Meinung
Tunesien vor dem Scherbenhaufen
Präsident, Regierung und Parlament bekämpfen sich, während die Wirtschaft des Landes auf den Abgrund zurast und die Corona-Pandemie unkontrolliert wütet. Tunesien ist dabei, die demokratischen Errungenschaften der vergangenen Jahre zu verspielen. Zehn Jahre nach dem Arabischen Frühling steht die einzige Demokratie in Nordafrika vor einem Scherbenhaufen. Präsident und Parlament liegen über Kreuz, ihre jeweiligen Anhänger bekämpfen sich auf den Straßen.
Schuld daran ist eine politische Klasse, die das eigene Wohl über das des Landes stellt und die es seit 2011 nicht geschafft hat, den Menschen eine wirtschaftliche Perspektive zu geben.
Der Absturz ist nicht unausweichlich
Ein Absturz in Chaos und Gewalt wie im benachbarten Libyen ist in Tunesien aber nicht unausweichlich. Das Land hat eine starke Zivilgesellschaft, die schon nach dem Sturz von Diktator Zine El Abidine Ben Ali eine wichtige Rolle beim Aufbau der Demokratie spielte. Dazu gehören mächtige Gewerkschaften, auf die viele nun ihre Hoffnungen setzen: Können die Arbeitnehmervertretungen mäßigend eingreifen? Kann sich Tunesien ein zweites Mal retten?
Nach Jahren des Staatsversagens spricht zwar vieles dagegen. Doch es ist zu früh, das Land abzuschreiben, das schon einmal ein Zeichen der Hoffnung für eine ganze Region gesetzt hat.
