unbestreitbar großen Opfer des russischen Volkes im Kampf gegen die Wehrmacht. Auch Kreml-Chef Putin bedient sich dieses Narrativs. Allerdings unterschlägt er, dass die Menschen, die sich auf Seiten der Sowjets Nazi-Deutschland entgegenstellten, nicht nur Russen waren. Unter ihnen waren unter anderem viele Balten, Belorussen – und Ukrainer.Im Westen ist der Begriff „Nazi“ ganz eindeutig mit Antisemitismus und Holocaust verknüpft. Wenn Putin heute von „Entnazifizierung“ in der Ukraine spricht, dann zieht er dagegen eine Verbindungslinie von der Verteidigung der Sowjetunion gegen Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg zur vermeintlichen Gefährdung Russlands durch „Nazis“ in der Ukraine. Um Antisemitismus geht es überhaupt nicht. Deshalb stößt sich auch in Russland kaum jemand daran, dass die ukrainische Regierung als Bande von „Nazis“ bezeichnet wird, obwohl an deren Spitze ein Jude steht, der einen großen Teil seiner Familie im Holocaust verloren hat.

Ist an der Warnung vor ukrainischen „Nazis“ etwas dran?
Dass es in der Ukraine rechtsextreme Tendenzen gab und gibt, ist nicht zu bestreiten. Im ukrainischen Parlament kamen die zersplitterten rechtsextremen Parteien allerdings bisher nur selten über die geltende Fünf-Prozent-Hürde.

Das berüchtigte „Asowsche Regiment“, ein rechtsextremes Freiwilligenbataillon, formierte sich nach der russischen Krim-Annexion und der teilweisen Besetzung des Donbass. Es wurde im Dezember 2014 kurzerhand in die reguläre Armee integriert und soll Berichten zufolge derzeit die Hafenstadt Mariupol verteidigen.

Seit ukrainische Nationalisten Ende der 1930er Jahre den bewaffneten Widerstand gegen die Sowjetmacht aufgenommen haben, dienen sie dem Kreml als Feindbild in der Propaganda-Schlacht. Als „Banderisten“ („banderivka“) werden damals wie heute ukrainische Nationalisten betitelt. Der Name leitet sich her von Stepan Bandera, dem Anführer des extremen Nationalistenflügels in den 1930er und 40er Jahren.

Wer war Stepan Bandera?
1909 in einem kleinen Ort in Galizien, der heutigen Westukraine, geboren, engagierte sich Stepan Bandera schon als Student für eine unabhängige Ukraine und kämpfte mit terroristischen Mitteln gegen die damals herrschenden Polen. 1939 wurde Polen in Folge des Hitler-Stalin-Pakts zwischen der Sowjetunion und Deutschland aufgeteilt. Banderas Heimat fiel an die Sowjets. Als nach dem Überfall Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion die Wehrmacht 1941 in Galizien einmarschierte, bedeutete dies für Bandera und viele andere eine Chance für die Ukraine, endlich unabhängig zu werden. Daher kooperierte seine Partei mit den Nazis. Im Sommer 1941 marschierten zwei von der Wehrmacht aufgestellte ukrainische Freiwilligenbataillone in Lemberg (heute Lwiw) ein und riefen einen autonomen ukrainischen Staat aus. Weil die deutschen Besatzer der Ukraine die Unabhängigkeit verwehrten, wandte sich Bandera gegen sie. Er wurde umgehend verhaftet und im KZ Sachsenhausen inhaftiert.

Den Sowjets galt er ebenfalls als Staatsfeind und wurde in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Deshalb blieb Bandera nach 1945 in München, wo er 1959 vom sowjetischen Geheimdienst KGB ermordet wurde.

Die Zentral- und Ostukraine war ja Sowjetrepublik und seit 1922 Teil der UdSSR. War das Verhältnis zu den Russen dort besser?
In der Zentral- und Ostukraine hatte die Bevölkerung in den 1930er Jahren unter Deportationen, Verhaftungen und der Zwangskollektivierung durch Stalin zu leiden. Die Regierung in Moskau war vielen Menschen verhasst, was sich auch auf die Russen übertrug. Obwohl Stalin bekanntermaßen ja Georgier und kein Russe war. Im kollektiven Gedächtnis der Ukrainer verhaftet ist vor allem der Holodomor; das heißt: Tod durch Hunger. 5 bis 6 Millionen Sowjetbürger, unter ihnen mehr als 4 Millionen Ukrainer, verhungerten 1932/1933.

Wodurch wurde der Holodomor ausgelöst?
Um die Sowjetunion politisch wie wirtschaftlich zu einer Großmacht aufsteigen zu lassen, musste nach Stalins Ansicht auch die Landwirtschaft umstrukturiert werden. Überall sollten Großbetriebe die bisherige dörfliche, kleinbäuerliche Wirtschaftsweise ersetzen. Dies wurde mit brachialer Gewalt durchgesetzt. In der Ukraine war der Widerstand gegen die Kollektivierung am stärksten. Die landwirtschaftliche Produktion ging zurück. Die Bauern mussten aber dennoch ihre von Moskau verordneten Lieferquoten erfüllen, was dazu führte, dass sie selbst nichts mehr zum Überleben hatten.

Ganze Landstriche in der Ukraine waren am Ende entvölkert. In diese Regionen siedelte Stalin russische Bauern um. Vergessen haben dies die Ukrainer nie.

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