Argentinien RHEINPFALZ Plus Artikel Systemsprenger und Demokratieverächter wird neuer Präsident

Javier Milei gilt als aufbrausend und aggressiv.
Javier Milei gilt als aufbrausend und aggressiv.

Der Wahlsieg Javier Mileis bedeutet das Ende der alten politischen Ordnung in Argentinien. Er will alles zerstören, was das Land bisher ausgemacht hat – und es dann neu aufbauen. Argentinien stehen turbulente Zeiten bevor.

Ob Javier Milei in diesen Tagen mal für einen Moment innehält und die vergangenen drei Jahre kurz an sich vorbeiziehen lässt? Jahre wie im Zeitraffer, in denen er vom TV-Wüterich zum Parteigründer und Abgeordneten und jetzt zum Präsidenten eines der wichtigsten Länder Lateinamerikas wurde. Die Karriere des 53-Jährigen, wenn man das denn so nennen will, ist tatsächlich schwindelerregend. Aber je turbulenter die Zeiten, desto rasanter und radikaler die Veränderungen. Und die Zeiten in Argentinien als turbulent zu bezeichnen, ist fast schon eine Untertreibung.

Der Rechtspopulist Milei erreichte bei der Stichwahl am Sonntag 55,6 Prozent der Wählerstimmen und landete damit vor seinem Konkurrenten, Wirtschaftsminister Sergio Massa. Milei ist nicht weniger als ein Systemsprenger und Demokratieverächter. Denn er fordert, alles zu zerstören, was Argentinien bisher ausgemacht hat – und das Land dann neu aufzubauen. Er ist ein „Outsider“ mit radikalen Ideen und gefährlichen Vorschlägen, der Donald Trump und Jair Bolsonaro als seine Vorbilder bezeichnet. Lange hat er sogar dem Tragen von Waffen und dem Verkauf von Organen und Kindern das Wort geredet.

Milei ist aufbrausend und aggressiv und versteht sich auf Beleidigung und Zerstörung, aber ob er auch konstruktiv und aufbauend sein kann, muss er erst noch zeigen. Zweifel sind angebracht. Zumal er schon in drei Wochen antritt, ohne auch nur in Ansätzen dazu das Personal zu haben.

Papst als „Inkarnation des Kommunismus“

Der Libertäre steht für das Ende einer alten politischen Ordnung. Und dabei hilft ihm sehr, dass er nicht aus der Politik kommt, sondern mal Mitarbeiter internationaler Banken, Unternehmensberater und zuletzt TV-Kommentator war. Mit seiner radikalen Freiheitsphilosophie und dem Äußeren eines Rockmusikers passt er so gar nicht in das Schema der sonst so moralinsauren und gläubigen Rechtsaußen vor allem in Lateinamerika. Seine Grundsätze „Leben, Freiheit und Eigentum“ dehnt er auf alle Lebensbereiche aus. Während er Abtreibungen ablehnt, das freie Tragen von Waffen befürwortet oder den Klimawandel leugnet, verteidigt er das individuelle Recht auf Geschlechtswahl, die Homo-Ehe und die Legalisierung von Drogen. Er propagiert die freie Liebe, ist antiklerikal und hält Papst Franziskus für die „Inkarnation des Kommunismus“. Argentinien ist ein Sanierungsfall mit gespenstischen Wirtschaftsdaten, ein Land, das immer am Rande der Staatspleite tänzelt. Aber es ist eben auch ein Land der Kultur und Bildung und unfasslicher Ressourcen. Es ist immerhin noch die drittgrößte Volkswirtschaft Lateinamerikas und das Land mit der viertgrößten Bevölkerung.

Aber am Rio de la Plata haben sie schon viele charismatische Figuren, Politiker und Politikerinnen von links und rechts kommen sehen. Evita Perón, ihren Mann und Nazifreund Juan Domingo Perón oder das Ehepaar Kirchner. Alle gingen, nur die Krise blieb. Nun also darf sich Javier Milei als Insolvenzverwalter versuchen.

Der künftige Präsident träumt davon, sein Land in nur zwei Amtszeiten vor dem Untergang zu retten. Danach geht er in den Ruhestand, lässt sich auf dem Land nieder und widmet sich den drei Quellen seines größten Glücks: seinen englischen Doggen, seiner Schwester Karina und dem Studium der Wirtschaftswissenschaften. Kommentar

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