Pflege
Traumberuf Pflege: Wie die Arbeitsagentur versucht, Pflegekräfte zu finden
Für Jessica Lerch war es ein Weg mit einigen Hürden, doch sie hat bislang alles gemeistert: Im Herbst wird sie ihre Ausbildung als examinierte Altenpflegerin abschließen. Die dreifache Mutter hat schon als Schülerin damit geliebäugelt, in der Altenpflege zu arbeiten. Deshalb entschied sich die heute 33-Jährige nach dem Hauptschulabschluss, ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Pflegeheim zu absolvieren. Dort lief es jedoch nicht gut. „Ich wurde gemobbt und habe dann abgebrochen“, sagt Lerch. Sie begann eine Ausbildung als Bäckereifachverkäuferin. Die Arbeitszeiten und die weggefallene Betreuung der Kinder zwangen sie, aufzugeben. Jessica Lerch arbeitete dann fünf Jahre in der Gebäudereinigung – morgens, um Zeit für ihre drei Kinder zu haben. Doch irgendwie wollte sie mehr, sie wollte einen Beruf, der sie ausfüllt.
Anstoß durch den Arbeitgeber
Bei einem ambulanten Pflegedienst arbeitete sie zunächst im hauswirtschaftlichen Bereich. Ihr Arbeitgeber gab dann den Anstoß, dass sie sich mit dem Arbeitsamt in Verbindung setzte. Nach einem Berufswahltest hatte sie es schwarz auf weiß: Geeigneter Beruf wäre Altenpflegerin. Als hätte sie das nicht schon gewusst. Am 1. Oktober 2017 beginnt Jessica Lerch die einjährige Ausbildung zur Altenpflegehelferin.
Mit Vorurteilen aufräumen Die junge Mutter wird über das 2018 vom Bundestag beschlossene Qualifizierungschancengesetz gefördert. Dabei geht es um berufliche Weiterbildungsmöglichkeiten für Geringqualifizierte sowie für Beschäftigte, deren berufliche Tätigkeiten durch Technologien ersetzt werden oder vom Strukturwandel bedroht sind. Für Jessica Lerch, die keine Berufsausbildung hat, ist das die Chance. Das Gesetz trifft auch für Menschen zu, deren Berufsabschluss mindestens vier Jahre zurückliegt und die nicht innerhalb der letzten vier Jahre an einer mit öffentlichen Mitteln geförderten Weiterbildung absolviert haben.
Auf der einen Seite herrscht in vielen Bereichen Fachkräftemangel, auf der anderen Seite sind ungefähr 1,5 Millionen Menschen zwischen 20 und 30 Jahren ohne jede Form von beruflicher Erstausbildung. Mit dem Gesetz soll also denjenigen, die es noch nicht gepackt haben, eine zweite Chance gegeben werden, einen Berufsabschluss zu erlangen. In Rheinland-Pfalz haben im vergangenen Jahr laut der Regionaldirektion- Rheinland-Pfalz-Saarland der Arbeitsagentur 15.200 Frauen und Männer eine berufliche Weiterbildung begonnen. Bei 3500 führt sie zu einem Berufsabschluss.
Anreiz die Ausbildungsvergütung
Jessica Lerch findet in Ulrike Mechnich von der Ludwigshafener Arbeitsagentur ihre Ansprechpartnerin. Ein Anreiz für manche, sich weiterzubilden, sei sicher auch die finanzielle Seite, sagt Arbeitsvermittlerin Mechnich. In der Ausbildung zur Altenpflegehelferin sind das monatlich 1900 Euro brutto. Dazu werden die Kosten für die Schule, für Fahrten, Seminare und Bücher übernommen, und es gibt einen Zuschuss zur Kinderbetreuung. Wer sich dann noch zwei weitere Jahre zur Fachkraft für Altenpflege ausbilden lässt, erhält in diesem Zeitraum zwischen 2300 und 2500 Euro brutto im Monat. Eine examinierte Fachkraft kommt auf einen Monatslohn zwischen 2500 bis 2800 Euro brutto.
Aber auch für die Arbeitgeber lohnt es sich, Mitarbeiter zur Weiterbildung zu motivieren. Zum einen erhalten sie damit Fachkräfte, zum anderen werden sowohl die Weiterbildung als auch die Lohnkosten durch Zuschüsse der Bundesagentur gefördert. In welchem Umfang die Firmen unterstützt werden, ist abhängig von der jeweiligen Betriebsgröße.
Vorurteile gegen Pflegeberuf ausräumen
Mechnich und ihren Kollegen in der Arbeitsagentur liegt es am Herzen, mit den Vorurteilen gegen den Pflegeberuf aufzuräumen. Sie verhehlen nicht, dass Pflege ein Knochenjob mit schwierigen Arbeitszeiten ist, dafür aber ein krisensicherer. „Immer mehr Menschen zeigen Interesse – auch Männer“, stellt Mechnich fest.
So haben im vergangenen Jahr in Rheinland-Pfalz auf der Basis des Qualifizierungschancengesetzes 592 Frauen und Männer eine Ausbildung zur Altenpflegefachkraft begonnen, 2018 waren es 453, im Jahr 2017 lag die Anzahl bei 405. Und sie alle haben beste Chancen auf einen Arbeitsplatz: „Sie tauchen in der Regel nach der Ausbildung gar nicht mehr bei uns auf“, sagt die Arbeitsvermittlerin. In den Jahren 2018 und 2019 wurde bundesweit gut jede vierte Ausbildung zur Altenpflegefachkraft in Form einer geförderten Weiterbildung begonnen.
Trotz Schicksalsschlags Helferausbildung beendet
Wie wichtig die Begleitung durch einen Ansprechpartner bei der Arbeitsagentur sein kann, hat Jessica Lerch am eigenen Leib erfahren. Vier Monate nach dem Ausbildungsbeginn zu ihrem Wunschberuf starb ihr jüngster Sohn. „Da habe ich mir die Frage gestellt: Wofür mach’ ich das alles?“, erzählt die junge Frau von der Zeit, als ihr Leben von jetzt auf nachher aus den Fugen geraten ist. Die Arbeitsvermittlerin war in diesen Wochen und Monaten eine gute Zuhörerin und Unterstützerin, lobt Lerch die Zuwendung. „Gerettet hat mich aber meine Arbeit, ohne sie wäre ich sang- und klanglos untergegangen“, sagt sie rückblickend. Am Ende des ersten Ausbildungsjahres steht im Zeugnis ein Notendurchschnitt von 1,6. Und damit ist die Voraussetzung gegeben – notwendig ist ein Notenschnitt unter 2,4 – , dass Lerch weitere zwei Jahre die Schulbank drücken kann.
Als Altenpflegefachkraft stehen alle Türen offen
In ihrer täglichen Arbeit in der ambulanten Pflege vermisst die junge Frau eines am meisten: Zeit zu haben für die Patienten, damit man dem Einzelnen gerecht werden kann. „Ein Mensch, der an Demenz erkrankt ist, braucht andere Unterstützung und Fürsorge als einer, der an Altersschwäche leidet“, sagt Lerch. Und was wünscht sich die angehende Altenpflegerin? „Mehr Schulungen und Fortbildungen. Aber das ist angesichts des Mangels an Mitarbeitern leider schwer umsetzbar.“
Jessica Lerch werden im September nach der letzten, der mündlichen Prüfung als examinierte Altenpflegerin alle Türen offen stehen. Sie weiß, dass dieser Job viel abverlangt, aber im Brustton der Überzeugung sagt sie: „Das ist nicht nur ein Beruf für mich, sondern Berufung.“