Krieg in der Ukraine RHEINPFALZ Plus Artikel Ukraine: Gesundheitssystem vor dem Kollaps

Menschen neben einem durch Granatbeschuss verwundeten Mann in einer Klinik in Mariupol.
Menschen neben einem durch Granatbeschuss verwundeten Mann in einer Klinik in Mariupol.

Angriffe auf Krankenhäuser, immer mehr Verletzte, Stromausfälle sowie akuter Mangel an Medizin und Ausrüstung: Dem Gesundheitssystem der Ukraine droht der Zusammenbruch. Die anhaltende Gewalt behindert die rasche Auslieferung von Hilfsgütern.

Zwei Wochen nach Beginn der Aggression Russlands rückt der Kollaps des Gesundheitssystems der Ukraine näher. Der Regionaldirektor für Europa der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Hans Henri Kluge, warnt vor einer „menschlichen Katastrophe“ in der Ukraine, in dem die Versorgung kranker und verletzter Menschen schon vor Beginn der Feindseligkeiten nicht dem Standard westeuropäischer Staaten entsprach.

Der eskalierende Konflikt produziert jetzt immer mehr Opfer, darunter Schwerverletzte, die dringend eine Behandlung brauchen. Der Generaldirektor des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), Robert Mardini, warnt vor den Folgen für die Krankenhäuser: „Die Gesundheitseinrichtungen sind mehr und mehr überfordert.“

Immer wieder Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen

Insgesamt starben laut UN-Zählung bis Montag infolge der Gewalt mindestens 474 Zivilisten, 861 erlitten Verletzungen. Die Dunkelziffer dürfte, wie das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte bestätigt, weitaus höher liegen. Hinzu kommen die getöteten und verwundeten Soldaten, wahrscheinlich Tausende.

Als unmittelbar lebensgefährlich für Zivilisten erweisen sich die militärischen Attacken auf Gesundheitseinrichtungen und Ambulanzen. Bis Mittwoch konnte die WHO 18 Angriffe auf Einrichtungen bestätigen, bei denen mehr als zwei Dutzend Menschen verletzt oder getötet wurden. Weitere Militärschläge werden untersucht. Der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, Filippo Grandi, betont, dass der Beschuss von Zivilisten und zivilen Einrichtungen wie Krankenhäusern „das schlimmste Kriegsverbrechen“ darstellt.

Gesundheitspersonal traut sich nicht zur Arbeit

Allein in den Kampfzonen und in Gebieten, die bereits von den russischen Invasoren erobert worden sind, befinden sich nach WHO-Einschätzung Hunderte von Krankenhäusern, Arztpraxen und anderen medizinischen Anlaufstellen. „Die Menschen dort trauen sich wegen der Kämpfe und der Explosionen nicht, zu einer nötigen Behandlung zu gehen“, sagt Tarik Jasarevic, WHO-Sprecher, der sich derzeit in der Ukraine aufhält. Auch Gesundheitspersonal wagt sich oft aufgrund des Beschusses nicht zum Arbeitsplatz.

Ein Brennpunkt der sich stetig verschlimmernden Gesundheitskrise ist die südliche Hafenstadt Mariupol, die unter starkem russischem Feuer steht. IKRK-Sprecher Ewan Watson spricht von einer „apokalyptischen Situation“ in dem eingeschlossenen Ort, in dem in Friedenszeiten mehr als 400.000 Einwohner leben.

Kaum mehr sauberes Wasser

Die Vorräte des Roten Kreuzes in Mariupol, darunter medizinische Güter, waren nach Angaben des Sprechers am Dienstag aufgebraucht. Ebenso herrscht in den Gesundheitseinrichtungen anderer Regionen der Ukraine ein großer Mangel an Medikamenten und Ausrüstung: Es fehlt an Sauerstoff, Insulin, Betäubungsmitteln, Blutreserven, Schutzkleidung und Operationsbesteck. Die Stromversorgung fällt in vielen Gebäuden des Gesundheitswesens langfristig aus, und sauberes Wasser ist nicht mehr verfügbar.

Bis Mittwoch brachte die WHO 81 Tonnen medizinisches Material in die Ukraine; die Gewalt verhindert aber eine schnelle Auslieferung der Güter an die Krankenhäuser. WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus verlangt deshalb von den Kriegsparteien, eine „sichere Passage“ für die Transporte zu garantieren. Doch eine stabile Errichtung der sogenannten humanitären Korridore, in denen es nicht zu Kampfhandlungen kommen darf, lässt auf sich warten.

Sorge vor Ausbreitung von Infektionskrankheiten

Als Folge des Krieges, so befürchtet die WHO, werden sich in der Ukraine nun Infektionskrankheiten erheblich ausbreiten – besonders Covid-19 bereitet den Experten Sorge. In der vergangenen Woche erfassten die Gesundheitsbehörden 731 Covid-19-Todesfälle. Auch die niedrige Impfquote macht der Ukraine in den Konfliktzeiten noch mehr zu schaffen als unter normalen Bedingungen. Nur ein Drittel der Menschen über 60 Jahre ist komplett gegen eine Corona-Erkrankung geimpft. Der russische Überfall verhindert nun die nötige Intensivierung der Impfkampagne.

Zudem kämpft die Ukraine mit der Tuberkulose, das Land hat europaweit mit die meisten Fälle. Eine Heilung von Erkrankten ist nur dann möglich, wenn sie sich über einen längeren Zeitraum ungestört eine Therapie unterziehen können. Die Gewalt dürfte somit auch die Hoffnung etlicher Tuberkulose-Patienten auf Genesung zunichte machen.

Der schlimmste Fall für das Gesundheitswesen im russischen Krieg wäre jedoch der Einsatz von Nuklearwaffen oder eine Attacke auf einen der ukrainischen Atomreaktoren mit Kernschmelze und Austritt großer Mengen von Radioaktivität.

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